NewsMedizinTyp-2-Diabetes: Metabolische Chirurgie schützt Adipöse vor Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Typ-2-Diabetes: Metabolische Chirurgie schützt Adipöse vor Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Dienstag, 3. September 2019

/shidlovski, AdobeStock.com

Cleveland (Ohio) – Für extrem adipöse Menschen mit einem Typ-2-Diabetes sind Magen­verkleinerung und Magenbypass nicht nur die effektivste Methode zur Gewichtsabnahme. Nach den Erfahrungen eines US-Zentrums im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2019; doi: 10.1001/jama.2019.14231) kann die „metabolische“ Chirurgie die Patienten auch vor Herz-­Kreislauf-Erkrankungen und einem vorzeitigen Tod schützen.

An den Kliniken des Cleveland Clinic Health Systems in Ohio und Florida hab­en sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten 2.757 Menschen mit Typ-2-Diabetes den Darm ver­kürzen (meist Roux-en-Y-Bypass) und/oder den Magen verkleinern lassen (meist Sleeve-Gastrektomie).

Anzeige

Die meisten Patienten waren extrem adipös (BMI median 45,1) und das primäre Ziel der Operation war eine Gewichtsreduktion. Die Patienten nahmen in den 8 Jahren nach der Operation um 29,1 kg ab. In einer Vergleichsgruppe von ebenso adipösen Typ-2-Diabeti­kern, die keine Operation durchführen ließen, betrug die Gewichtsreduktion nur 8,7 kg.

Doch die Diabetiker verloren nicht nur an Gewicht. Auch der Stoffwechsel verbesserte sich deutlich. Steven Nissen von der Cleveland Clinic in Ohio bezeichnet die Eingriffe des­halb als „metabolische Chirurgie“. Der Vergleich mit jeweils 5 Patienten, die sich kei­ner Operation unterzogen, zeigte, dass die Operation den Blutzucker deutlich verbesser­te.

Während sich der HbA1c-Wert in der Kontrollgruppe kaum veränderte, sank er nach der Adipositas-Chirurgie auf etwa 6,5 %, ein für Menschen mit Typ-2-Diabetes sehr gutes Er­gebnis. Gesunde Menschen haben einen Wert zwischen 4,5 und 6,0 %, ein Wert von 6,5 % liegt an der Grenze zur Diabetesdiagnose.

Weniger schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen

In der Folge kam es bei den operierten Patienten seltener zu schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zu den gefürchteten Spätkomplikationen des Typ-2-Diabetes gehören. Ein MACE (“major adverse cardiovascular event“) trat in den ersten 8 Jahren nach der Ope­ration bei 30,8 % der operierten Patienten auf gegenüber 47,7 % in der Kontrollgruppe.

Die absolute Risikodifferenz von 16,9 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenz­in­tervall von 13,1 bis 20,4 Prozentpunkten hoch signifikant. Eine adjustierte Hazard Ratio von 0,61 (0,55 bis 0,69) bedeutet, dass die Operation das MACE-Risiko um nicht weniger als 39 % gesenkt hatte.

Die „metabolische Chirurgie“ senkte auch das Sterberisiko. Von den operierten Typ 2-Dia­be­ti­kern waren 10 % gestorben gegenüber 17,8 % in der Kontrollgruppe. Dies ergibt eine signifikante absolute Risikodifferenz von 7,8 % (5,1 bis 10,2 %) und eine adjustierte Ha­zard Ratio von 0,59 (0,48 bis 0,72).

Jede einzelne Komponente des MACE-Endpunkts trat bei den operierten Patienten selte­ner auf. Neben dem Tod waren dies koronare Ereignisse (instabile Angina pectoris, Myo­kardin­farkt oder Koronarintervention/-operation), zerebrovaskuläre Ereignisse (ischä­mischer Schlaganfall, hämorrhagischer Schlaganfall, Karotisintervention/-operation), Herzin­suffizienz, Nephropathie und Vorhofflimmern. Vor all diesen Ereignissen kann eine „metabolische Chirurgie“ stark übergewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes schützen.

Endgültig beweisen kann die Studie den Nutzen der Operation allerdings nicht. Es bleibt möglich, dass andere Eigenschaften der Patienten für die Unterschiede mit verantwort­lich sind. Menschen, die den Schritt zu einer Operation wagen, sind vielleicht entschlos­se­ner, ihr Leben auch in Bereichen zu ändern, die nicht von der Operation erzwungen wer­den. Dies könnte mehr Sport oder ein gesünderer Lebenswandel sein.

Nissen fordert jetzt eine größere randomisierte Studie, die den Einfluss der Operation auf die Herz-Kreislauf-Endpunkte näher untersuchen soll. Ob es zu einer solchen Unter­neh­mung kommt, bleibt abzuwarten.

Im vergangenen Jahr war ein Team um David Arterburn vom Kaiser Permanente Washing­ton Health Research Institute in Seattle ebenfalls in JAMA (2018; 320: 1570-1582) zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Die Daten des US-Versicherers zeigten, dass die bari­atrische Therapie nach etwa 5 Jahren das Auftreten von makrovaskulären Ereignissen um 40 % gesenkt hat (2,1 versus 4,3 % Hazard Ratio 0,60; 0,42 bis 0,86). © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. September 2019
Oxford – Eine frühe Kombinationstherapie, die Metformin mit Vildagliptin kombiniert, hat den Blutzuckerlangzeitwert HbA1c in einer randomisierten kontrollierten Langzeitstudie effektiver kontrolliert
Typ-2-Diabetes: Frühe Kombinationstherapie erzielt in Studie langfristige Vorteile
20. September 2019
Berlin – Künstliche Intelligenz (KI) soll künftig kardiologische Telemedizinzentren unterstützen und ihnen so ermöglichen, mehr Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz zu betreuen. Daran forscht
Künstliche Intelligenz soll telemedizinische Betreuung effektiver machen
19. September 2019
Hannover – Der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas ist einer Mitteilung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) zufolge innerhalb von zehn Jahren um ein Drittel gestiegen. Er habe sich
KKH sieht starken Anstieg bei adipösen Kindern
18. September 2019
Boston – Der chronische Schlafmangel von Jugendlichen steht im Verdacht, die Adipositas zu befeuern. In einer Querschnittstudie in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2019.3089) waren
Nächtlicher Chronotyp und sozialer Jetlag fördern Adipositas bei weiblichen Teenagern
17. September 2019
Berlin – Der Selbsthilfeverband diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe hat an private Krankenversicherer appelliert, Diabetespatienten gegenüber gesetzlich Krankenversicherten nicht zu benachteiligen
Privatversicherte beim kontinuierlichen Glukosemonitoring mitunter schlecht versorgt
16. September 2019
Kiel – Veränderungen des Darmmikrobioms bei Typ-2-Diabetes hängen vor allem mit Übergewicht und der Einnahmen von Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten zusammenhängen und weniger mit der
Übergewicht bestimmender Faktor für Zusammensetzung des Darmmikrobioms bei Typ-2-Diabetes
11. September 2019
Berlin – CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag 2018 eine nationale Diabetesstrategie beschlossen. Diese befände sich inzwischen in den Endzügen, verkündete die gesundheitspolitische Sprecherin
VG WortLNS LNS LNS LNS
Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER