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Medizin

Herz-Kreislauf-Erkran­kungen erklären hohes Sterberisiko in ärmeren Ländern

Dienstag, 3. September 2019

/pitb_1, stockadobecom

Laval und Hamilton – Von schätzungsweise 55 Millionen Erwachse­nen, die 2017 gestorben sind, entfielen 17,7 Millionen Todesfälle auf Herz-Kreis­lauf-Er­krankungen, die damit weltweit die häufigste Todesursache sind – außer in den Ländern mit dem höchsten Einkommen.

Dort sterben nach den im Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(19)32008-2) veröffent­lichten Ergebnissen 2-mal so viele Menschen an Krebs wie an Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen. Nach einer weiteren Analyse im Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(19)32007-0) sind 70 % aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen.

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Es ist bekannt, dass die Lebenserwartung in Ländern mit hohem Einkommen (High Income Country, HIC) deutlich höher ist als in Ländern mit mittlerem Einkommen (MIC) oder niedrigem Einkommen (LIC). Die Unterschiede wurden lange auf die höhere Kin­dersterb­lichkeit in den LIC zurückgeführt. Eine neue Analyse der PURE-Studie („Pros­pec­tive Urban and Rural Epidemiologic“) zeigt jedoch, dass dies nur ein Teil der Erklärung ist.

Die PURE-Studie begleitet seit 2005 162.534 Erwachsene im Alter von 35 bis 70 Jahren, von denen in den ersten 9,5 Jahren 11.307 (7 %) gestorben sind. Die laufende Studie wird in 21 Ländern durchgeführt. Darunter sind 4 HIC (Kanada, Saudi-Arabien, Schweden und die Vereinigten Arabischen Emirate), 12 MIC (Argentinien, Brasilien, Chile, China, Kolum­bien, Iran, Malaysia, Palästina, Philippinen, Polen, Türkei und Südafrika) und 5 LIC (Bang­ladesch, Indien, Pakistan, Tansania und Simbabwe).

Die Gesamtmortalitätsrate der Erwachsenen war in den LIC mit 13,3 Todesfällen pro 1.000 Personenjahre doppelt so hoch wie in den MIC (6,9 Todesfälle pro 1.000 Perso­nenjahre) und 4-mal höher als in den HIC (3,4 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre). Der Unterschied ist nach der von Gilles Dagenais von der Université Laval in Quebec und Mitarbeitern vorgestellten Analyse vor allem auf eine hohe Zahl von Herz-Kreislauf-To­desfällen zurückzuführen.

Der Anteil der Herz-Kreislauf-Erkrankungen an allen Todesfällen betrug in den LIC 43 %, in den MIC 41 %, aber in den HIC nur noch 23 %. In den HIC starben dagegen 55 % der Menschen an Krebs. In den MIC betrug der Anteil 30 % und in den LIC nur 15 %. Das be­deutet allerdings nicht, dass Krebstodesfälle in den LIC seltener sind. In absoluten Zahlen ist die Sterblichkeit genauso hoch wie in den reicheren Ländern. Der relative Anteil ist geringer, weil mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben.

Die hohe Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle ist laut Dagenais nicht auf einen ungesünde­ren Lebensstil zurückzuführen. Die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass Menschen in den ärmeren Ländern medizinisch schlechter versorgt würden. Es werde weniger in die Herz-Kreislauf-Prävention (etwa durch die Behandlung der Hypertonie) investiert und im Fall einer Erkrankung (etwa eines Herzinfarktes) fehle es an effektiven Behandlungs­mög­lich­­keiten.

Die zweite Analyse zeigt noch einmal, dass die meisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit auch Todesfälle vermeidbar sind. Salim Yusuf von der McMaster University in Ha­mil­ton (Ontario) und Mitarbeiter haben anhand der PURE-Daten die attributablen Risiken („population attributable fraction“, PAF) berechnet. Insgesamt sind nach der Analyse 70 % aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen, also im Grunde genommen vermeidbar.

Den größten Anteil haben mit einer PAF von 41,2 % Stoffwechselfaktoren, wobei mit einer PAF von 22,3 % mehr als die Hälfte auf den Bluthochdruck zurückzuführen sind. Ein weiterer Cluster waren Verhaltensrisikofaktoren. Sie sind nach den Berechnungen von Yusuf für 26,3 % der Herz-Kreislauf-Todesfälle verantwortlich. Mit einer PAF von 12,5 % entfällt die Hälfte auf ein niedriges Bildungsniveau. Bildung ist eine Voraussetzung für die Vermeidung von Herz-Kreislauf-Risiken und sie kann auch dazu beitragen, dass Men­schen im Krankheitsfall rechtzeitig die richtige Behandlung erhalten.

Insgesamt 13,9 % aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind der Analyse zufolge auf die Luftverschmutzung zurückzuführen. Ihr Anteil ist in den LIC am höchsten. Eine wichtige Ursache ist dabei die Verwendung von Holz und anderen festen Brennstoffen zum Kochen und zum Heizen der Wohnungen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #760232
penangexpag
am Mittwoch, 4. September 2019, 16:53

Risikofaktoren ..Studien

Die Physik kennt "eindeutige Experimente" - weil man ,jedenfalls sollte es so sein, die Versuchsbedingungen eindeutig wählen kann. Die Medizin ist nicht in dieser glücklichen Lage. Aus praktischen wie auch aus ethischen Gründen. Darum kann nur in ganz wenigen Fällen ein wirklich eindeutiger Kausalzusammenhang hergestellt werden. Wahrscheinlich sogar nie. Daher der Ausweg, mittels statistisch basierter Studien Korrelationen herzustellen. Die Wahrscheinlichkeit einer Korrelation hängt gewaltig von den Randbedingungen solcher Studien ab - und ganz sicher werden aus vielerlei Gründen auch Studien veröffentlicht, deren Korrelationen nicht sehr hoch bewertet werden können - auch wenn das nicht so deutlich gemacht wird. Jedenfalls ist das mein Eindruck bei sehr vielen im Ärzteblatt zitierten Studien. Und im Grunde wissen das auch alle und es lohnt nicht, jedesmal wieder auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität hinzuweisen. Ich sehe in den hier zitierten Studien eher einen Hinweis darauf, welche Fragestellungen überhaupt bearbeitet werden und weniger eine Therapie-Anleitung. Ein ausgleichendes Pendant wären vielleicht die Überlegungen von Prof.Dr. Giovanni Maio (Teleakademie vom 1.9.2019).
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Dienstag, 3. September 2019, 18:25

Wenn es da heißt,

»… sind 70 % aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen« dann bedeutet das, dass der Autor nicht die Bedeutung des Wortes „Risikofaktor“ kennt. In der Wikipedia ist dazu folgendes zu erfahren: »Der statistisch ermittelte Risikofaktor ist kein Beweis für einen tatsächlichen, verursachenden Zusammenhang zwischen Eigenschaft und Erkrankung, da er ein rein beschreibendes Maß einer beobachteten Häufigkeit darstellt«
LNS

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