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Politik

Schutzkonzepte zur Prävention sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen sind selten

Mittwoch, 4. September 2019

Johannes-Wilhelm Rörig /picture alliance, Wolfgang Kumm

Berlin – Schutz und Hilfe von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt in Einrich­tun­gen und Organisationen hängen viel zu oft vom Zufall oder dem Engagement einzel­ner ab und werden zu wenig als Qualitätsmerkmal einer Einrichtung gesehen. Das ist das Ergebnis des Monitorings (2015 bis 2018) zu Schutzkonzepten gegen sexu­elle Gewalt in Kitas, Schulen, Heimen, Internaten, Einrichtungen des religiösen Lebens und Sport­verei­nen – aber auch in Kliniken und Praxen, das heute in Berlin vorgestellt wurde.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hat zusammen mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) den Abschlussbericht des Monitorings vorgelegt.

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In fast 5.000 Einrichtungen wurden Leitungen und Fachkräfte befragt, welche Schutz- und Hilfsangebote sie einsetzen und auf welche Schwierigkeiten sie bei der Umsetzung stoßen. Im Ergebnis haben 33 Prozent der befragten Heime (442) umfassende Schutzkon­zepte installiert; 28 Prozent der Internate (102), 22 Prozent der Kitas (1.102), 20 Prozent der Kliniken mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche (165) und 13 Prozent der befragten Schulen (1.546). Bei den 1.157 befragten ambulanten Arzt- und Psychotherapeutenpraxen waren einzelne Präventionsmaßnahmen vorhanden.

„Die große Mehrheit der Einrichtungen, die wir befragen konnten, hat zwar einzelne Ele­mente von Schutzkonzepten umgesetzt. Umfassende Schutzkonzepte sind bisher eher sel­ten und noch in keinem Bereich flächendeckend vorhanden“, erläuterte Sabine Walper, Forschungsdirektorin des DJI. Es gebe Fortschritte im Vergleich zum letzten Monitoring 2013, aber es sei „noch einiges zu tun“.

Forderung nach gesetzlicher Verbindlichkeit

„Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche maximalen Schutz vor sexueller Gewalt erhalten, brauchen wir hierfür eine gesetzliche Verbindlichkeit und eine viel stärkere Un­terstützung der Einrichtungen vor Ort“, forderte der UBSKM Rörig. Freiwilligkeit alleine reiche nicht. „Die Politik darf es nicht bei Aktionismus nach spektakulären Missbrauchs­fällen wie in Staufen oder Lügde belassen“, erklärte er.

Die Bundesländer sollten ihre Förderbedingungen für Einrichtungen unter die Lupe nehmen und von dem Vorhandensein von Schutzkonzepten abhängig machen. Die Schulen, die nach dem Monitoring besonders wenig zum Schutz vor sexueller Gewalt tun, müssten verpflichtet werden, Schutzkonzepte zu installieren, erklärte der Missbrauchsbeauftragte. „Kinderschutz muss eine Daueraufgabe der Länder werden – dazu braucht es auch Landesmissbrauchsbe­auf­­tragte.“

Umfassende Schutzkonzepte haben nur 33 Kliniken

Unter den befragten bundesweit 165 Kliniken (Rücklaufquote 30 Prozent) mit Schwer­punkt auf Kinder und Jugendliche waren 70,9 Prozent somatische Kliniken, 32,7 Prozent psychia­trische Kliniken und 14,5 Prozent Reha-Kliniken. Nur 33 dieser Kliniken hatten bis­lang umfassende Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt etabliert.

Als förderliche Fak­toren für die Etablierung von Schutzmaßnahmen fanden die Wissen­schaftler vom DJI eine Team­kultur, die es ermöglicht, als problematisch wahrgenommene Situationen anzuspre­chen. Förderlich sei auch eine „sichtbare Verantwortungs­übernah­me“ durch die Klinik­leitung.

Elemente von Schutzkonzepten

  • Leitbild das Aspekte zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt enthält
  • Personalverantwortung: Prävention sexueller Gewalt wird in Bewerbungsgesprächen thematisiert sowie erweitertes Führungszeugnis vorgelegt
  • Handlungsplan: Plan für das Vorgehen im Kinderschutz ist vorhanden
  • Fortbildungen zum Thema Prävention sexueller Gewalt werden angeboten
  • Verhaltenskodex ist schriftlich niedergelegt
  • Partizipationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, Eltern und Mitarbeiter
  • Präventionsangebote für Kinder und Jugendliche
  • Beschwerdeverfahren für Kinder und Jugendliche ist vorhanden und geregelt
  • Kooperation mit anderen Berufsgruppen und Institutionen zur Prävention sexueller Gewalt

Als hemmend für den Kinderschutz fanden die DJI-Wissenschaftler, wenn die Partizipa­tion von Kindern und Jugendlichen im Klinikalltag nicht vorgesehen ist. Ungünstig sei auch, dass es bisher zu wenig Anreize und Mechanismen gibt, um Kliniken zur Entwick­lung eines Schutzkonzeptes zu motivieren. Für Kliniken, in denen bereits Ansätze eines Schutz­konzeptes etabliert sind, sei die Evaluation und die zuverlässige Umsetzung im Alltag personell und finanziell schwer zu leisten, so die Wissenschaftler.

Erstmalig nahmen der UBSKM und das DJI auch Praxen der ambulanten Gesundheitsver­sor­gung in das Monitoring auf. Mithilfe der Ärzte- und Psychotherapeutenkammern, der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Berufsverbände konnten 1.157 Praxen zum The­ma Kinderschutz befragt werden. Das Vorhandensein von Schutzkonzepten wurde nicht abgefragt. Darunter waren 48,3 Prozent Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, 35,8 Prozent Kinder- und Jugendärzte und -psychiater, 15,9 Prozent Gynäkologen, Allge­mein­mediziner und Internisten.

Bei der Befragung zeigte sich, dass das Bewusstsein, Praxen als „zentrale Kompetenzorte“ nach erlebter sexueller Gewalt zu sehen, unterschiedlich stark ausgebildet ist. Am stärks­ten sei dieses Bewusstsein bei den Psychotherapeuten vorhanden. Häufig seien Ärzte und Psychotherapeuten handlungsunsicher an den Schnittstellen Kinderschutzrecht, Patien­ten­recht und Arzthaftungsrecht.

Hemmend wirke auch die geringe Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendhilfe vor allem in ländlichen Gebieten. Die Befragten bemängel­ten zudem, dass das Engagement für Kinderschutzfälle nicht vergütet werde und dass es in der Ausbildung nicht ausrei­chend verankert sei.

Als förderlich für die Prävention sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen sehen nie­­der­gelassene Ärzte und Psychotherapeuten, dem DJI zufolge, einen kooperativen Zu­gang zur Kindergynäkologie und zur Rechtsmedizin.

Förderlich würden auch die Berufs­ord­nun­gen der Kammern erlebt, die ein Abstinenz­ge­bot in therapeutischen Beziehungen um­fassen. Selbsterfahrung, Supervision und Inter­vision sowie die Einführung von Quali­täts­manage­ment sorgten außerdem dafür, Über­griffe in Praxen zu erschweren, sagten die Befragten. © PB/aerzteblatt.de

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