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Medizin

Grippe: Chirurgische Maske schützt genauso gut wie teure N95-Atemschutzmaske

Mittwoch, 4. September 2019

/ Kadmy, stock.adobe.com

Pittsburgh – Einweg-Atemmasken, die mindestens 95 % aller Aerosole aus der Luft filtern (N95), haben in einer randomisierten pragmatischen Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 824-833) das Gesundheitspersonal in der Erkältungssaison nicht häufi­ger vor Atemwegserkrankungen einschließlich einer nachgewiesenen Grippe geschützt, als einfache chirurgische Gesichtsmasken.

Chirurgische Gesichtsmasken filtern die Atemluft von Ärzten und Pflegepersonal und ver­hindern dadurch eine Infektion des Patienten. Für einen Schutz in die andere Richtung sind sie eigentlich nicht vorgesehen, da die Masken nicht lückenlos an der Gesichtshaut schließen. Außerdem werden die Masken häufig „lässig“ getragen. Mit Viren oder anderen Krankheitskeimen besetzte Aerosole können seitlich an der Maske vorbei in die Atem­we­ge eindringen.

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Die US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) rieten deshalb dem Personal während der H1N1-Epidemie von 2009 („Schweinegrippe“) dringend, sich durch N95-Atemschutzmasken vor einer Ansteckung zu schützen. In vielen US-Kliniken sind sie danach zum Standardatemschutz geworden. Dies belastet nicht nur das Budget der Kliniken, da die N95-Atemschutzmasken relativ teuer sind. Aufgrund ihres geringen Tragekomforts sind sie beim Personal unbeliebt.

Eine frühere Laborstudie an Dummies hatte gezeigt, dass die chirurgischen Gesichtsmas­ken besser sind als ihr Ruf, wenn die Masken lückenlos auf der Haut anliegen: Viren wur­den in einer Testserie in Clinical Infectious Diseases (2012; 54: 1569-77) zu 94,5 % zu­rückgehalten. Der Unterschied zur N95-Atemschutzmaske, die 99,8 % der Viren zurück­hielt, war nicht sehr groß. Wenn die Masken nur „locker“ angelegt wurden, hielten sie weniger als 70 % der Viren zurück. Auch die N95-Atemschutzmaske war nicht effektiver, wenn sie nicht sachgerecht angelegt wurde.

Es gab also berechtigte Zweifel, ob die N95-Atemschutzmasken im klinischen Alltag wirk­lich eine größere Schutzwirkung erzielen als eine einfache chirurgische Gesichtsmaske. Eine randomisierte Studie, die die CDC an sieben Zentren durchführen ließ, bestätigt jetzt diesen Eindruck.

In 380 ambulanten Einrichtungen, darunter Polikliniken, Zahnarzt­prax­en, Notfallzentren, Hämodialysezentren, Notaufnahmen und Rettungsdiensten, wurde das Personal über vier Jahre während der Grippesaison gebeten, bei Patientenkontakten ent­weder Einweg-Atem­schutzmasken mit N95-Zertifikat oder herkömmliche chirurgische Gesichtsmasken zu tra­gen.

Die Teilnehmer, 2.862 Ärzte, Pflegekräfte oder anderes Personal mit Patientenkontakt, wurden gebeten, sich bei einer Erkrankung zu melden. In diesem Fall wurde ein Abstrich aus Nase und Rachen auf Krankheitserreger hin untersucht. Primärer Endpunkt war die Häufigkeit einer bestätigten Infektion mit Influenza A- oder B-Viren.

Wie ein Team um Lewis Radonovich aus einen Labor der CDC in Pittsburgh berichtet, kam es insgesamt zu 400 bestätigten Grippeinfektionen. Davon entfielen 207 Infektionen auf das Personal, das zum Tragen von N95-Atemschutzmasken gebeten wurde und 193 auf die Kontrollgruppe, die chirurgische Gesichtsmasken verwenden sollte.

Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war mithin gering und die adjustierte Odds Ratio von 1,18, die sogar einen tendenziellen Vorteil der chirurgischen Gesichts­mas­ken anzeigte, war mit einen 95-%-Konfidenzintervall von 0,95 bis 1,45 nicht signi­fikant.

Darüber hinaus gab es in den Gruppen mit N95-Atemschutzmasken 2.734 Erkrankungen mit grippeähnlichen Symptomen oder von Laboratorien bestätigten Atemwegserkran­kun­gen oder von akuten oder im Labor nachgewiesenen Atemwegsinfektionen (bei denen sich der Arbeitnehmer möglicherweise nicht krank gefühlt hat) verglichen mit 3.039 solchen Ereignissen bei den Trägern chirurgischer Gesichtsmasken. Auch hier waren die Unter­schiede nicht signifikant.

In der Gruppe mit N95-Atemschutzmasken hatten 89,4 % der Teilnehmer angegeben, die Masken „immer“ oder „manchmal“ zu tragen. In der Gruppe mit chirurgischen Gesichts­mas­ken waren es 90,2 %. Ein Verzicht auf die unbequeme N95-Atemschutzmaske kommt deshalb nicht als Erklärung für die fehlende Überlegenheit infrage. Für Radonovich gibt es insgesamt keinen Grund, warum dem Personal während der Grippesaison zu den teu­reren N95-Atemschutzmasken geraten werden sollte. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #840134
Elmar Zipp
am Dienstag, 25. August 2020, 13:38

Wäre die gegenteilige Schlussfolgerung nicht angemessener?

Sollten die Erkenntnisse der zitierten Studien nicht besser zusammengefasst werden als: "N95-Atemschutzmasken bieten ebenso wenig Schutz vor Influenza-Viren wie chirurgische Gesichtsmasken"?

Die hohe Übereinstimmung der Erkrankungszahlen trotz unterschiedlicher Maskenleistung in der JAMA-Studie zeigt, dass die Art der Maske die Rate einer Influenza-Infektion nicht beeinflusst; es ist mit recht hohen Influenza-Raten in beiden Fällen zu rechnen. Dazu passt die in der CID-Studie vorausgesetzte Aerosol-Theorie zur Virenausbreitung, die ja annimmt, dass Innenräume derart mit schwebenden Viren belastet sind, dass ein sicherer Bereich kaum zu definieren ist.

Da in der Praxis eine luftdichte Versiegelung (in der CID-Studie wurde das mit einer realitätsfernen Silikonfuge sichergestellt) nicht angenommen werden kann, ist der Unterschied der Maskenleistung im Falle der "unsealed" Tests tatsächlich gar nicht so groß. Die eindeutige Erkenntnis der CID-Studie ist nämlich, dass eine luftdichte N95-Maske während des Tragens fast keine Viren durchlässt, eine nicht-luftdichte Maske jedoch mindestens 30% der Viren passieren lässt. Die Kontroll-Messungen (P1/2/3) der CID-Studie zeigen zudem klar, dass alle anderen numerischen Angaben derart unzuverlässig und erratisch schwankend sind, dass keine klare Aussage über die tatsächliche Schutzhöhe getroffen werden kann. Im CID-Experiment ist zudem nicht einmal das Husten eines Erkrankten simuliert, was natürlich wesentlich höhere Virenlasten erzeugt.

Insofern verwundert das JAMA-Ergebnis nicht, dass in der Praxis ein erheblicher Teil des Klinikpersonals an Influenza erkrankte, unabhängig von der persönlichen Ausrüstung. Die Schwankungen der Kontrollpunkte in der CID-Studie legen wohl nahe, dass eine gute Belüftung und Abführung infektiöser Nebel der wichtigste Schutzaspekt ist.

Da die CID-Ergebnisse schon für recht große Aerosol-Partikel nicht überzeugend sind, kann zudem für Covid-19 mit dem viel kleineren Viren-Durchmesser von 0.16um noch viel weniger Schutz durch irgendeine Maske erwartet werden.
Avatar #784721
Metaphore
am Mittwoch, 25. März 2020, 09:21

Doch etwas Schutz gegen 2019-nCoV?

Der Artikel erweckt bei mir den Eindruck, dass das Tragen einer Gesichtsmaske durchaus eine Schutzfunktion für den Tragenden hat. In den Medien wird das Gegenteil behauptet.
Avatar #820237
Tobitd
am Mittwoch, 18. März 2020, 09:12

Kein großer Unterschied?

"Viren wur­den in einer Testserie in Clinical Infectious Diseases (2012; 54: 1569-77) zu 94,5 % zu­rückgehalten. Der Unterschied zur N95-Atemschutzmaske, die 99,8 % der Viren zurück­hielt, war nicht sehr groß. "

Das heißt chirurgische Gesichtsmasken lassen 5,5 % der Viren durch, während N95 Masken 0,2 % durchlassen. Sie lassen also 27,5 mal soviel Viren durch also 2650 %. So gesehen wäre es ein großer Unterschied.
Die Unterschied in der Erkrangungsrate der Kontrollgruppe soll nicht signifikant erhöht gewesen sein. Die Frage ist, ob dies auch bei immunsupprimierten Patienten so wäre.
LNS

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