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Politik

Zahl der Kindeswohl­gefährdungen deutlich gestiegen

Freitag, 6. September 2019

/Africa Studio, stockadobecom

Wiesbaden – Die Zahl der von Jugendämtern festgestellten Kindeswohlgefährdungen ist im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2012 gestiegen. 2018 stellten die Behörden bei rund 50.400 Kindern und Jugendlichen eine solche Gefährdung fest, wie das Statistische Bundesamt heute mitteilte. Das waren demnach zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Jugendämter stuften laut der Statistikbehörde im vergangenen Jahr rund 24.900 Fälle als „akute“ Kindeswohlgefährdungen ein. Das waren 15 Prozent mehr als im Vorjahr. In den übrigen 25.500 Fällen konnte eine Gefährdung des Kindes nicht sicher ausgeschloss­en werden, so dass ein ernsthafter Verdacht blieb. Die Zahl dieser „latenten“ Kindeswohl­gefährdungen erhöhte sich um sechs Prozent.

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In 15 Prozent oder 7.800 aller Fälle wurden die Kinder und Jugendlichen zu ihrem Schutz vom Jugendamt in Obhut genommen. In 20 Prozent oder 10.100 aller 50.400 akuten und latenten Fälle von Kindeswohlgefährdung wurde das Familiengericht eingeschaltet.

In mehr als der Hälfte aller Fälle (60 Prozent) von Kindeswohlgefährdung lagen Anzei­­chen von Vernachlässigung vor. Bei knapp einem Drittel (31 Prozent) sahen die Jugend­ämter Hinweise auf psychische Misshandlungen wie beispielsweise Demütigungen, Einschüchterung, Isolierung und emotionale Kälte.

Mehr Fälle sexueller Gewalt

Anzeichen auf körperliche Misshandlung gab es bei einem Viertel der Fälle (26 Prozent), auf sexuelle Gewalt bei fünf Prozent. Das Bundesamt verwies darauf, dass mehrere Arten der Kindeswohlgefährdung zugleich vorliegen könnten.

Die Kindeswohlgefährdungen wegen sexueller Gewalt stiegen im vergangenen Jahr deut­lich an. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg von 2017 auf 2018 um 20 Prozent auf knapp 2500. Dabei waren zu zwei Dritteln (67 Prozent) Mädchen betroffen.

Unterdessen hat die CDU in Niedersachsen nach dem Skandal um hundertfachen Kindes­missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde mit Behördenversagen einen Kinderschutz­beauftragten gefordert. „Wir denken dabei an eine Person außerhalb des Landtages“, sag­te CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer heute in Hannover.

Es gehe darum einen Ansprechpartner zu schaffen bei möglichen Problemen mit den Jugendämtern, die direkt den Landkreisen unterstehen. Eine Durchgriffsmöglichkeit etwa des Sozialministeriums sei gesetzlich nicht vorgesehen. Im Zuge der Ermittlungen zum Fall Lügde waren massive Behördenfehler ans Licht getreten. So hatte das Jugendamt Hameln einem der Haupttäter trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhal­ten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen.

Experten aus Verwaltung, Opferschutz und Polizei hatten erst in der vergangene Woche über die Einrichtung einer Kinderschutzkommission diskutiert. Sie forderten auch mehr Fortbildungen für Erzieher und Lehrkräfte und verbindliche Standards im Umgang mit Missbrauchsfällen. Zudem wurde die Einrichtung eines unabhängigen Missbrauchsbeauft­ragten auf Landesebene nach dem Vorbild des Bundes ins Gespräch gebracht.

Weil Opfer von Kindesmissbrauch oft erst nach jahrelangem Schweigen Hilfe suchten, spricht sich die CDU-Fraktion zudem für das Abschaffen der Verjährungsfrist bei Fällen von Kindesmissbrauch aus. © afp/aerzteblatt.de

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