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Politik

Kinderarmut und Überalterung werden in Thüringen zu Herausforderungen

Dienstag, 10. September 2019

/dpa

Erfurt – Trotz Jahre guter Beschäftigung und steigender Löhne bleibt Kinderarmut in Thü­ringen ein Problem. Während die Arbeitslosenquote zwischen 2010 und 2017 deutlich sank, ging der Anteil von Kindern, die auf Leistungen zur Sicherung des Existenzmini­mums angewiesen sind, nur um einen Prozentpunkt zurück.

Das geht aus einem Entwurf des zweiten Sozialstrukturatlas für Thüringen hervor, den Sozialministerin Heike Werner (Linke) und der Erfurter Sozialforscher Marcel Helbig gestern vorstellten. Demnach erhielten 2017 rund 38.400 Kinder unter 15 Jahren Leistun­gen zur Grundsicherung. Diese Kinder machten 14,2 Prozent ihrer Altersgruppe aus. Der erste Sozialstrukturatlas für Thüringen wurde 2011 vorgestellt.

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„Trotz der ökonomisch sehr, sehr guten Entwicklungen hat sich bei der Kinderarmut rela­tiv wenig getan in den letzten Jahren“, sagte Helbig, der Professor für Bildung und sozia­le Ungleichheit an der Universität Erfurt ist. Die Daten lieferten Hinweise, dass es vor allem Familien mit mehreren Kindern sind, die ein erhöhtes Armutsrisiko trügen.

Bundesweit lag der Anteil der Kinderarmut bei den Unter-15-Jährigen bei 14,7 Prozent. Helbig nannte vor allem die Ballung von Kinderarmut in bestimmten städtischen Gebie­ten – etwa in Teilen von Erfurt, Jena und Gera – als Herausforderung. In einigen Stadttei­len von Erfurt lag der Anteil der Kinderarmut bei 50 Prozent und mehr, wie aus den Daten hervorgeht. In Gera und Jena gibt es Quartiere, wo der Anteil zwischen 40 und 50 Prozent lag.

Bei der Altersarmut schneidet Thüringen den Daten nach sehr viel besser ab. Wird als Be­messungsgrundlage erneut der Bezug von Leistungen zur Grundsicherung herangezogen, lag der Anteil der Über-65-Jährigen, die Grundsicherung bezogen, nur bei etwa einem Pro­zent. Zum Vergleich: In Hamburg lag der Anteil bei etwa acht Prozent, in Nordrhein-West­falen bei vier Prozent. Werner wies daraufhin, dass es ältere Menschen gibt, die Leis­tungen beziehen könnten, sie aber nicht in Anspruch nehmen, weil sie sich schämten.

„Es wird natürlich zu höheren Altersarmutsquoten in den nächsten Jahren kommen, weil sich da natürlich die Erwerbsbiografien der 1990er-Jahre und 2000er-Jahre widerspiegeln werden“, sagte Helbig. Damals war die Arbeitslosigkeit in den ostdeutschen Ländern sehr hoch. Der Wissenschaftler machte auch auf die Auswirkungen der Abwanderung in den beiden ersten Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung aufmerksam.

Viele junge Thüringer seien weggegangen, um in den westdeutschen Ländern Arbeit zu finden. „Es ist ein Großteil der demografischen Mitte abhandengekommen“, sagte Helbig. So müssten immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter die Versorgungslasten der Älteren tragen. „Dieses Ungleichgewicht hat immer mehr zugenommen“, so Helbig weiter.

40,6 Menschen ab 65 Jahren mussten 2017 statistisch gesehen von 100 Thüringern zwi­schen 15 und 65 Jahren versorgt werden. Laut Helbig liege der Freistaat damit deutlich über dem Wert für Deutschland. Dieser Altenquotient werde laut Helbig bis 2030 auf in Thüringen 57,8 steigen. Dabei gehe die Schere zwischen Stadt und Land immer weiter auf. So seien in den Städten Erfurt, Weimar, Jena und teils umliegenden Gemeinden solche Entwicklungen nicht so stark ausgeprägt wie in den restlichen Landkreisen. © dpa/aerzteblatt.de

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