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Altersarmut droht deutlich zu wachsen

Donnerstag, 12. September 2019

Stephanie Pilick/picture-alliance

Berlin – Selbst bei weiter positiver Konjunktur könnte das Armutsrisiko im Alter einer neuen Studie zufolge in den kommenden Jahren spürbar steigen. Der Anteil der von Armut bedrohten Rentner könnte bis 2039 von 16,8 auf 21,6 Prozent wachsen, wie aus am Donnerstag veröffentlichten Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung (DIW Berlin) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Besonders betroffen seien Geringqualifizierte, Alleinstehende sowie Menschen mit länge­rer Arbeitslosigkeit. „Selbst bei einer positiven Arbeitsmarktentwicklung müssen wir mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut in den kommenden zwanzig Jahren rechnen“, sagte Studienleiter Christof Schiller. Betroffene müssten noch besser in Arbeit gebracht werden, zudem seien Rentenreformen nötig.

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Bei ihrer Berechnung gehen die Forscher unter anderem davon aus, dass sich der Arbeits­markt weiter positiv entwickelt. Als von Armut bedroht gelten Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Laut der Studie sind das Personen, deren monat­liches Nettoeinkommen unter 905 Euro liegt.

Die Studienautoren prognostizierten auch den Anteil von Beziehern von Grundsicherung. Sie gehen dabei davon aus, dass alle die Leistung in Anspruch nehmen, die dazu berech­tigt sind – auch wenn laut Schätzungen rund zwei Drittel der Berechtigten ihren An­spruch nicht wahrnähmen.

Rente unter Druck

Laut der Erhebung könnte der Anteil der Rentner, die zusätzlich auf staatliche Hilfe zur Existenzsicherung angewiesen sind, bis 2039 von neun Prozent auf knapp 12 Prozent steigen. Einen besonders starken Anstieg müssen laut DIW ostdeutsche Rentner verkraf­ten. Liegt die Grundsicherungsquote hier derzeit noch bei 6,5 Prozent, könnte sie sich bis 2039 auf knapp zwölf Prozent fast verdoppeln.

Bereits frühere Studien hatten einen Anstieg der drohenden Altersarmut vorhergesagt. Als Gründe wurden unter anderem prekäre Beschäftigung, verbreitete Teilzeitarbeit, be­fris­tete Verträge und Unterbrechungen des Berufslebens etwa bei Müttern ausgemacht.

Auch die Rente ist unter Druck. Die aktuelle Erhebung zitiert Angaben, nach denen 2018 auf 100 Personen im Erwerbsalter 31 Menschen ab 67 Jahre kamen – und dies nach dem Übertritt der Babyboomer in die Rente 2038 bereits 47 sein könnten.

Die geplante Grundrente – auch nach dem Konzept von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ohne eine Prüfung der Bedürftigkeit – wäre laut den Studienautoren „nicht hin­reichend zielgenau“. Zwar ließe sich damit die Armutsrisikoquote bis 2039 auf 18,4 Prozent begrenzen.

Debatte um Grundrente

Doch viele Bezieher des Rentenaufschlags lebten in Haushalten mit Einkünften oberhalb des Existenzminimums. 85 Prozent der zunächst 3,1 Millionen Personen, die Grundrente beziehen würden, hätten laut der Studie keinen Anspruch auf Grundsicherung im Alter. Das mittlere Nettoeinkommen der Begünstigten läge – so die Studienautoren – sogar doppelt so hoch wie die Bedürftigkeitsschwelle.

Die Union lehnt die Grundrente wie von Heil vorgeschlagen ab, weil sie auf die im Koali­tionsvertrag festgeschriebene Bedürftigkeitsprüfung besteht. Doch dann profitieren laut Studie auch deutlich weniger Menschen – der Anteil derer, die von Altersarmut bedroht sind, würde demnach nur um 0,4 Prozentpunkte sinken.

Studienleiter Schiller schlug vor, das Heil-Konzept um eine Einkommensprüfung zu er­gänzen. Außerdem sollten auch mehr Menschen von der Grundrente profitieren können, die längere Zeiten ohne Rentenversicherung aufweisen als derzeit geplant. Die Koalition will, dass man 35 Versicherungsjahre aufweisen muss.

Die Forscher sehen aber auch in einer anderen möglichen Reform Vorteile. Würde die Grundsicherung deutlich ausgeweitet und könnten Bezieher einen Teil ihrer gesetzlichen Rente anrechnungsfrei behalten, könnte das Armutsrisiko nach ihren Berechnungen deut­lich begrenzt werden.

Unterschiedliche Reaktionen

Der Sozialverband VdK forderte Union und SPD auf, ihren Streit um die Grundrente zu beenden. „Wer jahrzehntelang gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, hat eine ausreichende Rente verdient. Ohne Wenn und Aber“, sagte Präsidentin Verena Bentele.

Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte: „Altersarmut duldet keinen Aufschub mehr.“ Die Grundrente sei grundsätzlich richtig, dass sie aber frühestens 2021 kommen solle, sei nicht hinnehmbar. FDP-Fraktionsvize Christian Dürr kritisierte, die Steuerpolitik von Union und SPD sei „wie ein Brandbeschleuniger“ für Altersarmut. Überlegungen, eine Aktiensteuer einzuführen, träfen am Ende vor allem Menschen, die sparen und privat fürs Alter vorsorgen wollten.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände betonte, die Studie sei ein weiterer Beleg dafür, „dass Altersarmut in Deutschland die Ausnahme ist und auch weiter bleiben wird“. Ältere seien heute weniger auf Grundsicherungsleistungen angewiesen als Jüngere. Nicht hilfreich wären da wenig zielgenaue Maßnahmen wie Heils Grundrente. © dpa/aerzteblatt.de

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