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Ärzteschaft

„Patientensicherheit ist eine Dauerbaustelle“

Dienstag, 17. September 2019

Berlin – Der 17. September ist von diesem Jahr an Welttag der Patientensicherheit. Die Weltgesund­heitsorganisation will damit ein Bewusstsein für eine bessere Fehler- und Sicherheitskultur in den Einrichtungen des Gesundheitswesens schaffen und Patienten besser vor Behand­lungsfehlern schützen. Doch Patientensicherheit ist eine Dauerbau­stelle, meint die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Heidrun Gitter. Den optimalen Sicherheitszustand gibt es nicht, weil sich die Medizin und die wirtschaftlichen Rahmen­bedingungen immer weiterentwickeln und sich damit auch die Risiken ändern. Von den Beteiligten im Gesundheitswesen erfordert das die kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema.

5 Fragen an Heidrun Gitter, Vizepräsidentin der Bundes­ärztekammer und Präsidentin der Ärztekammer Bremen

DÄ: Ist Ihnen selbst schon einmal ein Fehler unterlaufen und wie haben Ihre Vorgesetzten und Kollegen darauf reagiert?
Heidrun Gitter: Als Ärztin in der Weiterbildung habe ich eine Phimosen-Operation durchgeführt und es gab eine Nachblutung. Das war nichts wirklich Gravierendes. Aber das Ereignis hat mich als Berufsanfängerin sehr verunsichert. Ich dachte, ich kann nicht Chirurgin wer­den, ich muss das aufgeben. Damals war die Fehlerkul­tur an deutschen Krankenhäusern noch nicht so weit ent­wickelt wie jetzt. Ich wurde mit meinem Problem re­lativ alleine gelassen.

Später als Oberärztin gab es Situationen, in denen ich entscheiden musste, ob ich operie­re oder nicht und sich die Entscheidung im Nachhinein als falsch herausstellte und zu einem schlechteren Krankheitsverlauf führte. Das war keine Entscheidung im Sinne eines echten Kunstfehlers. Trotzdem war sie falsch und das begleitet einen Arzt ein Leben lang.

Und dann gibt es die echten Fehler, weil man etwas verwechselt hat. Ich habe einmal bei einer Leistenbruchoperation den Hautschnitt auf der falschen Seite gesetzt. Ich wusste eigentlich genau, welche Seite ich operieren musste, aber wir haben im letzten Moment am OP-Tisch die Plätze getauscht. Ich habe meinen Fehler sofort bemerkt. Deshalb ist nicht viel passiert. Es gab eine oberflächliche Hautverletzung, die folgenlos und ohne Narbe abgeheilt ist. Aber es war eine furchtbare Situation.

In diesem Fall hat mein Chefarzt ganz wunderbar reagiert. Er ist mit mir gemeinsam zu dem betroffenen Patienten gegangen. Er hat mich nicht abgekanzelt und mich nicht alleine gelassen. Ich kenne aber zahlreiche andere Fälle, in denen sich niemand um den Verursacher eines Behandlungsfehlers gekümmert hat. Es ist natürlich richtig und wich­tig, dass der Fokus auf dem Patienten liegt. Aber auch das Schicksal des Arztes oder des Pflegenden sollte ernstgenommen werden.

DÄ: Woran scheitert eine gute Risiko- und Sicherheitskultur im Alltag?
Gitter: Eines möchte ich vorausschicken: Das Bewusstsein, dass man mit Fehlern anders umgehen muss als früher, dass man sie nicht unter den Teppich kehren, sondern aus ihnen lernen soll, hat deutlich zugenommen. Das gilt für Patienten ebenso wie für die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und Praxen.

Arztfehler werden aber immer noch medial skanda­lisiert, um Quote zu machen, anstatt zu akzeptieren, dass fehlerhaftes Verhalten menschlich ist und man es würdigt, wenn sich eine Institution darum bemüht, aus Fehlern zu lernen. Regelmäßig liest man die Schlag­zei­le „Ärztepfusch“, wenn die Ärztekammern einmal im Jahr ihre Behandlungsfehlerstatis­tiken vorstellen. Das hat aber mit Pfusch überhaupt nichts zu tun. Die ehrliche Berichter­statt­ung über Fehler soll auch dazu dienen, die Patienten zu informieren und in ihrer Kom­petenz zu stärken.

Dazu kommt, dass das beste Fehlermeldesystem nichts nützt, wenn es kein Feedback gibt. Wenn Sie in einem Krankenhaus ein (Beinahe-)Fehlermeldesystem etabliert haben und die Meldenden erfahren nie, was aus ihrer Meldung geworden ist, werden sie ihre Meldungen einstellen. Dasselbe passiert, wenn das (Beinahe-)Fehlermeldesystem zu einer Stigmati­sierung der Meldenden führt.

DÄ: Welche gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen gefährden die Patientensicher­heit?
Gitter: Das Fallpauschalensystem (DRG) im Krankenhaus ist schlecht für die Patienten­sicher­heit. Ursprünglich sollten die DRG Anreize setzen für einen wirtschaftlichen Um­gang mit begrenzten Ressourcen. Da habe ich volles Verständnis für. Aber die deutsche Gründlichkeit, mit der wir das System eingeführt haben, hat zu einem massiven Ressour­cenentzug geführt.

Das DRG-System ist ein Mangelverwaltungssystem. Und wo Mangel ist, herrscht auch ein höheres Risiko, Fehler zu machen. Wir haben uns kaputtgespart am Personal, insbeson­de­re in der Pflege. Es bleibt kaum Zeit für Zuwendung oder das genaue Beobachten der Pa­tienten. Das treibt die Pflegenden aus dem Beruf oder lässt sie diesen erst gar nicht er­grei­fen. Wenn sich das nicht ändert, werden wir hier weiter verlieren.

DÄ: Was können die Ärztekammern für mehr Patientensicherheit tun?
Gitter: Die ärztliche Berufsordnung stellt per se den Patientennutzen und damit auch die Patientensicherheit in den Vordergrund. Sie ist durchzogen von Regeln, die den Patienten und das Patienten-Arzt-Verhältnis schützen sollen, das auf Vertrauen gründet und ohne das eine Behandlung nicht möglich ist. Die Ärztekammern können bei allen Vorgängen eingreifen, die dieses Vertrauensverhält­nis stören.

Werden leitende Ärzte zum Beispiel von der Geschäftsführung aus rein ökonomischen Gründen unter Druck gesetzt, Operationen zu machen, die nicht nötig sind, oder einen indizierten Eingriff bei einer Operation nicht mitzumachen, sondern auf einen zweiten Termin zu verschieben, also dem Patienten eine zweite Narkose und einen zweiten Ein­griff zuzumuten, können diese Ärzte sich an ihre Kammer wenden und ihnen wird gehol­fen. Denn das Ansinnen der Geschäftsführung zwingt die Ärzte, gegen die Berufsordnung zu verstoßen.

Umgekehrt kann man bei fehlender Eignung als Vorbild und Vorgesetzter die Befugnis zur Weiterbildung verlieren. Wenn ein leitender Arzt sich also tatsächlich darauf einlässt, einen indizierten Eingriff aus ökonomischen Gründen nicht mitzumachen und das im Zweifel dem Patienten schadet, wäre das ein relevanter Verstoß gegen die Berufsord­nung, der die Eignung als Weiterbilder infrage stellt.

DÄ: Gibt es Projekte zum Umgang mit Fehlern, die Sie zur Nachahmung empfehlen können?
Gitter: Der Notarzt Andreas Schießl hat im Mai bei der Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes über eine Initiative in seiner Klinik berichtet. Er hat dort mit Kollegen eine An­lauf­­stelle geschaffen, an die sich Kolleginnen und Kollegen wenden können, wenn sie Hilfe brauchen, weil sie ein traumatisches Erlebnis verarbeiten müssen. Das kann eine fehlerhafte Patientenbehandlung oder ein schwieriger Notarzteinsatz sein. Solche Erfah­rungen sind extrem belastend, aber es braucht nicht gleich eine Psychothe­ra­­pie. Meist reicht ein geschultes kollegiales Gespräch, um das Erlebte zu verarbeiten. Das finde ich vorbildlich.

Es müsste in jedem Krankenhaus und in jeder Abteilung ein Team geben, bei dem man solche Geschichten abseits von Fallkonferenzen in Ruhe aufarbeiten kann, damit man zum einen aus der Situation lernen kann, aber auch, damit man den Betroffenen helfen kann. Ich würde mich gerne dafür stark machen, ein solches System flächendeckend zu etablieren und möglicherweise über die Bundes­ärzte­kammer entsprechende Schulungen zu entwickeln.

Wichtig ist allerdings, dass man sich klarmacht, dass Patientensicherheit ein Dauerthema ist. Es wird nie einen Zeitpunkt geben, an dem wir einen optimalen Sicherheitszustand haben. Die Medizin entwickelt sich stetig weiter. Das heißt, es gibt auch immer wieder neue Risiken und Problemfelder. Das ist eine Dauerbaustelle, ein dauernder Anpassungs­prozess und deswegen braucht man eine Kultur, sich diesem dauernden Anpassungser­fordernis aktiv zu stellen. © HK/aerzteblatt.de

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