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Ärzteschaft

Junge Krebspatienten leiden stark unter Geldnot und sozialen Folgen

Montag, 16. September 2019

/prudkov, stock.adobe.com

Berlin – Die finanziellen und sozialen Auswirkungen von Krebs und den notwendigen Therapien werden viel zu wenig beachtet. Dabei führen sie gerade bei jungen Menschen zwischen 18 und 39 Jahren mit Krebs, von denen mehr als 80 Prozent geheilt werden können, zu schweren Belastungen über die eigentliche Erkrankung hinaus. Darauf wiesen heute die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onko­logie (DGHO) und die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs hin.

Gemeinsam stellten sie in Berlin den 16. Band ihrer gesundheitspolitischen Schriften­rei­he „Finanzi­elle und soziale Folgen der Krebserkrankung für junge Menschen“ vor. „Finan­zielle und berufliche Einschränkungen sind zwei der drei bedeutsamsten Ein­schrän­kun­gen der Lebensqualität junger Krebspatienten“, sagte Mathias Freund, Vorsit­zen­­der des Kuratoriums der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. „Die so­ziale Not ist bei diesen Patienten oft größer als bei Patienten, die sich bereits ihr Leben aufgebaut haben.“

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Eine Erklärung dafür seien unterbrochene Ausbildungen, der Zusammen­bruch des sozia­len Umfeldes sowie Einkommensverluste durch Verzögerungen oder Probleme bei der Rückkehr in den Beruf. Allerdings zeigten umfangreiche Studien aus den Niederlanden, Skandinavien und der Schweiz, dass dies stark von der Diagnose, der Art der Therapie, den Regelungen im Sozialsystem und auch der Konjunktur abhänge.

„Da in den verschiedenen Altersgruppen die einzelnen Krebsdiagnosen unterschiedlich häufig sind, sind umfangreiches Datenmaterial und eine bevölkerungsbezogene Auswer­tung notwendig, um klare Aussagen zu treffen“, erklärte der Onkologe. „Die unterschied­lichen Datenquellen in Deutschland lassen sich jedoch nicht systematisch auswerten.“

Daten erschließen

Die Politik müsse deshalb die organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Vorausset­zun­gen schaffen, damit auch hierzulande Analysen nach dem Vorbild der skandinavi­schen Länder oder den Niederlanden möglich seien.

Die DGHO und die Stiftung fordern die Erschließung der derzeit noch verstreuten Daten­bestände, die Förderung der Forschung auf diesem Gebiet und konkrete Schritte zur Ver­besserung der finanziellen und sozialen Situation der Betroffenen. In Deutschland sind es etwa 15.000 junge Menschen, die jedes Jahr an Krebs erkranken.

„Wir brauchen dringend bessere Untersuchungen zu den Auswirkungen von Krebs und seiner Behandlung auf die soziale Lage unserer Patientinnen und Patienten, denn sie haben eine große Bedeutung für die Entwicklung besserer und nebenwirkungsärmerer Therapie­konzepte“, betonte Michael Hallek, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO und Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Universitätsklinik Köln und des Cen­trums für Integrierte Onkologie.

Die Therapie müsse sich am optimalen Ergebnis für das Überleben bei tragbaren sozialen Folgen für die Betroffenen messen. „Wir müssen ganzheitlicher denken“, so Hallek.

Denn nicht erst nach Abschluss der Therapie, sondern bereits während der Behandlung entstünden durch Zuzahlungen und Kosten, die nicht von den Sozialversicherungen über­nommen werden, unmittelbar finanzielle Belastungen für die Patienten.

„Wenn sich die Behandlung länger als 78 Wochen hinzieht, bleibt nur noch die Erwerbs­minderungsrente“, verdeutlichte Volker König, Mitglied des Arbeitskreises Onkologische Rehabilitation der DGHO. Diese betrage meist knapp unter 800 Euro im Monat. „Ganz schlimm trifft es diejenigen, die in Ausbildung sind und noch gar keine Leistungsan­sprü­che erworben haben. Sie rutschen nach kurzer Zeit auf Sozialhilfeniveau ab“, so König.

Auch bei der Betreuung der jungen Krebspatienten durch niederge­lassene Hämatologen und Medizinische Onkologen geht es nicht nur um Medikamente, Laborwerte, Röntgen­bilder, späte Toxizität und Zweitneoplasien.

„Es ist uns wichtig, mit unseren Patientinnen und Patienten zu sprechen. Denn das junge Lebensalter bedingt eine differenzierte Lebensplanung“, erläuterte Wolfgang Knauf, Vor­sitzender des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO). Leider würden gerade diese Leistungen der sprechenden Medizin nicht ausreichend gewürdigt und finanziert.

Viele Patienten benötigten Hilfestellung, um sich im Dschungel der Hilfsangebote zu­recht­zufinden, sagte Diana Lüftner, Vorstand der DGHO und der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs sowie Oberärztin an der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Eine soziale Beratung müsse mit einem über den Behandlungs- und Rehabilitationsablauf hinweg kontinuierlichen, niedrigschwellig zu erreichenden Angebot mit persönlichen An­sprechpartnern erfolgen, damit junge Menschen nicht „durchs Netz“ rutschen.

Auch mit ihrem jetzt veröffentlichten Band möchte die Fachgesellschaft dort ansetzen. „Der zweite Teil enthält einen Ratgeber für Betroffene“, erläuterte Lüftner. „Er gibt wich­tige Hilfestellungen von BAföG über Krankengeld und Rehabilitation bis hin zu Tipps für die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises.“ © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #748749
iloveneurologist
am Donnerstag, 3. Oktober 2019, 12:20

more manpower and more time für 'wirklich' Kranke

Als Angehörige einer Krebsptatientin, die vor kurzem gestorben ist, habe ich erneut hautnah mitbekommen wie insuffizient unser eigentlich so tolles und teures Gesundheitssystem ist.
Gleich vorneweg, um meinem Frust als Ärztin (seit über 15 J.) und Schwester rauszulassen - unser System versorgt die relativ 'gesunden' ganz gut, aber die die es nötig haben - nämlich die schwerkranken - da versagt es oft ganz schön jämmerlich....mit seinem Mangel an Zeit und Personal. Das war bereits am Anfang meiner Berufslaufbahn abzusehen, aber es ist leider immer schlimmer geworden - diese Verirrung was Medizin - was wir Ärzte - eigentlich leisten sollten.
Schwer kranke Menschen mit Krebs oder andere langwierig und dadurch immer sehr belastenden Erkrankungen sind körperlich und seelisch irgendwann an ihren Grenzen. Ebenso ihre Lieben um sie herum, wenn sie welche haben. Aber unser System lässt sie sehr oft alleine im Kampf gegen die Bürokratie (Glanzlicht Krankenkasse - " Ja da müssen sie einfach den Antrag ausfüllen", Hilfsmittelversorgung - "Ja das Pflegebett wurde bewilligt, aber wir können es erst in 6 bis 8 Wochen liefern, das LaGeSo - " ja im Internet gibt es das Formular nur ausfüllen, und so vieles..... Ach oder haben sie mal versucht eine Psychoonkologische Mitbehandlung zu organisieren - uffff - da brauchen sie viel viel Zeit und Nerven aus Stahl - die sie ja eben gerade nicht haben. So ist es neben der Bewältigung der Erkrankung für die Patienten und ihre Lieben, neben der Unterstützung und Pflege für die Wahlfamilie nicht gerade einfach die eigentlich allen zustehenden Hilfen zu beantragen, (denn eigentlich ist ja für alles gesorgt)..... Pflegegradverschlechterung, Hilfsmittelversorgung, Gelder wie zusätzliche Betreuungsleistungen und Verhinderungspflege und wie das alles heißt. Um da durchzusteigen müssen sie kerngesund sein und trotzdem treibt es einen noch in die Arme des Alkohols. Ach und meist kommt noch das Sozialamt und das Finanzamt, die einem womöglich die Konten sperren oder sich andere nette Schikanen ausdenken....
____________
Ja - es ist dringend notwendig Menschen mit wirklich schwerwiegenden, langwierigen Erkrankungen soziale Hilfe in Form von beratenden MENSCHEN (Sozialarbeiter, Case-Manager,...) zur Seite zu stellen, die ihnen helfen Formulare auszufüllen, Anträge im internet zu stellen, ein Bett oder einen Lifter SCHNELL zu organisieren.
Und es ist wirklich wirklich wichtig diese Menschen zu beschützen - vor finanziellen Notlagen oder Sorgen - ebenso deren Pflegende. Den diese sind mit-krank und wollen oder sollen Pflegen und Dasein - aber auch ihren Arbeitsplatz behalten, nicht krank werden und nicht mittellos werden.
Es gäbe da noch so viel zu sagen, es wurde aber auch in den letzten Jahrzehnten schon sooo viel gesagt. Warum macht die Politik den nicht einfach mal etwas... ich erwarte keine perfekten Lösungen, ich erwarte Veränderungen, Versuche, Anstrengungen... denn so wie es seit 20-30 Jahren läuft ist es NICHT gut. Unser System ist teuer und manche Dinge sind gut sogar sehr gut, manche überflüssig oder überbewertet, aber vieles ist noch nicht gut genug - und wir haben viel Geld zum Auszugeben - also los geht's!
Avatar #745879
keksmoped
am Montag, 16. September 2019, 23:41

Längst überfällige Thema das nicht bei Krebs endet!

Genau diese Thematik steht auch auf der Agenda des "WJ-Organspende" Projektes. Aus erster Hand eines Betroffenen wissen wir auch hier von Wartenden die langsam ans finanzielle Existenzminimum gelangen. Selbst kleinste Hilfe (zur Selbsthilfe) ist steuerpflichtig und komplett am Bedarf des Betroffenen vorbei. Das hier das Selbstwertgefühl und der Platz in unserer Leistungsgesellschaft komplett den Bach heruntergeht, versuchen Angehörige unter größter Belastung physisch aber vor allem psychisch aufzufangen. Hier ist dringend Nachholbedarf!
www.WJ-Organspende.de
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