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Alzheimer ist keine unbehandelbare Krankheit

Dienstag, 17. September 2019

/dpa

Berlin – Alzheimer-Demenz muss endlich vom „Stigma der unbehandelbaren Krankheit“ befreit werden. Dazu haben Experten in Berlin im Vorfeld des Welt-Alzheimer-Tages auf­ge­rufen. Bei beginnender Demenz könnten Therapiemaßnahmen wie Gedächtnistraining, Ergotherapie und Sport die Lebensqualität der Patienten über Jahre verbessern und letzt­lich die Pflegebedürftigkeit um mehrere Monate hinauszögern, betonte Michael Rapp, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, bei einer Pressekonferenz.

Die Gesellschaft müsse anfangen zu verstehen, dass die Lebensqualität bei Demenz – ebenso wie bei anderen psychischen Erkrankungen – das entscheidende Outcome-Krite­ri­um sei. Und die Therapie komme nicht nur den Patienten zugute. „Gelänge es nur bei 80.000 Patienten, die Einweisung in ein Pflegeheim um drei Monate hinauszuschieben, würden sich die potenziellen Einsparungen für die Pflegekassen auf fast eine Milliarde Euro belaufen“, rechnete Rapp vor.

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Voraussetzung für die Therapie ist allerdings eine frühzeitige und fachspezifische Diag­nos­tik. „Noch immer wissen viele Demenz-Patienten nicht, welche Art von Demenz sie ei­gent­lich haben“, so Rapp. Eine Untersuchung unter gesetzlich Krankenversicherten aus dem Jahr 2015 zeigt, dass rund 45 Prozent der Patienten mit Demenz keine spezifische Demenz­diagnostik erhalten. Das sei zwar eine Verbesserung zu 2008 – damals habe die­se Zahl noch bei 55 Prozent gelegen –, aber immer noch viel zu wenig, monierte der Ge­rontopsychiater.

Besonders dramatisch macht diese Zahlen, dass sich bei jedem siebten Patienten mit be­ginnender Demenzsymptomatik eine körperliche Ursache für die Beschwerden nachwei­sen lässt, die in vielen Fällen behandelbar sind. „Das heißt, jedem siebten Patienten könnte innerhalb kürzester Zeit geholfen werden und die Kosten für die sonst notwendi­ge Pflege eingespart werden“, so Rapp.

Allerdings wissen Patienten und ihre Angehörigen oft gar nicht, dass sie eine fachspezifi­sche Diagnostik, zum Beispiel in einer Gedächtnissprechstunde, sowie Therapiemaßnah­men einfordern könnten. Rapp forderte deshalb die Politik dazu auf, die ambulante medi­zinische Rehabilitation für Menschen mit beginnender Demenz zu öffnen.

„Außerdem müssen wir die Versorgungsforschung in diesem Bereich verbessern“, ergänz­te er, „denn in vielen Fällen ist noch gar nicht klar, wie nichtmedikamentöse Therapie­maß­nahmen bei beginnender Demenz umgesetzt werden sollten, welche Modelle am besten wirken und welche Hindernisse die Patienten von einer Behandlung fernhalten.“

Alzheimerforschung erfordert Durchhaltevermögen

Mehr Forschung sei allerdings auch im Bereich medikamentöser Therapien dringend er­for­derlich, wie Isabella Heuser, Vorsitzende der Hirnliga, sagte. „Trotz der vielen Rück­schlä­ge mit Anti-Amyloidtherapien in den vergangenen zehn bis 15 Jahren müssen wir weiter forschen, betonte sie. Die Alzheimerforscherin plädierte dafür, weiter in die klini­sche Forschung zu investieren. Und nicht nur die Mainstreamforschung, sondern auch ungewöhnliche Projekte großzügig und nachhaltig zu fördern.

Klinische Forschung sei, so Heuser, enorm aufwendig. Und bei einer Erkrankung wie Alz­heimer, die einen schleichenden Verlauf nehme, müssten Patienten und Angehörige über lange Zeiträume begleitet werden. „Wir müssen den Forschungsprojekten auch eine Chan­ce geben, ihr Ziel zu erreichen.“

Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitäts­medizin Berlin sprach sich außerdem dafür aus, mehr Anstrengungen in das neue For­schungs­feld des Drug Repurposing oder Drug Repositioning zu investieren. Hierbei geht es darum, altbekannte Medikamente vielfältiger einzusetzen.

„Wir müssen die riesigen Datenmengen der Industrie nach Medikamenten durchforsten, die in den großen Studien ein Signal bei der Kognition gezeigt haben“, so Heuser. Dabei müsse es gar keine Substanz sein, die sich in der ursprünglich geplanten Indikation durch­­gesetzt habe – weshalb nicht nur die sich auf dem Markt befindlichen Arzneimittel überprüft werden sollten. © nec/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 18. September 2019, 00:28

Die Alzheimerforschung

hat sich lange auf die Amyloid- und Tau-Ablagerungen konzentriert, die eine Alzheimer-Demenz begleiten. Der ganze Milliardeneinsatz war vergeblich - die Ablagerungen sind doch nicht die Ursache, falsches Krankheitsmodell, Geld weg, Zeit verloren...
Ob "Brain-Jogging" oder körperliche Aktivität nützen, weiß eh niemand so richtig, die Studienergebnisse sind widersprüchlich und Korrelationen und Kausalitäten sind nicht sicher abgrenzbar.
Körperliche Aktivität kann wohl nur den Beginn, nicht aber das Fortschreiten von Alzheimer hinauszögern - oder ist körperliche Inaktivität ein Frühsymptom?
Erstmal müssen neue Krankheitsmodelle her, bevor wieder geforscht werden kann...
Bisher gibt es nur eine sichere Methode, Alzheimer zu vermeiden: Vor Krankheitsbeginn sterben!
Weil niemand mehr an Herz-Kreislaufkrankheiten früh verstirbt, müssen die übrig Bleibenden eben an Krebs oder Demenz sterben...
Avatar #683778
Freudi
am Dienstag, 17. September 2019, 23:15

Nix Neues!

Genau die gleichen Argumente, die wir vor Jahrzehnten schon bei den ersten Antidementiva hörten: "Schon ein Erfolg, wenn wir den Heimaufenthalt nur um 3 Monate herauszögern könnten....!" Dabei werden - damals wie heute - 70% der dementen Patienten zu Hause, in der Familie versorgt! Und wie auf einmal bei Gedächtnisstörungen wegen Demenz die Zellen im Hippocampus nun plötzlich doch wieder aufgebaut werden können - auch das bleibt ein Rätsel! Kurz: Die Rat- und Hilflosigkeit bleibt, es gibt nix Neues! Die Forschung auf diesem Gebiet wurde zumindest deutlich zurückgefahren - am ehesten doch wohl aus finanziellen Gründen?! Ein Trauerspiel, vor allem für uns und unsere Kinder!
Avatar #687997
Pro-Natur
am Dienstag, 17. September 2019, 23:03

Ist das alles?

"Bei beginnender Demenz könnten Therapiemaßnahmen wie Gedächtnistraining, Ergotherapie und Sport..." Also wirklich! Wie wäre es, die Aluminium-/Quecksilberbelastung (z.B. durch Impfungen oder Amalgamfüllungen) abzubauen oder Autoimmunprozesse z.B. im Darm durch Diät (Gluten-frei bzw. Casein-frei) zu behandeln? Nicht irgendetwas machen sondern etwas machen, das wirkt.
LNS

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