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Medizininformatik­-Initiative macht Fortschritte beim Infrastrukturaufbau und Datenaustausch

Mittwoch, 18. September 2019

/kentoh, stock.adobe.com
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Berlin – Es könnte eine Erfolgsgeschichte werden: In der Medizininformatik-Initiative (MII) des Bun­des­for­schungs­minis­teriums (BMBF) haben sich inzwischen alle Universitätskliniken in Deutschland zusammengeschlossen. Zuletzt hat vor zwei Wochen die Ruhruniversität Bochum die Teilnahme am SMITH-Konsortium beantragt.

Vier große Konsortien – neben SMITH sind das DIFUTURE, HiGHmed und MIRACUM - arbeiten daran, durch Vernetzung und Standardisierung neue Möglichkeiten für eine bessere klinische Forschung und Patientenversorgung zu schaffen. Beim zweitägigen Kongress „New Horizons in Digital Health“ am 17. und 18. September in Berlin präsentierte sich erstmals das Konsortium SMITH - Smart Medical Information Technology of Healthcare.

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Eine Woche zuvor hatte die 3. Jahresversammlung der Initiative in Dortmund über Ergebnisse und Fortschritte der Initiative informiert. Das BMBF fördert die vier Konsortien zunächst bis zum Jahr 2021 mit circa 160 Millionen. Seit 2018 arbeiten die Konsortien daran, die Daten und Proben, die im Rahmen der Krankenversorgung an den beteiligten Universitätsklinika erhoben werden, für die klinische Forschung nutzbar zu machen.

Eines der großen Ziele sei es dabei, Krankenhausakten für Auswertungen und Forschungsvorhaben zu erschließen und die Daten und Ergebnisse auch mit anderen Häusern teilen zu können, erläuterte Markus Löffler, Konsortialleiter SMITH, Universität Leipzig. „Die allermeisten Krankenhäuser hierzulande haben nur die für die Abrechnung relevanten Daten verfügbar.“

Das geht einher mit einem Infrastrukturaufbau: Alle beteiligten Universitätskliniken sind dabei, Datenintegrationszentren aufzubauen. Markus Löffler, Konsortialleiter SMITH

Einrichtungen sollen Nutzen der Infrastruktur dokumentieren

Die Erschließung der Dokumente sollen medizininformatische Experten vornehmen, so Löffler. „Das geht einher mit einem Infrastrukturaufbau: Alle beteiligten Universitätskliniken sind dabei, Datenintegrationszentren aufzubauen.“ Den Nachweis, dass diese Datenintegrationszentren (DIZ) funktionieren, sollen die Einrichtungen anhand von Anwendungsszenarien (Use Cases) erbringen, in denen der Nutzen der Infrastruktur paradigmatisch dokumentiert wird, damit diese später für viele weitergehende Auswertungen genutzt werden können.

Das Konsortium SMITH will den Mehrwert der digitalen Medizin anhand der Anwendungsfälle aus den Bereichen der Intensiv- und der Infektionsmedizin belegen. Dabei sollen Löffler zufolge auch Techniken der künstlichen Intelligenz (KI) zum Einsatz kommen. Hierfür arbeiten in SMITH 18 Partner aus Forschung und Industrie zusammen und bauen an derzeit sieben Universitätsklinika, die über das gesamte Bundesgebiet verteilt sind, Datenintegrationszentren auf.

Bessere Versorgung von Intensivpatienten

Im SMITH-Anwendungsfall ASIC, an dem sich inzwischen acht Universitätsklinika beteiligen, geht es um die präzisere Diagnostik und Behandlung von Intensivpatienten. Der Vorteil in der Intensivmedizin sei, dass auf 40 Prozent der Intensivstationen bereits digitale Dokumentationssysteme genutzt würden, berichtete Gernot Marx von der Uniklinik RWTH Aachen, verantwortlich für den intensivmedizinischen Use Case ASIC. Ziel sei es, diese Patientendatenmanagementsysteme kontinuierlich auszuwerten, um den Zustand der Patienten automatisiert zu überwachen und bei kritischen Zuständen schneller eingreifen zu können. Hierzu müssten die Daten standardisiert und zusammengeführt werden.

„Konkret heißt das: Die Diagnose des aktiven Lungenversagens, die immer noch mit einer Sterblichkeit von bis zu 38 Prozent weltweit assoziiert ist, soll frühzeitig durch technische Innovation ermöglicht werden und eine leitliniengerechte Therapie unterstützen“, erläuterte Marx. Die Daten aus den acht teilnehmenden Kliniken sollen ohne Personenbezug und in einer großen Datenbank zusammengeführt werden, die darüber hinaus auch für weitere Krankheitsbilder und für KI-basierte Analysen zur Verfügung stehen soll. Laut Marx lässt sich die Sepsis-Diagnose durch entsprechende Algorithmen um bis zu 18 Stunden nach vorne ziehen. „Hierdurch kann man für eine bessere Patientenversorgung viel erreichen und Leben retten“, betonte er.

Der Intensivmediziner verwies zudem darauf, dass der Ausbau der Medizininformatik in der ersten Förderphase der MII an den einzelnen Standorten der Universitätsmedizin in einer zweiten Förderperiode sektorenübergreifend ausgebaut werden soll.

Zielgerichtete Antibiotika-Therapie

Im zweiten medizinischen Anwendungsfall HELP des SMITH-Konsortiums geht es um den zielgerichteten Antibiotika-Einsatz bei bakteriellen Infektionen. Anders als auf Intensivstationen sei der Digitalisierungsgrad auf Normalstationen nicht so hoch, berichtete André Scherag, Uniklinikum Jena. Infektiologen sind in Deutschland rar. In den meisten Universitätskliniken gibt es infektiologische Konsildienste, die in fraglichen Fällen auf die Normalstationen Vorschläge für den Antibiotikaeinsatz machen, berichtete er. Häufig treffen die Infektiologen dabei auf unvollständige Informationen, wenn sie auf die Stationen gehen.

Ziel sei daher zunächst eine entsprechend bessere Aufbereitung der Informationen für die Ärzte. Im Projekt HELP soll daher ein computerbasiertes Entscheidungsunterstützungssystem entwickelt und implementiert werden, das den leitliniengerechten Einsatz von Antibiotika bei Patienten mit Staphylokokken-Blutstrominfektionen unterstützt.

Wir haben einen Kerndatensatz, der so aufbereitet wird, dass er in allen Häusern in gleicher Weise verfügbar werden wird. Markus Löffler, Konsortialleiter SMITH

Konstruktives Miteinander der Konsortien

Die Zusammenarbeit und Abstimmung mit den anderen Konsortien sei überaus eng, unterstrich der Medizininformatiker Löffler. So werde beispielsweise abgestimmt, dass in allen Häusern und allen 35 Uniklinika gleiche Einwilligungsprozesse mit den Patienten stattfinden. „Wir haben die gleichen Dokumente bei den Ethikkommissionen, bei den Datenschutzaufsichtsbeauftragten und -behörden der Länder, wir haben einen abgestimmten Zugangsprozess zu Daten sowohl prozedural als auch technisch. Wir haben einen Kerndatensatz, der so aufbereitet wird, dass er in allen Häusern in gleicher Weise verfügbar werden wird. Und wir haben auch bereits zwei konsortienübergreifende Use Cases definiert, an denen sich alle vier Konsortien beteiligen werden“, berichtete er. Diese würden derzeit vom BMBF begutachtet und sollen im nächsten Jahr starten.

Einige Wehrmutstropfen gibt es dennoch: „Wir haben einen Mangel an Kompetenzen sowohl im Hinblick auf fehlende Medizininformatiker als auch, was geschulte Pflegekräfte und ärztliches Personal betrifft, wenn die neuen Techniken kommen“, sagte Löffler. Entsprechende Studiengänge und Traineeprogramme würden daher in SMITH vorbereitet. Zudem werden an drei Standorten neue Professuren eingerichtet. „Das heißt, die Universitäten unterstützen die Initiative, und darüber sind wir sehr froh.“

Geplant ist zudem, ab Januar/Februar 2020 Veranstaltungen für weitere an der Initiative interessierte Einrichtungen wie größere Arztnetze und nichtuniversitäre Krankenhäuser durchzuführen, um über die Arbeit und neue Dienste zu informieren. „In den nächsten zwei Jahren soll ein Dialogforum entstehen, um zu gucken, ob wir deren Bedürfnissen auch entsprechen können.“

Ziel sei es, daraus die Profilbildung für die zweite Förderperiode abzuleiten, die in anderthalb Jahren zu beantragen sei, so Löffler. Das Interesse von peripheren Krankenhäusern und Arztnetzen, an der MII teilzunehmen, sei groß, berichtete Marx. „Die sind schon ganz ungeduldig. Die würden am liebsten ganz schnell partizipieren.“ Derzeit gebe es jedoch noch keine Kriterien vonseiten des BMBF, wie die zweite Förderperiode gestaltet werden soll, hieß es. Der Rollout auf andere Einrichtungen sei aber in jedem Fall vorgesehen.

Wichtige Ergebnisse der MII

Bei der MII-Jahresversammlung in Dortmund wurden einige wichtige Meilensteine der Initiative präsentiert. So wurden innerhalb von 20 Monaten die ersten Datenintegrationszentren eingerichtet, in denen Versorgungs- und Forschungsdaten dezentral am jeweiligen Uniklinikstandort zusammengeführt, standardisiert und für den standortübergreifenden Austausch aufbereitet werden können. Darüber hinaus gibt es einen konsentierten Kerndatensatz sowie eine explizite Festlegung auf international anerkannte Standards für den Datenaustausch und auf die Prozesse der Datennutzung.

Eine bundesweit harmonisierte Patienteneinwilligung (Broad Consent) wurde mit den Landesdatenschutzbehörden und den Ethikkommissionen abgestimmt. Für Forschungsdatenanfragen gibt es inzwischen eine zentrale Antrags- und Registerstelle (ZARS). © KBr/aerzteblatt.de

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