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Politik

Bei Digitalisierung starten und nicht länger auf perfekte Lösung warten

Mittwoch, 25. September 2019

/dpa

Berlin – Die Datenmengen im medizinischen Kontext wachsen rasant: Weltweit werden jährlich Steigerungsraten von 50 Prozent bei digitalen Gesundheitsdaten verzeichnet. 75 Prozent der globalen Investitionen in Digital Health entfallen dabei auf US-amerikani­sche Großkonzerne, wohingegen Deutschland gerade einmal 0,5 Prozent investiert.

Diese Zahlen präsentierte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, gestern beim Versorgungs- und Forschungsjahreskongress der Krankenkasse in Berlin. Die Veran­staltung befasste sich in diesem Jahr mit Innovation und Digitalisierung und den damit verbundenen Veränderungen des Gesundheitswesens.

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Straub zitierte Tim Cook, den Vorstandsvorsitzenden des Apple-Konzerns, mit seiner Äußerung, dass die Verbesserung der Gesundheit der größte Beitrag des Konzerns für die Menschheit sein werde. „Wir wollen den Einzelnen dazu ermächtigen, seine Gesundheit selbst zu managen“, erläuterte Cook demnach in einem Interview mit dem US-Sender CNBC im Januar 2019.

Mit diversen Entwicklungen wie der Apple Watch und dem Health Kit zum Gesundheits­tracking, dem Care Kit zum Krankheitstracking und dem Research Kit für die Forschung untermauere das Unternehmen seit Jahren diesen Anspruch, meinte Straub.

Schneller zu Innovationen über Health-Apps

Deutschland hat Nachholbedarf, was die Digitalisierung des Gesundheitswesens betrifft. Die Perspektiven und Strategien der Akteure sind dabei unterschiedlich. Die Barmer habe in den vergangenen Jahren ein digitales Ökosystem aufgebaut, erläuterte Straub, da man – anders als einige andere Krankenkassen – von der schnellen Verfügbarkeit der elektro­ni­schen Patientenakte (ePA) nicht überzeugt gewesen sei und nicht in eine Akte mit be­grenztem Nutzen und begrenzter Reichweite investieren wollte.

Stattdessen habe man zusammen mit Ärzten eine Reihe qualitätsgesicherter Health-Apps ausgewählt, die den Versicherten zur Verfügung gestellt würden, darunter Onlineange­bote, mit denen man trainieren und die eigene Gesundheit managen könne. Beispiele da­für sind die Kopfschmerz-App M-Sense für jüngere Betroffene und die App gegen Rücken­schmerzen Kaia.

„Diese Angebote sollen in die ePA integriert werden, die 2021 kommt“, kündigte der Bar­mer-Chef an. Die Akte stelle dann die digitale Plattform einerseits für die obligaten digi­talen Anwendungen, ebenso wie für die Wahrnehmung der Patientenautonomie mit eige­nen Daten des Versicherten dar und enthalte auch einen „Kürteil“ für die Kassen mit eige­nen Angeboten. „Wir sind in der Ausschreibung. Ein Engpass ist hierbei allerdings die tech­nologische Entwicklungskapazität“, erklärte Straub.

Darüber hinaus sei die Barmer vor einigen Jahren strategische Partnerschaften mit den Inkubatoren Earlybird und Flying Health eingegangen, um nah an der Start-up-Szene zu verfolgen, welche Innovationen wichtig werden, und den Versicherten frühzeitig einen Zugang zu guten Innovationen geben zu können.  

Drei Aspekte sind für Straub maßgeblich dafür, auf Digitalisierung in der Medizin zu set­zen: Digitalisierung könne Medizin individualisieren und durch Effizienzsteigerung und Kompetenzsteigerung besser machen. Sie könne die Vernetzung zwischen Versorgung und Forschung voranbringen, etwa wenn es darum gehe, in der onkologischen Therapie immer weiter zu differenzieren und die Patienten in immer kleinere Subgruppen zu un­ter­eilen, die unterschiedlich behandelt werden müssten. Schließlich könne Digitalisie­rung dazu beitragen, die flächendeckende Versorgung sicherzustellen, etwa durch Dele­gation ärztlicher Leistungen an nichtärztliches Fachpersonal.

„Gute Digitalisierung ist die, die uns in der Versorgung nützt“, betonte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), aus Sicht der Ärzte. Eine gut gemachte Digitalisierung dürfe keine zusätzlichen Aufwendungen in den Praxen verursachen und müsse bürokratiearm und nicht „hybrid“ sein.

Davon sei man derzeit noch weit entfernt, kritisierte der KBV-Chef im Hinblick beispiels­weise auf den elektronischen Medikationsplan und das elektronische Rezept (eRezept), die die Ärzte sowohl in Papierform als auch digital umsetzen müssten. Patienten, die nicht über ein Smartphone verfügten, erhielten dann beispielsweise für das eRezept ei­nen Ausdruck mit einem Barcode. Der Mehrwert erschließe sich so nicht, meinte Gassen.

Begrenzer Nutzen der Patientenakte für Ärzte

Bei der elektronischen Patientenakte (ePA) nach Paragraf 291 a Sozialgesetzbuch (SGB) V gibt es aus Sicht der Ärzte deutliche Limitierungen der Nutzbarkeit. „Die Verlässlichkeit einer solche Akte fehlt, weil der Patient die Datenhoheit hat“, erläuterte Gassen. Infor­ma­tionen seien möglicherweise unvollständig, da der Patient etwa auch Daten löschen könne. Zwar werde die ePA strukturierte Datenabfragen unterstützen, aber ein Gesamt­bild für den Arzt sei nicht möglich, meinte Gassen.

Die Standardisierung der ePA-Daten habe das Terminservice- und Versorgungsgesetz in­dessen angegangen. Es sei eine „mutige und kluge Entscheidung des Gesetzgebers“, diese der KBV zu übertragen, weil das Gros der Behandlungen ambulant stattfinde und die KBV auch keinerlei wirtschaftliche Interessen mit der Standardisierung verfolge. Die Definition der medizinischen Informationsobjekte als kleinste digitale Bestandteile der ePA stellen dabei die inhaltliche Grundlage der Akten dar.

„Standardisierung ist Qualitätsarbeit und kostet Zeit“, betonte Gassen. Das „Mammutvor­haben“ sei aber auf gutem Weg. Es sei als „Joint Venture“ zu verstehen, das alle betroffe­nen Stakeholder einbinden und den Rückhalt aus der Szene holen werde. „Wir werden uns dabei an internationale Standards halten. Bei mehreren gleichwertigen Standards muss aber einer entscheiden“, betonte der KBV-Chef.

Die digitale Revolution wäre es, wenn jeder Arzt direkt während des Behandlungspro­zesses auf die Patientendaten zugreifen und diese gegebenenfalls auch ergänzen könnte. „Dies wäre insbesondere bei komplexe Behandlungsfällen sinnvoll“, so Gassen. Die Dyna­mik in die Versorgung werde durch Verfahren der künstlichen Intelligenz (KI) und der Big-Data-Forschung sowie durch verfügbare ePA-Daten wachsen.

Dass KI Diagnosen und Behandlungsmethoden künftig gewissermaßen autonom festlegt, hält Gassen für eher unwahrscheinlich, aber als Assistenzsysteme werden KI-basierte Ver­fahren zunehmend relevant. „Die Letztentscheidung muss aber beim Arzt liegen“, forderte er. Das sei nicht nur medizinisch sinnvoll. Medizin sei keine reine Naturwissenschaft. „Das menschliche Element in der Behandlung ist unersetzbar.“ Zudem seien auch beim Maschi­nenrechnen Fehler möglich.

Plädoyer für mehr Schnelligkeit

Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter Digitalisierung im BMG, hielt ein flammendes Plädo­yer für die Notwendigkeit, E-Health schneller in die Versorgung zu bringen, und griff da­bei auch die Kritik der KBV am hybriden eRezept auf. „Wollen wir warten, bis wir das per­fekte eRezept haben, oder beginnen wir?“, fragte er.

Das eRezept biete die Chance, das Thema Fehlmedikation anzugehen, auch wenn am An­fang vielleicht nur zehn oder zwanzig Prozent der Patienten daran teilnehmen könnten. Die Komfortsignatur können den Arzt unterstützen, sodass nicht jedes Rezept einzeln di­gital signiert werden müsse, und der Barcode werde wahrscheinlich direkt auf das Papier­rezept gedruckt werden können.

Zudem habe sich das BMG bewusst dafür entschieden, das eRezept in einem agilen Pro­zess und in kleinen Schritten einzuführen: „Es gibt eine Schnittstelle für die Vertragspart­ner, das Muster 16 ist vorzugeben, und dann dürfen sich in Deutschland verschiedene Modelle nebeneinander ausprobieren.“

Parallel dazu evaluiere die Betriebsgesellschaft gematik – Gesellschaft für Telematikan­wen­dungen der Gesundheitskarte, die das Rezept technisch spezifiziert hat, was in der Wirklichkeit funktioniere und was nicht. Erst danach würden ein Standard und ein Termin für die Einführung festgelegt. Laut Ludewig wird ein erstes Projekt zum eRezept im No­vem­ber in Baden-Württemberg starten.

Um aus der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ herauszukommen und klare Verant­wortlichkeiten zu schaffen, habe man der KBV zudem die Verantwortung für die medizini­schen Informationsobjekte übertragen. „Das bedeutet aber auch: Wenn es nicht klappt, wissen wir, wer verantwortlich ist.“

Zudem könne durch ein konstruktives Misstrauen ein Standard gegebenenfalls ersetzt werden, sofern alle anderen sich darin einig seien. Die ePA als eine zentrale Akte für die Patientendaten werde ab 2021 durch die Krankenkassen kommen, bekräftigte Ludewig. Das „wird nicht die beste, schönste Akte am 1. Januar 2021 sein, aber es wird das erste Mal eine ePA für alle Patienten in Deutschland zur Verfügung stehen.“

Auch das Thema offener Schnittstellen will das BMG offensichtlich voranbringen – laut Ludewig gegebenenfalls durch regulatorische Maßnahmen. Der Datenfluss im System müsse anders motiviert werden, sagte er. Die mangelnde Interoperabilität sei eines der Haupthindernisse für Innovationen.

Verknüpfung von Forschung und Versorgung als Zukunftsthema

Als wesentliches E-Health-Thema aus Sicht des BMG nannte er die Verknüpfung von Versorgung und Forschung: „Die wird uns die nächsten Jahre noch intensiv beschäftigen“, meinte er.

Ziel sei es, dadurch die Gesundheitsversorgung „dramatisch besser“ zu machen und die solidarische gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung durch Digitalisierung zu erhalten. „Wir öff­nen den Weg zu Forschungsdaten mit dem Forschungsdatenzentrum im Paragrafen 303 SGBV, weil wir glauben, dass das Thema Nutzung von heute schon vorhandenen Daten, um Erkenntnisse zu generieren, eines der wichtigsten Themen ist.“

Gleichzeitig werde eine forschungskompatible elektronische Patientenakte angestrebt und an einer nationalen SNOMED-Lizenz gearbeitet. „Das Thema würde ich doch gerne nach zehn Jahren Diskussion in der Bundesregierung entschieden haben“, meinte Lude­wig. Zudem sei man dabei, im Rahmen der KI-Initiative konkrete Anwendungen nach vorne zu bringen, in denen der Mehrwert für die Versicherten im Vordergrund stehe.

Nachholbedarf sieht Ludewig beim Thema „Einverständniserklärung für Forschung“. Ihm zufolge arbeitet die Medizininformatik-Initiative des Bun­des­for­schungs­minis­teriums seit 18 Monaten daran, mit 16 Landesdatenschutzbeauftragten ein einheitliches Formular hierfür zu entwickeln. „Die letzte Sitzung in der letzten Woche ist ohne Ergebnis geblie­ben“, monierte er. © KBr/aerzteblatt.de

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