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Medizin

Tiefe Hirnstimulation mildert refraktären Tinnitus in Phase-1-Studie

Donnerstag, 26. September 2019

/RFBSIP, stockadobecom

San Francisco – Eine bilaterale tiefe Hirnstimulation des Nucleus caudatus, die zu den Therapieoptionen beim Morbus Parkinson gehört, hat in einer ersten klinischen Studie bei 3 von 5 Patienten einen zuvor unerträglichen Tinnitus gelindert. Die Neurochirurgen, die die Ergebnisse im Journal of Neurosurgery (2019; doi: 10.3171/2019.4.JNS19347) vorstellen, planen weitere Behandlungen.

Etwa 15 % der Bevölkerung erkranken im Verlauf des Lebens an einem Tinnitus. Für die meisten ist es ein lästiges Ohrgeräusch, das ihre Lebensqualität nicht allzu sehr einschränkt. Es gibt allerdings Patienten, die durch den Tinnitus so sehr gequält werden, dass sie einer Hirnoperation zustimmen würden, wenn diese sie von den Geräuschen befreien würde.

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Diesen Patienten könnte künftig durch eine tiefe Hirnstimulation geholfen werden. Die Idee beruht auf der Beobachtung von Patienten mit Morbus Parkinson, bei denen die tiefe Hirnstimulation des Nucleus caudatus zur Linderung der motorischen Symptome durchgeführt wird. Einige Patienten, die gleichzeitig unter einem Tinnitus litten, berichteten, dass sich die Ohrgeräusche unter der Behandlung gebessert hätten. Zuvor war in der Literatur von Patienten berichtet worden, bei denen sich der Tinnitus nach einem Schlaganfall mit Ischämien im Nucleus caudatus gebessert hatte.

Da die tiefe Hirnstimulation eine etablierte Behandlung ist, haben Neurochirurgen der Universität von San Francisco die Behandlung in einer Phase-1-Studie bei 6 Patienten durchgeführt. Alle litten unter einem schweren Tinnitus, der sich unter allen verfügbaren Therapien nicht gebessert hatte. Alle waren nach einer Aufklä­rung bereit, sich einer Hirnoperation zu unterziehen, bei der in einem stereo­taktischen Eingriff auf beiden Seiten des Gehirns Elektroden in den Nucleus caudatus vorgeschoben werden. Die Elektroden sollten später regelmäßig durch ein unter die Haut implantiertes Steuergerät elektrisch stimuliert werden.

Ein Patient entwickelte 2 Monate nach der Operation eine schwere Gemütsstörung. Nach einem Suizidversuch wurden die Elektroden entfernt, so dass Steven Cheung von der Universität von Kalifornien und Mitarbeiter nur die Ergebnisse der übrigen 5 Patienten vorstellen können.

Die Behandlung begann 5 Wochen nach der Operation mit einer Optimierungsphase, in der Ärzte und Patienten die Pulsdauer und Frequenz variierten, um eine optimale Wirkung auf den Tinnitus zu erzielen. Diese Phase zog sich über 16 bis 20 Monate hin. Bei 3 der 5 Patienten wurde schließlich eine Einstellung gefunden, die den Tinnitus abschwächte. Der Tinnitus Functional Index (TFI), in der die Patienten 25 Aspekte des Tinnitus mit jeweils bis zu 10 Punkten bewerten (maximal 250 Punkte), besserte sich bei den 3 Patienten signifikant. Bei einem Patienten ging der TFI von 75,6 auf 5,2 Punkte zurück. Bei 2 Patienten kam es dagegen trotz monatelanger Optimierung der Einstellung zu keiner Abschwächung des Tinnitus.

Laut Cheung kam es bei keinem der 5 Patienten zu schwerwiegenden chirurgischen oder stimulationsbedingten Nebenwirkungen. Von den postoperativen Narbenschmerzen und Kopfschmerzen hätten sich die Patienten rasch erholt, berichtet der Neurochirurg. Zu den stimulationsbedingten Nebenwirkungen gehörten eine vorübergehende Verschlechterung der Tinnitussymptome und bei einem Patienten visuelle „Phantome“, die jedoch wieder verschwanden, nachdem die Stimulationseinstellungen angepasst wurden.

Die Forscher sind aufgrund der Ergebnisse von der Wirksamkeit der Behandlung überzeugt und planen eine Phase-2-Studie, in der eine größere Zahl von Patienten behandelt werden soll. © rme/aerzteblatt.de

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