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Drei Apotheken nach Todesfällen durch vergiftete Glukose geschlossen

Donnerstag, 26. September 2019

/picture alliance, Oliver Berg

Köln – Nach zwei Todesfällen durch vergiftete Glukose haben die Behörden drei Apothe­ken in Köln schließen lassen – bis mehr Klarheit herrscht. Es gehe um den vorbeugenden Ge­sundheitsschutz während der laufenden Ermittlungen, sagte ein Sprecher des nord­rhein-westfälischen Gesundheits­minis­­teriums heute. Der Tod einer Mutter und ihres Babys waren am vergangenen Mon­tag öffentlich geworden.

„Ich war nicht bereit, ein Restrisiko in irgendeiner Art und Weise in Kauf zu nehmen“, sagte Nordrhein-Westfalens (NRW) Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU), der die Schließung veranlasst hatte, heute in Düsseldorf. Da noch unklar ist, ob das Gift ver­sehentlich in den Behälter mit Glukose gelangt war oder kriminelle Energie im Spiel war, müsse man Patienten so gut wie möglich schützen.

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Seit dem Tod einer jungen Mutter und ihrem Säugling ist bereits eine Woche vergangen. Die Mutter war gestorben, nachdem sie eine Glukosemischung aus der Apotheke zu sich genommen hatte, um einen Diabetestest durchzuführen. Auch der Versuch, ihr Baby per Kaiserschnitt zu retten, blieb erfolglos. Beide starben an multiplem Organversagen.

Am vergangenen Montag gaben die Ermittler bekannt: Für den Tod verantwortlich war ein giftiger Stoff – festgestellt in dem Glukosebehälter in der betroffenen Apotheke. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien soll es sich bei dem giftigen Stoff um ein Betäubungsmittel handeln. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch die Stadt Köln wollten das allerdings zunächst nicht kommentieren.

Polizei und Stadt hatten ausdrücklich davor gewarnt, Glukosepräparate aus der Heilig-Geist-Apotheke einzunehmen. Diese sollten stattdessen bei der Polizei abgegeben wer­den – was vorgestern auch passierte. Eine Frau, die von ihrer Frauenarztpraxis informiert worden sei, habe ein Glukosepräparat aus der Apotheke bei der Polizei abgegeben, be­stätigte die Staatsanwaltschaft. Zuvor hatte darüber der Kölner Express berichtet.

Dass die Schließung erst eine Woche später erfolgt, liegt nach Angaben des Ministeriums nicht daran, dass man mittlerweile mehr weiß. „Wir mussten uns den Sachverhalt erst ein­mal anschauen und prüfen, was juristisch möglich und geboten ist“, sagte ein Spre­cher. Als Kritik an den Kölner Behörden will Minister Laumann seine Maßnahme nicht verstanden wissen. Die Kölner Behörden hätten bislang einen „klasse Job“ gemacht und machten weiter einen „klasse Job“, sagte er.

Für die Opposition im Düsseldorfer Landtag ließen sich die Behörden dagegen viel zu viel Zeit. „Wie nach Bekanntwerden dieser Ereignisse die zu dem betroffenen Unterneh­men gehörenden Apotheken noch mehrere Tage geöffnet bleiben konnten, ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Frak­tion, Josef Neumann, heute. Die Bprger seien viel zu lange in Unsicherheit gelassen worden.

Gemeinsam mit den Grünen hat seine Fraktion beantragt, die Vorfälle bei der nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses am 2. Oktober zu diskutieren. Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) nannte die Schließung einen nachvollziehbaren, aber sehr drastischen Schritt.

Die Schließung sei nicht durch die Staatsanwaltschaft veranlasst worden, sagte Staatsan­wältin Natalie Traut heute. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Verfahren gegen unbekannt eingeleitet; eine Mordkommission ermittelt in alle Richtungen. „Wir prüfen weiterhin alles von Fahrlässigkeit bis Vorsatz“, sagte Traut. Man könne auch nicht ausschließen, dass Substanzen verwechselt wurden – die Glukose habe eine ähnliche Konsistenz wie der Giftstoff.

„Ich bin fassungslos, ich kann es mir nicht erklären“, hatte der Apotheker Till Fuxius vor­gestern gesagt, nachdem die Tragödie bekannt geworden war. Mittlerweile will er nicht mehr über den Fall reden. Wann er oder seine Mitarbeiter wieder hinter der Ladentheke der Apotheke stehen dürfen, ist völlig offen. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 27. September 2019, 23:26

Lieber Kollege Schätzler

ich erinnere mich noch an Zeiten, als die Krankenkassen die HbA1-Bestimmung beim Diabetiker öfter als 1x/Jahr als "unwirtschaftlich" ansahen.
Bei mindestens 3/4 der üblichen Arzneimittel übersteigt die Mehrwertsteuer den Herstellerabgabepreis der Arzneimittel, oft um ein Vielfaches, was die Krankenkassen ohne Murren hinnehmen. Bei 38 Mrd AM-Ausgaben der Kassen sind das 6.5 Mrd für die schwarze Null von Herrn Scholz... DA könnte bei einem reduzierten USt-Satz massiv gespart werden - aber man lässt lieber die Ärzte zahlen!
Und dann kommt sowas wie in Köln heraus
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 27. September 2019, 18:32

BEMERKENSWERTE PARADOXIE!

In Zeiten von extrem teuren "Biologicals" und immer aufwändigerer Transplantationsmedizin werden zum existenziell wichtigen Ausschluss eines Gestationsdiabetes bei Schwangeren die Materialkosten für den oralen Glukose-Toleranztest (oGTT) auf Kosten der GKV-Versicherten eingespart?

Das darf doch nicht wahr sein, dass erst Todesfälle auf diesen Missstand aufmerksam machen müssen!

Für den orale Glukosetoleranz-Test (Zuckerbelastungstest, kurz auch oGTT) ist ein sicher konfektioniertes Fertigpräparat offensichtlich nicht mehr verfügbar: Die orale Gabe von 75 g Glucose durch das Fertigpräparat Dextro-O.G.T.®. Selbst die sichere Alternative mit 75 g Dextrose, z.B. als Dextro-Energen® auf 300 ml Wasser wurde im Kölner Fall nicht genutzt.

Zusätzlich ist und bleibt es unverständlich, dass zum Ausschluss/Nachweis eines Gestationsdiabetes die Stoffwechsel-Provokation mit einer unphysiologischen Glucoselösung erfolgen soll, und nicht die Bestimmung des HbA1c-Wertes im Vollblut erfolgen kann. Vgl dazu:
- https://deutsch.medscape.com/artikel/4902664

- http://dx.doi.org/10.2337/dc14-1312
Hughes R, et al: Diabetes Care (online) 4. September 2014

- https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97239/HbA1c-Bestimmung-erkennt-Gestationsdiabetes-frueher

Bei möglicherweise bestehenden Lieferproblemen, die derzeit in der Pharma-Industrie an der Tagesordnung sind, sollte ernsthaft das HbA1c-Screening neu überdacht werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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