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Klöckner empfiehlt den Nutri-Score zur Nährwertkenn­zeichnung

Montag, 30. September 2019

MRI-Modell, Nutri-Score, BLL-Modell oder Keyhole®? Im Sommer hatten Verbraucher die Wahl und haben sich für den Nutri-Score entschieden.
MRI-Modell, Nutri-Score, BLL-Modell oder Keyhole? Im Sommer hatten Verbraucher die Wahl und haben sich für den Nutri-Score entschieden.

Berlin – Die Entscheidung im Streit um eine freiwillige Nährwertkennzeichnung (NWK) auf der Vorderseite von verpackten Lebensmitteln ist gefallen. Heute stellte Bundeser­näh­rungsministerin Julia Klöckner (CDU) in Berlin den Gewinner der Umfrage vor, die sie bei der INFO GmbH in Auftrag gegeben hatte.

Die Verbraucher haben einen klaren Favoriten – den Nutri-Score. Die Ministerin will nun einen Verordnungsentwurf vorlegen, um eine rechtliche Basis für Hersteller zur Nutzung des Nutri-Scores zu ermöglichen.

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Im Rahmen der Studie wurden zunächst zehn Fokusgruppendiskussionen in Greifswald, Erfurt, Essen, München und Frankfurt/Main durchgeführt. Dabei ging es vor allem um die Anforderungen der Verbraucher an ein Nährwertkennzeichnungsmodell, das die Auflis­tung einzelner Nährwerte pro 100 Gramm auf der Rückseite der Verpackung ergänzen soll.

Anschließend folgte eine Repräsentativbefragung von 1.604 Verbrauchern in ganz
Deutschland. Ein Drittel der Interviews hat die INFO GmbH persönlich durchgeführt, ein weiteres Drittel waren Online-Interviews nach telefonischer Rekrutierung und ebenfalls ein Drittel Online-Interviews aus einem Online-Accesspanel. Für die Konzipierung, Durchführung und Auswertung der Verbraucherforschung zur erweiterten Nährwert­kennzeichnung seien Ausgaben von rund 130.000 EUR (brutto) vorgesehen, teilt eine Sprecherin des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) dem Deutschen Ärzteblatt mit.

Der Nutri-Score setzt auf Mehrfarbigkeit: Er bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz empfehlenswerte Bestandteile wie Proteine in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an – in einer fünfstufigen Skala von „A“ (dunkelgrün) für die günstigste Bilanz über ein gelbes „C“ bis zu einem roten „E“ für die ungünstigste. Das Konzept für den Nutri-Score haben unabhängige Wissenschaftler aus Frankreich und England entwickelt.

Zur Auswahl standen vier NWK-Modelle: der französische Nutri-Score, den unter anderem auch Belgien und Spanien empfehlen, ein Modell des Max-Rubner-Instituts (MRI), das in skandinavischen Ländern verbreitete Keyhole-Modell sowie eine NWK des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL).

„Der Nutri-Score ging trotz einiger Schwächen als Sieger aus der Befragung hervor“, sagte Klöckner. 57 Prozent der Befragten haben sich für die Einführung des Nutri-Scores ausge­sprochen, 27 Prozent für das MRI-und sieben Prozent für das Keyhole-Modell.

Weit abgeschlagen auf dem letzten Platz landete mit vier Prozent der Vorschlag der In­dus­trie. Auch im direkten Vergleich von je zwei Modellen war der Nutri-Score nicht zu schlagen. Würde man das prozentuale Ergebnis in einer Fußballtabelle übersetzen, würde der Nutri-Score mit 243 zu 57 auf dem ersten Tabellenplatz landen.

Noch deutlich sprachen sich Menschen mit einer Adipositas (Body Mass Index größer 30) für den Nutri-Score aus. Hier würden sich 64 Prozent für das französische Modell in Am­pelfarben entscheiden.

Industrie-Modell verhindert die Auswahl der gesünderen Alternative im Test 

Die INFO GmbH untersuchte das Verständnis der NWK auch im realen Zusammenhang. Dafür wurden Pizzapackungen mit den vier verschiedenen Modellen versehen. Mit dem Nutri-Score gelang es den meisten Testpersonen (70 Prozent) die gesündere Alternative zu identifizieren.

Das MRI-Modell verhalf 60 Prozent zur korrekten Lösung der Testaufgabe und das Key­hole-Modell 35 Prozent. Mit dem BLL-Modell konnten hingegen nur 20 Prozent die Pizza auswählen, die am ehesten zu einer gesunden Ernährung beitragen würde.

Den Verbrauchern gehe es vor allem um eine Bewertung der Nahrungsmittel, so Klöckner. Verbänden, die sich bereits zuvor für den Nutri-Score ausgesprochen hatten und die die Umfrage aufgrund diverser Studien für überflüssig erklärt hatten, tritt Klöckner klar ent­gegen.

„Ich weiß, dass für Verbände und auch Nichtregierungsorganisationen das Europarecht vielleicht nicht an erster Stelle steht. Aber als Bundesregierung müssen wir seriös vor­gehen,“ rechtfertigte sich die Ministerin und betonte abermals, dass eine quantitative Verbraucherbefragung Voraussetzung der EU sei.

Wir begrüßen die Einführung des Nutri-Scores sehr. Diese Nährwert-Ampel hat zuvor in mehr als 35 wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen. Barbara Bitzer, Geschäftführerin DDG und Sprecherin DANK

Der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, Martin Rücker, hatte bereits im Vorfeld kritisiert: „Es ist nicht seriös, wenn eine Ministerin eine weitreichende politi­sche Entscheidung allein von einer schnell gemachten Umfrage abhängig machen würde und damit sämtliche wissenschaftliche Erkenntnis ignoriert.“ Diese Umfrage sei nicht nötig gewesen, sondern wissenschaftliche Evidenz, betonte er auch auf Twitter.

Fachgesellschaften, Verbände und auch die SPD hatten sich schon lange für den Nutri-Score ausgesprochen und dessen Empfehlung gefordert. Auch der 122. Deutsche Ärztetag 2019 fordert die Bundesregierung auf, das Nutri-Score-System zur Kennzeichnung von Lebens­mitteln in Deutschland aufzunehmen.

„Wir begrüßen die Einführung des Nutri-Scores sehr. Diese Nährwert-Ampel hat zuvor in mehr als 35 wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen“, sagte Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und Geschäfts­führerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Klöckner kündigte an, sie wolle noch im Oktober einen Verordnungsentwurf vorlegen, der anschließend notifiziert werden müsse. „Dann müssen wir damit durch das Kabinett“, fährt die Ministerin fort. Auch der Bundesrat müsse zustimmen. Der Bundeswirtschafts­minister und der Ge­sund­heits­mi­nis­ter seien bereits informiert. „Die Wirtschaft steht nun in der Pflicht, dem Wunsch der Verbraucher zu entsprechen. Wir schaffen eine rechtliche Grundlage in Deutschland, die bisher nicht da war.“

Schon jetzt ist eine wachsende Zahl der Hersteller bereit, den Nutri-Score anzuwenden. Dazu zählen laut Klöckner unter anderem Aldi, Bofrost, Danone, das Deutsche Tiefkühl­institut, Iglo, Nestlé und McCain. Weitere Unternehmen seien offen gegenüber jeglicher Kennzeichnung, die empfohlen werden wird: Edeka, Netto und Rewe.

Deutlich gegen eine Kennzeichnung in Ampelfarben hatte sich der Lebensmittelverband Deutschland ausgesprochen. Eine repräsentative Umfrage, die der Verband beim Institut für Demoskopie Allensbach Institut in Auftrag gegeben hatte, sollte ihre Position unter­mauern. Entgegen der Ergebnisse der INFO GmbH, ging hier das eigene Modell im Ver­gleich zum Nutri-Score als klarer Gewinner hervor.

Einheitliche EU-Pflicht als Ziel nicht absehbar

Auf europäischer Ebene will Klöckner jetzt darauf hinarbeiten, dass ein europaweit ein­heitliches System eingeführt wird. „Der EU-Bericht zur Nährwertkennzeichnung wurde in der Vergangenheit sehr häufig verschoben. Und wir erwarten auch in nächster Zeit keine solche Initiative der EU-Kommission“, sagte sie heute in Berlin.

Eine europäische Bürgerinitiative fordert die Europäische Kommission auf, die vereinfachte Kennzeichnung Nutri-Score für Lebensmittel vorzuschreiben, um eine hochwertige Nährwertinformation für die europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher bereitzustellen und ihre Gesundheit zu schützen.

Auch Bitzer sagte dem Deutschen Ärzteblatt, dass es derzeit noch nicht absehbar sei, ob und wann es eine EU-Verordnung dazu geben wird. „Auf EU-Ebene hätte der Nutri-Score aber sicher die besten Chancen, da ihn bereits einige Länder eingeführt haben.“ Sie ver­weist zudem auf eine EU Bürgerinitiative ProNutriscore, für die noch bis zum Mai 2020 Unterschriften gesammelt werden. 

Um erfolgreich zu sein, muss die Initiative eine Million Unterstützungsbekundungen er­halten, davon in mindestens sieben Ländern jeweils eine Mindestanzahl. Die kritische Schwelle hat bisher noch kein Land erreicht. Die meisten Unterstützer kamen bisher in Frankreich und den Niederlanden zusammen (86,6 Prozent beziehungsweise 35,7 Pro­zent). In Deutschland haben mehr als 3.000 Menschen (4,2 Prozent) für die Initiative unter­zeich­net – nötig wären 72.000. © gie/aerzteblatt.de

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