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Medizin

Meta-Analysen sehen geringe Ernährungsrisiken durch rotes Fleisch

Dienstag, 1. Oktober 2019

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Halifax/Hamilton/Utrecht/Barcelona/Gwangju – Ein internationales Forscherteam kommt aufgrund von mehreren Meta-Analysen in einer Leitlinie zu der Empfehlung, dass vom Verzehr von rotem Fleisch keine bedeutende Gesundheitsrisiken ausgehen, zumal laut einer weiteren Untersuchung keine Bereitschaft zur Änderung der Ernährungsgewohnheiten erkennbar sei. Die Publikationen und vor allem die Leitlinie stießen bei Experten auf heftige Kritik, die aufgrund der gleichen Ergebnisse zu völlig anderen Schlüssen kommen.

Ein häufiger Verzehr von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch, also Hamburger und Wurstwaren, steht im Verdacht, langfristig das Risiko von kardiometabolischen Erkran­kungen zu fördern. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat rotes Fleisch und Wurstwaren zudem als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A) eingestuft.

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Doch die Evidenz für diese Behauptungen ist nach Ansicht von Bradley Johnston von der Dalhousie University in Halifax schwach. Sie gründet sich (neben tierexperimentellen Befunden, die die IARC-Einstufung beeinflusst haben) vor allem auf Ergebnisse aus Beobachtungsstudien. Diese sind notorisch anfällig für Verzerrungen. Und sie weisen nach einer systematischen Übersicht und Meta-Analyse von Mi Ah Han von der Chosun Universität in Gwangju nur auf ein begrenztes Risiko hin. Eine Reduzierung des Verzehrs von unverarbeitetem rotem Fleisch um 3 Portionen pro Woche würde laut Han zu 7 weniger Krebstoten auf 1.000 Personen führen. 3 Portionen weniger verarbeitetes Fleisch würde 8 Todesfälle weniger auf 1.000 Personen bedeuten.

Han fand zudem Hinweise auf eine leicht verminderte Sterblichkeit am Prostatakrebs und an Speiseröhren-, Darm- und Brustkrebs bei einer Verringerung des Verzehrs von verar­beitetem Fleisch um 3 Portionen pro Woche. Auch die Inzidenz der Darmkrebs- und Brustkrebserkrankungen könnte durch einen verminderten Verzehr ein wenig gesenkt werden, berichtet Han in den Annals of Internal Medicine (2019: doi: 10.7326/M19-0699). Für andere Krebsarten sei kein Einfluss des Verzehrs von rotem Fleisch auf Inzidenz und Sterblichkeit nachweisbar.

Dena Zeraatkar von der McMaster University in Hamilton kommt in ihrer Analyse von Kohortenstudien zu dem Ergebnis, dass 3 Mahlzeiten mit rotem Fleisch weniger pro Woche das Erkrankungsrisiko an Schlaganfall, Herzinfarkt und Typ-2-Diabetes und die kardio­vaskuläre Mortalität kaum senken. Das gleiche gelte – in noch schwächerer Weise – für den Verzicht auf verarbeitetes rotes Fleisch, schreibt die Forscherin in ihrem Beitrag in den Annals of Internal Medicine (2019; doi: 10.7326/M19-0655).

Auch Robin Vernooij vom Integraal Kankercentrum Nederland in Utrecht findet in seiner Meta-Analyse in den Annals of Internal Medicine (2019; doi: 10.7326/M19-1583) nur schwache Hinweise, dass Ernährungsgewohnheiten mit einem geringeren Verzehr von rotem oder verarbeitetem Fleisch die Gesamtsterblichkeit oder die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkten und Krebs senken oder das Risiko auf eine Erkran­kung an Krebs oder Typ-2-Diabetes vermindern.

Dena Zeraatkar hat in einer weiteren systematischen Übersicht die Ergebnisse aus den wenigen randomisierten Studien zusammengefasst, in denen Menschen verschiedenen Ernährungsweisen zugeordnet wurden. Die Intervention bestand allerdings nicht gezielt in der Vermeidung von rotem Fleisch. In der Diät-Studie der Women's Health Initiative ging es primär allem um den Einfluss einer fettarmen Ernährung auf die Krebsinzidenz. Diese Studie dominierte mit 48.835 Teilnehmerinnen die Meta-Analyse von Zeraatkar, die insge­samt wenig Hinweise darauf fand, dass ein verminderter Fleischkonsum zu weniger kardiometabolischen Erkrankungen oder Krebserkrankungen führt.

Die Wirkung würde nach ihrer Analyse im Bereich von 1 bis 12 weniger Erkrankungen auf 1.000 Personen liegen, wenn der Verzehr von rotem Fleisch um eine bis 3 Portionen pro Woche gesenkt würde. Nebenbei erwähnt fand die Meta-Analyse Hinweise dafür, dass weniger rotes Fleisch die Lebensqualität und den HDL-Cholesterinwert verbessert. Auch hier seien die Auswirkungen vergleichsweise gering, schreibt Zeraatkar in den Annals of Internal Medicine (2019; doi: 10.7326/M19-0655).

Aufgrund der 4 Untersuchungen könne der Bevölkerung derzeit nicht zu einer Reduktion im Verzehr von rotem Fleisch oder daraus hergestellten Fleischwaren geraten werden, schreiben Johnston und 13 weitere Mitarbeiter in einer Leitlinie. Die Forscher, die nach eigenen Aussagen keine Interessenskonflikte zur Fleischindustrie haben, verwenden die GRADE-Methode, die zur Bewertung von klinischen Medikamentenstudien entworfen wurde. Der Empfehlungsgrad sei schwach, da es nur wenig sichere Evidenz gebe, schreibt das „Nutritional Recommendations (NutriRECS) Consortium“ in den Annals of Internal Medicine (2019; doi: 10.7326/M19-1621).

Die Forscher stufen die Chancen, dass die Bevölkerung zu einer Änderung der Ernährungs­gewohnheiten bewogen werden könnte, als insgesamt gering ein. Sie stützen sich dabei auf eine systematische Analyse von Claudia Valli vom Centre Cochrane Iberoamericà in Barcelona. Danach betrachten „omnivore“ Menschen Fleisch als wesentlichen Bestandteil einer gesunden Ernährung. Sie würden gerne Fleisch essen und seien der Überzeugung, dass Fleisch Teil ihrer Traditionen ist. Außerdem würde den meisten Menschen das Wissen und die Kochkünste fehlen, eine angemessene Mahlzeit ohne Fleisch zuzubereiten, schreibt Valli in den Annals of Internal Medicine (2019; doi: 10.7326/M19-1326). Auch die Bereit­schaft, den Fleischkonsum als Reaktion auf gesundheitliche Bedenken zu ändern, sei im Allgemeinen gering.

Die Empfehlungen wurden von anderen Forschern kritisiert. Die T.H. Chan School of Public Health in Boston betrachtet die Publikation der Leitlinien für „unverantwortlich“. Die Verwendung der GRADE-Kriterien sei unangemessen, weil sie nicht nur zur Bewertung der Ernährung entworfen wurden.

Die Leitlinien würden im Prinzip den Ergebnissen der eigenen Meta-Analysen wider­sprechen, die ja ein – wenn auch sehr geringes – Gesundheitsrisiko ermittelt hätten. Das „Physicians Committee for Responsible Medicine“, eine Non-Profit-Organisation, die nach eigenen Angaben 12.000 Ärzte zu ihren Mitgliedern zählt, reichte sogar eine Petition bei der „Federal Trade Commission“ (einer Verbraucherschutzbehörde) ein. Die Annals of Internal Medicine, das Zentralorgan des American College of Physicians, sollen zu einer Korrektur gezwungen werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #737120
dokeszt
am Freitag, 4. Oktober 2019, 08:47

Interessenskonflikt

Leider hat der Hauptautor der Studie auch seine Interessenskonflikte nicht vollständig angegeben, siehe:
https://www.foodpolitics.com/2019/10/the-international-life-sciences-institute-ilsi-true-colors-revealed/
Avatar #737120
dokeszt
am Mittwoch, 2. Oktober 2019, 10:25

Nur ein Teil der Wahrheit....

... denn hier wurden m. E. Fleischesser mit unterschiedlichem Konsum verglichen. Ein Vergleich von Fleischessern mit Vegariern sieht anders aus.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 2. Oktober 2019, 10:08

"Rotes Fleisch"?

Fleisch ist normalerweise so blass wie das abgebildete Schweinekotelett links. Auch Rindfleisch (Abb. rechts) ist naturbelassen deutlich heller, wird aber wegen der besseren Appetitlichkeit verkausfördernd vom Metzger eingefärbt.

Mf+kG Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #687320
Nicolai Worm
am Mittwoch, 2. Oktober 2019, 08:55

Die Fleischdaten waren seit jeher viel zu schwach um konkrete Empfehlungen zu geben

Die wesentliche Kritik ist ja, dass die angewendeten GRADE-Kriterien unangemessen seien. Da fragt man sich, warum solche allseits bekannten Unzulänglichkeiten der durchgeführten epidemiologischen Studien dann doch seit Jahrzehnten sehr angemessen waren:
„Limited causal inferences due to residual confounding in observational studies, risk of bias due to limitations in diet assessment and adjustment for confounders, recall bias in dietary assessment, and insufficient data for planned subgroup analyses….Inadequate adjustment for known confounders.“

Dass man auf Basis eines solchen Datensalats keine konkreten Verzichtsempfehlungen gekoppelt mit Gesundheitsversprechen mit Unterstützung des Staates abgeben dürfte, sollte eigentlich unumstritten sein. Bei den offiziellen Ernährungsempfehlungen fehlt einfach nur das Wort „maybe“ – wie Dennis Bier das so schön in dem Artikel in der NY Times ausdrückt: " “When you don’t have the highestquality evidence, the correct conclusion is ‘maybe.’”
Avatar #104741
urgestein
am Dienstag, 1. Oktober 2019, 21:40

Millionen Raucher können nicht irren

Wenn man dieser Argumetationslogik folgt: Da auch wenig Bereitschaft besteht auf Flüge, SUVs, grosse Wohnungen usw. Zu verzichten, ist der menschengemachten Klimawandel wahrscheinlich auch nicht so wichtig. Und Alkohol, Tabak und andere Drogen sind auch nur halb so schlimm.
Avatar #747495
JohnR
am Dienstag, 1. Oktober 2019, 18:16

Rotes Fleisch kann auch Ursache für div. Autoimmunerkrankungen sein

Bedauerlicherweise ist hier nur eine mögliche Ursache von Diabetes genannt. Leider wird hier nicht
berichtet, daß auch Autoimmunerkrankungen ihre Ursache im Verzehr von rotem Fleisch haben können.
Ich habe rotes Fleisch reduziert und nehme, wenn es denn tierisch sein muss, Flsch und Geflügel.
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Dienstag, 1. Oktober 2019, 17:59

Es darf halt

nicht zuviel Fleisch sein: https://kurier.at/wissen/neue-studie-rotes-fleisch-als-ausloeser-fuer-diabetes-typ-ii/134.135.339
LNS

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