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Medizin

Sepsis: Studie zur Hochdosis-Therapie mit Vitamin C scheitert in den meisten Endpunkten

Mittwoch, 2. Oktober 2019

/Kateryna_Kon, stock.adobe.com

Richmond – Kann eine hochdosierte Vitamin C-Behandlung das Leben von Sepsis-Patienten retten, bei denen es bereits zu einem Organversagen gekommen ist? In einer rando­misierten kontrollierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 1261-1270) wurden alle drei primären Wirksamkeitsendpunkte und 43 von 46 sekundären Endpunkten verfehlt. Die Erholung auf der Intensivstation wurde jedoch beschleunigt und die Überlebenschancen der Patienten deutlich verbessert.

Ein akutes Lungenversagen („Acute Respiratory Distress Syndrome“, ARDS) gehört zu den schwersten Komplikationen einer Sepsis. Auch bei einer mechanischen Beatmung verstirbt ein Drittel bis die Hälfte der Patienten. In dieser Situation greifen einige Intensivmediziner vermehrt zu einer hochdosierten Behandlung mit Vitamin C. 

Als Begründung wird ein Vitamin C-Mangel angeführt, zu dem es bei vielen Sepsis-Patienten kommt. Die Ursache wird in einer vermehrten Synthese von Katecholaminen vermutet, für deren Synthese Vitamin C benötigt wird. Tatsächlich scheint der Vitamin C-Mangel mit dem Schweregrad der Sepsis und damit mit der Sterblichkeit zu korrelieren. Ein Beleg, dass eine Vitamin-C-Behandlung die Prognose der Patienten verbessert, ist dies jedoch nicht. Hierzu sind randomisierte Therapiestudien erforderlich. 

Ein Team um Alpha Fowler von der Virginia Commonwealth University in Richmond konnte in einer früheren Phase 1-Studie zeigen, dass eine hochdosierte Behandlung mit Vitamin C bei Sepsis-Patienten sicher ist. In einer kontrollierten Phase 2-Studie wurde jetzt erstmals die Effektivität der Behandlung untersucht.

An der CITRIS-ALI-Studie nahmen an fünf US-Kliniken 167 Patienten teil, bei denen es aufgrund einer Sepsis (mit vermuteter oder nachgewiesener Infektion) zu einem ARDS gekommen war. Die Patienten erhielten über 96 Stunden lang alle 6 Stunden intravenös Vitamin C in der Dosis von 50 mg/kg oder Placebo infundiert. 

Die primären Endpunkte der Studie waren der mSOFA-Score nach 96 Stunden sowie die Laborwerte C-reaktives Protein (CRP) und Thrombomodulin, die mehrmals, zuletzt nach 196 Stunden bestimmt wurden.

Der mSOFA-Score („modified Sequential Organ Failure Assessment“) beurteilt die Funktion von Atmung, Nervensystem, Herz-Kreislauf-System, Leber, Blutgerinnung und Nieren mit jeweils vier Punkten. Ein maximaler Wert von 20 Punkten zeigt den schlechtesten Zustand an.

Unter der Vitamin C-Behandlung, die zusätzlich zu der üblichen Versorgung erfolgte,  verbesserte sich der mSOFA-Score um 3,0 Punkte (von 9,8 auf 6,8 Punkte). In der Placebo-Gruppe (also der alleinigen üblichen Versorgung) kam es zu einer Verbesserung um 3,5 Punkte (von 10,3 auf 6,8 Punkte). Die Ergebnisse waren also in der Placebogruppe etwas besser. Der Unterschied war jedoch minimal und nach der Berechnung von Fowler statistisch nicht signifikant. 

Das CRP ist der wichtigste Entzündungsparameter. Der Normalwert liegt bei unter 5 mg/l. In beiden Gruppen war der Wert zu Beginn der Behandlung auf etwa 100 mg/l angestiegen (genaue Werte werden in der Publikation nicht erwähnt). Nach der Behandlung fiel der Wert in der Placebo-Gruppe auf 54,1 mg/l und in der Vitamin C-Gruppe auf 46,1 mg/l. Auch hier war der Unterschied nicht signifikant. 

Mit dem Thrombomodulin wird die Blutgerinnung beurteilt, die ebenfalls die Prognose der Patienten beeinflusst. Die Konzentration betrug nach der Behandlung in der Placebo-Gruppe 14,5 ng/ml und in der Vitamin C-Gruppe 13,8 ng/ml. Der Unterschied war klinisch nicht signifikant. 

Damit wären die Ergebnisse der Studie negativ und die Hochdosis-Behandlung mit Vitamin C hätte sich (jedenfalls unter den Einschlusskriterien der Studie) als unwirksam erwiesen. Die Forscher haben jedoch noch 46 weitere Endpunkte untersucht. Eine solche breit gefächerte Datenerhebung ist unter Experten umstritten. Denn mit zunehmender Zahl der Endpunkte steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in dem einen oder anderen Endpunkt zufällig ein statistisch signifikantes Ergebnis gefunden wird. 

Tatsächlich fanden die Forscher in drei sekundären Endpunkten signifikante Vorteile für die hochdosierte Vitamin C-Behandlung. Dazu gehörte neben einer verkürzten Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation (sieben statt zehn Tage) und im Krankenhaus (15 statt 22 Tage) auch die Zahl der Todesfälle: Bis zum 28. Tag waren in der Placebogruppe 38 von 82 Patienten (46,3 Prozent) gestorben gegenüber 25 von 84 Patienten (29,8 Prozent) in der Vitamin C-Gruppe. Die Differenz zwischen den Gruppen von 16,58 Prozentpunkten war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 2 bis 31,1 Prozentpunkten signifikant. Die Hazard Ratio von 0,55 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,33 bis 0,90 ebenfalls signifikant. 

Die Mortalität ist in klinischen Studien der „härteste“ Endpunkt, weil ein „Messfehler“ ausscheidet, und für den Patienten ist das Überleben der wertvollste Vorteil einer Behandlung. Fowler bewertet die Ergebnisse der Studie deshalb eindeutig positiv. Für ihn ist bewiesen, dass Vitamin C eine lebensrettende Therapie sein kann. Ob dies die Autoren der Leitlinien ebenso sehen werden, bleibt abzuwarten.

Die Studie könnte sich auch ohne offizielle Empfehlung rasch zu einem Standard entwickeln: Vitamin C gilt als sehr gut verträglich und es ist kostengünstig. Die Ergebnisse der Studie dürften auf jeden Fall eine starke Motivation sein, Vitamin C bei Sepsis-Patienten einzusetzen – auch über die Indikationsgrenzen der Studie hinaus. Die Editorialistin Emily Brant von der University of Pittsburgh School of Medicine wünscht sich weitere Studien, um die optimale Dosierung und den optimalen Zeitpunkt zu ermitteln sowie die Patienten, die am ehesten von der Behandlung profitieren. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #549494
Keto-Doc
am Mittwoch, 6. Mai 2020, 19:42

Schrott-Studie

Das sind typischen Schrott-Studien um die Wirkung von Vitamin C zu diskreditieren. Damit Vitamin C Ihre Wirkung zeigt braucht man oral zumindest 6g täglich und iv. werden Dosierungen von 25-75g als Infusionen mit Geschwindigkeit bis 1g/Min verdünnt 1:10 im naCl ode Ringeracetat verwendet. Einige Apotheken wie in Saarbrücken bieten solche Präparate mit 25g Vitamin C als Infusionslösung an.
Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 5. Februar 2020, 23:55

Linus Pauling

war auf dem Gebiet der Medizin autodidakter Laie... dass er sein langes Leben auf die Zufuhr von Vitamin C zurückführte, bestätigt nicht die Richtigkeit dieser Annahme.
Die Firma Pascoe, deren Domäne parenterale Hochdosispräparate von Ascorbinsäure sind, ist wesentlich vorsichtiger mit ihren Werbeaussagen...
Oral zugeführt, ist es mit keiner Dosis möglich, die intrazellulären Konzentrationen von Vitamin C nennenswert zu erhöhen, das gelingt nur per Infusion - und die beanspruchten Wirkungen zu beweisen, scheitert immer dann, wenn die Studien nicht von Pascoe initiiert werden, "hony soit qui mal y pense"...
Avatar #88846
freeon_f
am Mittwoch, 5. Februar 2020, 16:56

¿hoch dosiert?

… seit früher Jugend ist mein Interesse an Biologie und damit freilich auch Medizin stets gewachsen; deshalb auch das Interesse am DÄ.
Daher erstaunt mich der Titel des Artikels hoch dosiertes Vitamin C mit der Angabe 50mg/kg Patientengewicht. Für mich bedeutete das mit meinen 100kg gerade mal 5g alle 6h, also 20g/24h.
Es steht außer Frage, dass Natriumascorbat iV deutlich wirksamer ist, als die Aufnahme von Vitamin C über den Verdauungstrakt.
Nach Linus Pauling, der auf diesem Gebiet forschte gibt es zumindest einen Indikator für hinreichenden Vitamin C Gehalt des Körpers bei oraler Aufnahme→ Ausscheiden eines Überschusses durch Stuhlerweichung bis hin zur (einmaligen) Diarrhoe ← bei heftiger Überdosis gar krampfartig.
Je nach Heftigkeit des (Krankheits—)Stress ist dieser Effekt des „es ist genug da“ z.B. auch erst bei 100g/24h zu beobachten.
„Hoch dosiert“ kann also nur im Hinblick auf die (von einer Institution) empfohlene Tagesdosis/Tagesbedarf beziehen. Hoch ist der Bedarf des Körpers für ein optimal funktionierendes Immunsystem – ein „Zu Hoch“ wird selbst regulierend beseitigt.
Nach Linus Pauling (einer von wenigen zweifachen Nobelpreisträgern) ist der reale Tagesbedarf eines gesunden, ungestressten Erwachsenen mit ca 75kg Körpergewicht bei 4 … 8g Vitamin C Zufuhr anzusiedeln! Nach eigener Erfahrung benötige ich (100kg) bei einer einfachen Erkältung ca24/24[g/h] aufgeteilt in 6 dosen a 4g Ascorbinsäure krist. (ca 1 gestrichener Teelöffel Pulver in Wasser / Tee / Saft. Mein Jahresverbrauch an Ascorbinsäure liegt folglich bei rund 2kg.
Näheres ist auf meiner Webseite in einem Artikel zu finden, der auf Dr. Linus Paulings und Dr. Cathcarts Forschungen basiert.
Erfreulicher Weise ist ja die „Empfohlene Tagesdosis“ für Vitamin C von 400mg auf 1g herauf gesetzt worden; ein (zu kleiner) Schritt in die richtige Richtung. niemand, der unter Kopfweh leidet und das erfolgreich mit einer Tablette Aspirin behandelt, käme auf die Idee, das mit wenigen von der Tablette geschabten Stäubchen in der Erwartung desselben Ergebnisses zu versuchen.
Aber über die entscheidende Wichtigkeit der Dosis hatte sich ja schon Paracelsus geäußert …
Fazit:
Von Hochdosiert kann im Hinblick auf die Ausgangslage: Lebensbedrohende Sepsis — kaum die Rede sein. Dass die Studie mit einem Placebo Arm durchgeführt wurde ist über die obigen Ausführungen hinaus wohl wissenschaftstheoretisch bedingt, in meinen Augen aber moralisch verwerflich. ¿ist die bisherige Erfahrung mit Patienten, die eine „Lebensbedrohende Sepsis“ erfahren haben OHNE (kontrolliert oder unkontrolliert) VITAMIN C VERABREICHT bekamen nicht
hinreichend evident z.B hinsichtlich der Überlebensrate – Zitat:
»Bis zum 28. Tag waren in der Placebogruppe 38 von 82 Patienten (46,3 Prozent) gestorben gegenüber 25 von 84 Patienten (29,8 Prozent) in der Vitamin C-Gruppe«

Ulrich Wandersleb–Münst
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Mittwoch, 2. Oktober 2019, 19:56

Ich erhalte nun schon einige Zeit

den News-Letter des Ärzteblattes. Als Nichtarzt gibt mir dessen Lektüre die Möglichkeit, zu erfahren, wie man in der Medizin tickt. So sind Mediziner erst dann an Gesundheit interessiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, d. h. eine Krankheit bereits existiert. So ist es auch bei diesem Artikel, in welchem das Vitamin C als Heilmittel figuriert. Jedoch sollte nicht übersehen werden, dass das Vitamin C vor allem ein Nahrungsmittel ist, bei dessen Fehlen es zu gesundheitlichen Störungen kommt. Hier wären die Medien in die Pflicht zu nehmen, die aufhören sollten, zu verbreiten, dass bei einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung keine Ergänzung der Nahrung mit Vitaminen und Mineral- bzw. Spurenstoffen erforderlich sei. Die Seite http://members.chello.at/meinewebseite/Emai.htm zeigt, dass dies unwahr ist.
LNS

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