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Politik

Neuer Vorstoß zum Angleich der Honorarsysteme für gesetzlich und privat Versicherte

Freitag, 4. Oktober 2019

/dpa

Gütersloh/Berlin – Für eine Neugestaltung der Finanzierung von gesetzlich und privat Versicherten plädiert die Bertelsmann-Stiftung im Rahmen einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie. Autoren der Arbeit mit dem Titel „Ärztliche Vergütung ambulanter und ambulant erbringbarer Leistungen“ sind die Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem und Anke Walendzik von der Universität Duisburg-Essen.

„Die beiden haben im Auftrag der Bertelsmann Stiftung Vorschläge für eine Reform der ärztlichen Vergütung speziell für den Bereich ambulanter und ambulant erbringbarer Leistungen entwickelt. Dabei steht der Versorgungsbereich im Fokus, in dem die gleiche Leistung von niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus erbracht werden kann“, heißt es in einer Studienzusammenfassung der Stiftung.

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Die Autoren plädieren dafür, einen dritten vom ambulanten und stationären Sektor abgegrenzten Versorgungsbereich einzuführen. Dieser sollte ambulant erbringbare, aber sowohl in der Arztpraxis wie im Krankenhaus durchgeführte Leistungen umfassen. Für diesen neuen Versorgungsbereich sollte ein neues Vergütungssystem mit einheitlichen Regeln für Vertragsärzte und Krankenhäuser gelten. Im Zuge dessen plädieren die Autoren dafür, die Finanzierung von gesetzlicher (GKV) und privater Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) grundlegend neu zu gestalten. „Eine Angleichung der Honorarsysteme von gesetzlicher (GKV) und privater Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) wäre versorgungspolitisch wünschenswert“, hieß es aus der Bertelsmann-Stiftung.

Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) widerspricht der Studie der Bertels­mann Stiftung zur ärztlichen Vergütung. „Eine Vereinheitlichung der Vergütungssysteme ist für die Behebung der sich aus der Art der Finanzierung von im intersektoralen Bereich erbrachter medizinischer Leistungen nicht notwendig“, sagte dessen Hauptgeschäftsführer Lars Lindemann.

„Die so diskutierte Angleichung beider Vergütungssysteme berücksichtigt zudem nicht, dass bei aller möglicher Kritik am Nebeneinander von privater und gesetzlicher Honorarordnung, der freie Beruf des Arztes einen Anspruch auf eine freie Gebührenordnung ‚GOÄ‘ hat“, erinnerte Hans-Friedrich Spies, Vorstandsmitglied des SpiFa.

Der Verband verwies auf ein eigenes Konzept zur Überwindung der Sektorengrenzen, welches „konsequent den Ansatz ambulant vor stationär verfolgt“. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 6. Oktober 2019, 23:44

Ohne Transparenz keine echte Angleichung

Weder EBM noch GOÄ sind echte Gebührenordnungen im dem Sinne, dass sie den wirklichen Aufwand abbilden. Beide Vergütungssysteme stehen unter einem erheblichen politischen Druck. Der EBM wird durch die GKV diktiert. Die GOÄ ist aufgrund des politischen Interesses an den Beihilfeberechtigten eine Bundesrechtsverordnung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gebührenordnung_für_Ärzte

Was fehlt, ist eine unabhängig kalkulierte und aktuelle ärztliche Gebührenordnung. Streng genommen, gibt es diese längst, schliesslich müssen all die Versuche der Aktualisierung der GOÄ der letzten Jahre eine technische Verhandlungsgrundlage gehabt haben. Wenn dann alle drei Preise nebeneinander stehen, der neutral kalkulierte Wert, der Preis nach alter GOÄ und der Preis nach EBM, das wäre echte Transparenz. Auch wenn der EBM eine Reihe von Pauschalen enthält, bei großen Zahlen kann man Durchschnittswerte berechnen (bei der Inflationsberechnung arbeitet man ja auch mit einem durchschnittlichen Warenkorb) und auf diese Weise eine Pauschale mit einer Einzelleistungsvergütung vergleichen. Selbst die Frage des Geltungsbereichs wäre lösbar. Selbstzahler und ausländische Privatpatienten könnten danach abgerechnet werden. Streng genommen wird die GOÄ zwischen der Bundesärztekammer und dem PKV-Verband ausgehandelt und gilt damit nur für PKV-Patienten.

Ein derartiger echter transparenter Vergleich wäre wahrscheinlich einerseits sehr spannend, andererseits sehr ernüchternd und frustrierend. Offen ist dabei die Frage, wie viel die ärztliche Arbeitsstunde in der öffentlichen Diskussion wert ist. Ein Wert wie in den USA würde sicher viele Patienten überfordern. Der aktuelle Wert (sowohl GOÄ als auch EBM) ist dagegen zu niedrig und bedeutet Raubbau an der Substanz. Als warnendes Beispiel möchte ich die Wohnungsmieten in der ehemaligen DDR nennen. Es wurde immer gesagt, die Mieten wären subventioniert gewesen. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Bei Altbauten in privater Hand gab es einfach nur eine festgelegte Mietobergrenze. Wenn über Jahrzehnte die Ausgaben zum Erhalt der Substanz höher sind als die Einnahmen, dann ist der Verfall der historischen Stadtkerne die logische Folge. Wenn die Wende 10 Jahre später gekommen wäre, dann wäre vieles unwiderruflich verloren gewesen.

Die wirklich spannende Frage ist deshalb, wie viele Jahre Raubbau das Gesundheitssystem noch toleriert. Insbesondere wenn in den nächsten 10 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge (und damit viele Ärzte) in Rente gehen und das politische Laienspiel mit Vernetzung und ePA und falsch verstandenem Datenschutz den Frustrationsgrad bei den Verbliebenen weiter erhöht, dann könnte das Gesundheitssystem eher an einem Kipppunkt gelangen als derzeit vermutet wird.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tipping-Point
Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 5. Oktober 2019, 02:42

Exkurs zur Geschichte

Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung wurde eingeführt als "Solidarkasse" der Arbeiter, Angestellte, Freiberufler und sonstige Selbständige waren von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Die Krankenkassen verhandelten mit den Ärzten abgesenkte Gebührensätze für einen eingeschränkten Leistungskatalog, übernahmen dafür aber die Zahlungsgarantie für die Behandlungen.
Die Versicherungsgrenze diente ursprünglich dazu, "Reiche" oder "Besserverdiener" von der Kasse der Arbeiter auszuschließen - dieser Personenkreis sollte für seine Behandlung selbst aufkommen oder sich anderweitig versichern, für seine Beamten garantierte der Dienstherr die Bezahlung von Arztrechnungen.
Die ständige Erweiterung des "begünstigten" Personenkreises durch Erhöhung der Versicherungsgrenzen führten diese Grundidee ad absurdum: 90% der Bevölkerung sind heute in den einstigen "Armenkassen" versichert, die mittlerweile ein Nachfragemonopol haben und der Ärzteschaft die Bedingungen diktieren.
Da über die Hälfte der Privatversicherten beihilfeberechtigte Beamte sind (3´,4 Mio Beamte + Ehefrauen/Kinder/Witwen) verhindert der Staat als Beihilfeträger in quasi eigener Sache seit 30 Jahren die Anpassung der ärztlichen Gebührenordnung.
Ein Wegfall der PKV zugunsten einer Einheitsversicherung würde schlagartig zur Verfassungswidrihgkeit großer Teile des Vertragsarztrechts führen, da das Feigenblatt der PKV dazu führt, dass der Beitritt Niedergelassener zu den "Mantelverträgen" mit ihren Einschränkungen zur Existenzsicherung "freiwillig" erfolgt!
LNS

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