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Medizin

Künstliches Pankreas verbessert Blutzuckerkontrolle bei Diabetes Typ 1

Freitag, 18. Oktober 2019

Insulinpumpen von der Größe einer Streichholzschachtel tragen inzwischen viele Menschen mit Diabetes Typ 1 am Körper. /romaset, stock.adobe.com

Charlottesville– Ein hybrides künstliches Pankreas, das die Dosis des Basalinsulins auto­matisch dem kontinuierlich bestimmten Blutzucker anpasst, hat in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (2019; 10.1056/NEJMoa1907863) über 6 Monate die Glukosewerte täglich über 2,5 Stunden länger im Zielkorridor gehalten als in einer Kontrollgruppe, in der die Patienten die Insulindosis selbst ermitteln mussten.

Ein künstliches Pankreas besteht aus einer Insulinpumpe, einem Glukosesensor und einem Algorithmus, der die Insulininfusion kontinuierlich an die gemessenen Insulinspiegel anpasst. Alle derzeit erprobten „Closed-Loop“-Systeme, auch das im letzten Jahr in den USA und Europa zugelassene MiniMed 670G des Herstellers Medtronic, sind „hybrid“. Sie steuern nur die Basalinsulininfusion. Das nach den Mahlzeiten benötigte Insulin müssen die Patien­ten selbst injizieren.

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Es gab lange Bedenken bei Diabetologen, ob die Insulindosierung tatsächlich den Algo­rithmen eines Rechners überlassen werden sollte. Fehler in der Dosierung können nämlich tödlich enden. Bei einer Überdosierung droht eine Hypoglykämie, die vor allem im Schlaf zu lange unbemerkt bleiben könnte. Zum anderen kann es bei einem Ausfall der Pumpe zu einer Hyperglykämie mit Ketoazidose kommen.

Diese Bedenken konnten inzwischen weitgehend ausgeräumt werden. In klinischen Studien haben sich die Pumpen bewährt. Die Algorithmen können auf die Bedürfnisse des Typ-1-Diabetikers angepasst werden. Es gibt spezielle „Sicherheitsmodule“ für Hypoglykämien, eine automatisierte Bolusgabe zur Korrektur von Blutzuckerspitzen oder Programme zur Intensivierung der nächtlichen Basalinsulingabe, die die Patienten morgens mit normalen Blutzuckerwerten erwachen lassen. Da sich die Algorithmen von Hersteller zu Hersteller unterscheiden, können die Ergebnisse der klinischen Studien nicht auf andere Systeme übertragen werden.

In der DCLP3-Studie („Clinical Acceptance of the Artificial Pancreas“) wurde im Rahmen der iDCL-Studie („International Diabetes Closed Loop“) ein noch nicht zugelassenes künstliches Pankreas untersucht, das von Forschern der Universität von Virginia mitentwickelt wurde. Die Studie wurde vom US-National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, also mit öffentlichen Mitteln finanziert.

An der Studie nahmen an 7 US-Zentren 168 Patienten im Alter von 14 bis 71 Jahren teil, die seit einem bis 62 Jahren unter einem Typ-1-Diabetes litten, der mit HbA1c-Werten von 5,4 bis 10,6 % mehr oder weniger gut kontrolliert war. Die meisten Patienten benutzten bereits Insulinpumpen und/oder kontinuierlich messende Glukosesensoren, sodass ein künstliches Pankreas für sie keine große Umstellung bedeutete.

Die Patienten wurden im Verhältnis 2 zu 1 auf die Verwendung eines künstlichen Pankreas oder auf eine sensorgestützte Pumpentherapie randomisiert, bei der die Patienten die Insulindosis für das Basalinsulin selbst festlegten. Das Ziel der Behandlung war ein Gluko­se­­spiegel zwischen 70 und 180 mg pro Deziliter (3,9 bis 10,0 mmol/l).

Blutzuckerzielwerte werden mit künstlichem Pankreas länger erreicht

Wie das Team um Boris Kovatchev von der Universität von Virginia in Charlottesville berichtet, konnten die Patienten, die das künstliche Pankreas benutzten, den Anteil der Zeit, in der sie sich im Zielkorridor des Blutzuckers befanden, im Verlauf der 6-monatigen Studie von 61 auf 71 % steigern. In der Kontrollgruppe gab es in diesem primären Endpunkt der Studie keine Verbesserung. Die Patienten blieben unverändert zu 59 % der kontinuierlichen Messungen im Blutzucker-Zielkorridor.

Die Differenz von 11 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 9 bis 14 Prozentpunkten hoch signifikant. 11 Prozentpunkte entsprechen einer täglichen Dauer von 2,6 Stunden, von denen 2,4 Stunden auf eine Hyperglykämie und 13 Minuten auf eine Hypoglykämie entfielen. Auch in diesen beiden sekundären Endpunkten waren die Unterschiede signifikant.

Der HbA1c-Wert verbesserte sich mit dem künstlichen Pankreas von 7,40 auf 7,06 %, während er in der Kontrollgruppe gleich blieb. Der Unterschied von 0,33 Prozentpunkten (0,13 bis 0,53) war ebenfalls signifikant.

Bis auf eine Ketoazidose-Episode durch ein Versagen der Insulinpumpe (aufgetreten in der Gruppe mit dem künstlichen Pankreas) sind keine schweren Komplikationen aufgetreten. Zu einer schweren Hypoglykämie ist es laut Kovatchev in keinem Fall gekommen.

Die Anwendung des künstlichen Pankreas hat sich deshalb als sicher erwiesen (jedenfalls für eine Patientengruppe, die zumeist Erfahrungen im Umgang mit Pumpe und kontinuier­licher Blutzuckermessung hatte).

Ob das künstliche Pankreas die Patienten besser vor den Spätkomplikationen des Diabetes schützt, lässt sich nach einem halben Jahr noch nicht abschätzen. Nach einer kürzlich in Diabetes Care (2019; 42: 400-405) erschienenen Studie ist eine Verkürzung der Zeitspanne im Glukose-Zielbereich um 10 % jedoch langfristig mit einem um 64 % erhöhten Risiko auf ein Fortschreiten der Retinopathie und einem um 40 % erhöhten Risiko auf die Entwicklung einer Mikroalbuminurie verbunden. © rme/aerzteblatt.de

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