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Politik

Streit um Facharztquote in Thüringens Krankenhäusern

Montag, 21. Oktober 2019

/VILevi, stock.adobe.com

Erfurt/Jena – In Thüringen darf das erste Krankenhaus auf Dauer Fachabteilungen offen halten, obwohl dort Ärzte fehlen. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium habe die unbefristete Aus­nahmegenehmigung erteilt, sagte ein Sprecher. Damit könnten die Urologie und Hals-Na­sen-Ohrenheilkunde in der Klinik aufrecht erhalten werden, obwohl die Facharztquote nicht erfüllt wird.

Die Quotenregelung für Krankenhäuser gibt es in Thüringen seit 2017. Seitdem müssen Kliniken landesweit alle Fachabteilungen mit mindestens 5,5 Arztstellen ausstatten, da­von mindestens drei mit Fachärzten des entsprechenden Gebiets. Wegen des Mangels an Medizinern können die Stellen aber oft nicht besetzt werden.

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Thüringen hatte die Facharztquote als Qualitätskriterium eingeführt. So sollte sicherge­stellt werden, dass rund um die Uhr Spezialisten erreichbar sind. Ausnah­me­regelungen für 27 weitere unterbesetzte Fachabteilungen in Kliniken wurden laut Ministerium be­antragt.

Geschlossen wurde laut Ministerium aber bislang keine unterbesetzte Abteilung. In Thü­ringen gibt es rund 40 Krankenhäuser. Welches Haus die Dauer-Ausnahmeregelung be­kam, wurde unter Verweis auf „interne Sachverhalte des Krankenhausbetriebs“ nicht mit­geteilt.

Der Umgang des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums mit der Quote ist bei bei Lan­des­­ärztekammer und Krankenkassen auf Kritik gestoßen. „Die Facharztquote läuft ein bisschen ins Leere“, sagte Kammerpräsidentin Ellen Lundershausen. Sie gehe davon aus, dass in mehr Häu­sern Ärzte fehlen, als es Anträge auf Ausnahmegenehmigungen für unterbesetzte Abtei­lun­gen gibt.

Die beantragten Ausnahmen betreffen laut Ministerium am häufigsten die Gebiete Gynä­kologie/Geburtshilfe, Orthopädie/Unfallchirurgie und Hauterkrankungen (jeweils drei). Betroffen sind aber auch die Nuklearmedizin (zwei) und Strahlentherapie (eine). Bei sol­chen hoch spezialisierten Abteilungen hatten Fachleute von Anfang an Zweifel an einer pauschalen, fachunabhängigen Quote geäußert.

Für Lundershausen ist es problematisch, dass die Kliniken praktisch selbst entscheiden können, ob sie Ärzteengpässe dem Ministerium melden. „Wenn man das ordentlich ma­chen wollte, müsste man das genau kontrollieren. So stellen nur die Häuser, die ehrlich sind, Anträge auf Ausnahmegenehmigungen.“

Die Ärztekammer, die die Einführung der Quote unterstützt hatte, ist für die fachliche Be­urtei­lung der Anträge zuständig. Sie bindet dafür medizinische Fachgesellschaften außer­halb Thüringens ein, um Neutralität zu wahren. Die Entscheidung über die Anträge trifft das Ministerium.

Die Barmer warf dem Ministerium Intransparenz beim Umgang mit der Quote vor. Weder Patienten noch Krankenkassen würden informiert, wenn Kliniken die Facharzt-Mindest­zahl nicht einhielten. Darauf hätten sie aber ein Recht. „Wenn nun sogar dauerhafte Aus­nahmen erlaubt werden, braucht es dafür besonders gute Gründe“, so Barmer-Landesge­schäftsführerin Birgit Dziuk.

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer plädierte für eine Neuausrichtung der Thüringer Krankenhaus­po­litik. Nötig seien Vorgaben, wo und wie viele hoch spezialisierte Häuser benötigt werden, wo die Grundversorgung erforderlich ist und wo Anlaufstellen für die notärztliche Ver­sor­gung ausreichen. „Man muss da einfach mal Mut haben“, sagte Lundershausen.

Die letzten größeren Einschnitte in die Krankenhausstruktur mit Schließungen kleiner Standorte liegen in Thüringen rund 15 Jahre zurück. Die derzeitige rot-rot-grüne Koalition hatte Schließungen ausgeschlossen. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #88767
fjmvw
am Dienstag, 22. Oktober 2019, 14:17

Thüringen bescheinigt seinen Krankenhäuser eine geringe Qualität

Denn eingeführt wurde die Facharztquote als Qualitätskriterium, steht zumindest so in der Meldung.
Wenn diese Quote jetzt nicht eingehalten wird, dann folgt daraus zwangsläufig, dass das angestrebte Qualitätsniveau nicht erreicht wurde. Im Volksmund nennt man das eben "schlechte Qualität".

Wäre Thüringen vielleicht nicht besser beraten gewesen, erst einmal nachzudenken, bevor man die Facharztquote eingeführt hat? Es war garantiert schon vor Jahren bekannt, dass es in Thüringen nicht genügend Fachärzte gab, um die Facharztquote zu erfüllen.

Da haben sich die Thüringer selbst mit voller Kraft in die Weichteile getreten. Oder?
LNS

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