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Medizin

Polioartige Erkrankung AFM: Antikörper im Liquor stützen Virus-Hypothese

Dienstag, 22. Oktober 2019

Juan Gärtner - stock.adobe.com

San Francisco – Der Verdacht, dass Enteroviren für die akute schlaffe Myelitis (AFM) verantwortlich sind, die in den USA, aber auch in Europa alle zwei Jahre zu einer Häufung von polioartigen Erkrankungen führt, erhärtet sich durch einen systematischen „Virus-Scan“, dessen Ergebnisse US-Forscher in Nature Medicine (2019; doi: s41591-019-0613-1) vorstellen.

In den späten Sommermonaten der Jahre 2014, 2016 und 2018 ist es in verschiedenen Staaten der USA zu einer Häufung von Erkrankungsfällen gekommen, die sehr stark an eine Poliomyelitis erinnern.

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Häufig beginnt die Erkrankung wie eine einfache Erkältung, die häufig die gesamte Familie erfasst. Während sich die Eltern und älteren Geschwister rasch erholen, kommt es bei dem jüngsten Kind innerhalb einer Woche zu akuten schlaffen Lähmungen der Muskulatur, die bei Befall der Atemmuskulatur eine Beatmung notwendig machen. In der Magnetresonanztomografie werden Läsionen im Vorderhorn des Rückenmarks erkennbar. Elektrophysiologische Untersuchungen zeigen eine Motoneuron-Schädigung an.

Die Neurologen stellen die Diagnose einer akuten schlaffen Myelitis, an der im Jahr 2016 auch in Deutschland 16 Kinder erkrankten. Weitere Fälle wurden in den Niederlanden, Schweden, Norwegen und Frankreich beschrieben.

Die Ursache der Erkrankungen ist unklar. Der Verdacht fiel schon bald auf Enteroviren, zu denen auch das Poliovirus gehört. Das Poliovirus selbst kann nicht der Auslöser der Lähmungen sein. In den USA und in Europa sind seit Jahrzehnten keine Poliomyelitis-Fälle mehr aufgetreten und die Viren wurden niemals in Abwässern nachgewiesen.

Verwandte Erreger sind jedoch auf beiden Kontinenten verbreitet. Epidemiologische Untersuchungen ergaben, dass zur gleichen Zeit, als die AFM-Fälle auftraten, vermehrt Erkrankungen mit dem Enterovirus D68 beobachtet wurden. Auch bei einigen Patienten wurde der Erreger im Darm nachgewiesen, nicht aber im Liquor cerebrospinalis.

Damit fehlte ein wichtiges Glied in der Beweiskette. Denkbar wäre auch, dass eine enterale Infektion mit dem Enterovirus D68 eine Autoimmunreaktion wie beim Guillain-Barré-Syndrom ausgelöst hat. Mit den jetzt von einem Team um Michael Wilson vom Weill Institute for Neurosciences in San Francisco vorgestellten Ergebnissen könnte die Virushypothese wieder in den Vordergrund treten.

Die Forscher untersuchten den Liquor cerebrospinalis von erkrankten Kindern mit einem an der Harvard Medical School in Boston entwickelten und inzwischen verbesserten Test. Es handelt sich um eine sogenannte Phagenbibliothek (Nobelpreis 2018) mit der in Flüssigkeiten gezielt nach Antikörpern gegen Oberflächen-Eigenschaften von Viren gesucht werden kann. Die Phagen der Bibliothek sind mit den Genen von mittlerweile 481.966 Peptidabschnitten beladen, die sie auf ihrer Oberfläche exprimieren. Die Peptidabschnitte stammten von über 3.000 Viren, die Wirbeltiere (wie den Menschen) und Insekten infizieren können.

Die Forscher untersuchten den Liquor cerebrospinalis von 42 Kindern mit AFM und zur Kontrolle von 58 Kindern, bei denen wegen anderer Erkrankungen eine Lumbalpunktion durchgeführt worden war. Bei 29 der 42 AFM-Patienten (69 %) schlug die Phagenbibliothek auf Proteine von Enteroviren an. In der Kontrollgruppe war der Test nur bei 4 von 58 Personen (7 %) positiv. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass die Immunzellen im Liquor cerebrospinalis Kontakt zu Enteroviren gehabt haben, was ein indirekter Beweis für eine Infektion ist.

Die Ergebnisse der Phagenbibliothek konnten durch einen konventionellen Antikörper-Nachweis mit einem Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) bestätigt werden: Antikörper gegen Enteroviren wurden bei 22 von 26 Patienten mit AMF und bei 7 von 50 Kontrollen gefunden.

Die Forscher haben auch versucht, durch die Sequenzierung aller im Liquor vorhandenen RNA-Moleküle („Metagenomic next-generation sequencing“ mNGS) einen direkten Hinweis auf die Viren zu finden. Dieser Versuch schlug allerdings fehl. Virus-Gene wurden niemals gefunden. Dies könnte daran liegen, dass die Viren nur kurzzeitig im Liquor vorhanden waren. Die Virushypothese ist damit noch nicht bestätigt. Für einen lupenreinen Beweis müssten die Forscher die Viren aus dem Liquor isolieren und damit im Tierversuch die Erkrankung auslösen. Davon ist man derzeit noch weit entfernt.

Bestechend ist allerdings, dass mit der Phagenbibliothek nur Antikörper gegen Enteroviren gefunden wurden. Dies schließt andere Viren als Ursache der Erkrankung aus.

In diesem Jahr sind AFM-Erkrankungen weitgehend ausgeblieben. Wenn sich die Serie fortsetzt, dann sollte es im nächsten Jahr wieder zu einem Anstieg der Erkrankungen kommen. Insgesamt sind in den USA seit 2014 mehr als 900 Kinder an einer AFM erkrankt. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #644376
Radiologe5678
am Donnerstag, 24. Oktober 2019, 09:33

AFM

Polioartige Lähmungen: Enterovirus D68 als Auslöser (fast) überführt
Siehe . Maud et al.:
Ein Fall von Impfpolio
Med. Klin. 93 (1998), 39-42 (Nr.1)

Z.B. Genomaustausch zwischen oraler Poliolebendvakzine und Enteroviren?
Avatar #644376
Radiologe5678
am Donnerstag, 24. Oktober 2019, 09:22

Poliolebendvakzine bis. Enterovirus

Siehe . Maud et al.:
Ein Fall ron hnpfpolio
Med. Klin. 93 (1998), 39-42 (Nr.1)

Z.B. Genomaustausch zwischen oraler Poliolebendvakzine und Enteroviren?
Avatar #644376
Radiologe5678
am Donnerstag, 24. Oktober 2019, 09:06

Enterovirus vs. Impfpolio

Als Problem erhalten bleibt die lmpfpolio. Diese tfitt nur bei oraler Impfung mit Lebendvak-zine auf. Bei Gebrauch von TotimpfStOff besteht die genannte Komplikation nicht.
Sowohl Impfling als auch Kontakt- personen k6nnen erkranken, letztere durch Stuhlkontakt des Impflings. Das mögliche Auftreten einer Impfpolio ist dadurch bedingt, dass die atenuierten Viren der Lebendimpfung während der Damapassage ihre Virulenz wiedergewinnen.
Inwieweit hier ein Genomaustausch zwischen Enteroviren stattfinden kann bleibt weiter abzuklären.
Siehe:
C. Mauel ct al.:
Ein Fall von Impfpolio
Med. Klin. 93 (1998), 3~1---42(Nr. 1)
Avatar #687997
Pro-Natur
am Dienstag, 22. Oktober 2019, 19:51

Schamloses Cover-up

Wir wissen schon, dass es sich doch um ein Enterovirus handeln muss, auch wenn wir nicht an Studien (wir denken und kombinieren) gebunden sind, die vielleicht nicht gemacht (oder gefälscht) werden. Das Problem erkennt man hier: "Die Ursache der Erkrankungen ist unklar. Der Verdacht fiel schon bald auf Enteroviren, zu denen auch das Poliovirus gehört. Das Poliovirus selbst KANN (sic) nicht der Auslöser der Lähmungen sein. In den USA und in Europa sind seit Jahrzehnten keine Poliomyelitis-Fälle mehr aufgetreten und die Viren wurden niemals in Abwässern nachgewiesen." Was nicht sein darf, findet man nicht. Was ist, wenn die Impfung eine Mutation eingeführt hat?
LNS

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VG WortLNS

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