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Politik

Digitalisierung: Ruf nach Vorgaben durch die Politik

Donnerstag, 24. Oktober 2019

/pixtumz88, stockadobecom

Berlin – Interoperabilität ist entscheidend für die Vernetzung und die system- und sektorenübergreifende Kommunikation in einem digitalen Gesundheitswesen. Auch der Erfolg der geplanten elektronischen Patientenakte (ePA) hängt daran. Das wurde beim 4. Deutschen Interoperabilitätstag gestern in Berlin erneut deutlich.

Kein gutes Haar am bisherigen ePA-Entwicklungskonzept und -stand ließ Hans Unterhuber, Vorstandsvorsitzender der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK). „Wichtige Fragen zur ePA sind bis heute nicht geklärt“, monierte er. Bei allen Beteiligten herrsche „eine extreme Frustration“, denn obwohl in Deutschland die notwendige Technologie vorhanden sei, gebe es bislang keine nutzbaren Ergebnisse. „Die vorliegende Spezifikation ist vollkommen ungeeignet, um sie wirklich an den Markt zu bringen“, so Unterhuber. Vorhandene Lösungen könnten dafür nicht genutzt werden. „Insofern haben wir eine proprietäre Insellösung in Deutschland.“

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Nutzerbedürfnisse würden zudem zu wenig berücksichtigt. Keiner der Nutzer – in erster Linie Leistungserbringer und Versicherte - werde sie daher akzeptieren. „Das Regelwerk dazu ist inkonsistent und unvollständig.“ Wichtige Dinge seien gar nicht oder schlecht geregelt. Daher werde auch die Beschleunigung durch den Gesetzgeber nicht helfen. Dieser hat die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet, bis 2021 ihren Versicherten eine ePA anzubieten. „Das kostet ein Heidengeld. Und wir Krankenkassen werden pünktlich eine Akte nach Spezifikation präsentieren“, so der SBK-Chef. Man werde die Akte aber „nicht laut vermarkten, und ich fürchte auch, die meisten Leistungserbringer werden gar nicht angeschlossen sein“, meinte Unterhuber. Man könne jedoch positiv vermerken: „Wir üben daran.“

Hoffnungen auf eine positive Wende haben ihm zufolge in den letzten Wochen Äußerungen seitens der zuständigen Betriebsgesellschaft Gematik geweckt, dass „die abgeschottete Tele­ma­tik­infra­struk­tur beendet werden solle, dass man webbasierte Lösungen auch bei Konnektoren machen wolle, dass man europäische Standards einhalten und in Zukunft transparent agieren wolle“.

Von den Nutzern her denken

Aus Sicht der Krankenkasse sei der Austausch strukturierter Daten über eine Patientenakte zu begrüßen, hob Unterhuber hervor. „Dazu ist eine Standardisierung notwendig.“ Das betreffe nicht nur medizinische Daten, sondern ebenso auch administrative Bereiche. „Wir wollen die ePA als Kommunikationszentrum ausbauen“, kündigte er an. Dabei sei unbedingt aus Nutzersicht zu denken. Die Pläne etwa, ePA und elektronisches Rezept als zwei getrennte Anwendungen innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur ohne entsprechende Schnittstellen umzusetzen, sei für den Nutzer nicht sinnvoll, weil er laut Unterhuber dann mit zwei Frontends hantieren müsste.

Ohne die Anwendung internationaler Standards bestehe darüber hinaus die Gefahr, „dass wir am technologischen Fortschritt nicht teilnehmen“. Die proprietären Systeme und Spezifikationen führten dazu, dass nur eine kleine Anzahl von Hersteller interessiert sei, mitzumachen. Das bedeute, „dass wir nicht die beste Lösungen bekommen“. Weitere Auswirkungen könnten Lieferengpässe und schlechte Preise sein. Vor diesem Hintergrund forderte der SBK-Chef eine Stärkung der Gematik als nationale E-Health-Agentur, eine nationale E-Health-Strategie und ein verbindliches Bekenntnis der Politik zur Standardisierung.

Industrie verlangt staatliche Vorgaben

Michael Strübin vom Medizintechnikverband MedTech Europe verwies darauf, dass sich zunehmend auch die Medizintechnikindustrie dem Thema Interoperabilität öffnet und vor kurzem ein Positionspapier veröffentlicht hat, das sich ausdrücklich zu einem „Data-Ökosystem“ bekennt. Ihm zufolge spricht die Politik „mit gespaltener Zunge“, denn solange es in Ausschreibungen keine Verpflichtung auf standardisierte Produkte und Inter­operabilität gebe, werde es diese auch nicht geben.

Kleinere Länder, die Interoperabilität bei Medizinprodukten einforderten, würden von den Herstellern oft schlichtweg ignoriert, weil sie als Markt nicht interessant genug seien. „Alle warten eigentlich auf Deutschland“ und darauf, dass Deutschland endlich seine Leadership-Funktion wahrnehme und sich an die Spitze der digitalen Gesundheit stelle, betonte Strübin. „Ohne technische Vorgaben und das Bekenntnis zu internationalen Standards wird sich nichts am Wildwuchs ändern“, meinte der Experte. „Wir wollen staatliche Vorgaben.“

Dem Experten zufolge gibt es ein klares Kriterium dafür, in welchen Ländern digitale Gesundheit funktioniert. „Es braucht eine Agentur, die losgelöst von politischen Sachzwängen technisches Fachwissen bündelt und vor allem auch die Entscheidungsträger mit einbindet.“ Beispiele für solche Agenturen, die herausgelöst aus dem Wahlzyklus langfristige Strategien entwickeln könnten, gebe es etwa in Dänemark, Österreich und den Niederlanden. Das habe die Gematik bislang nicht für Deutschland geleistet.

Patientenakte und Fallakte als Ergänzung

Jakob Scholz von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe brachte als wichtiges Instrument für die innerärztliche Kommunikation die elektronische Fallakte (eFA) parallel zur ePA ins Spiel. Die Ärzte wollten untereinander kommunizieren und – elektronisch unterstützt - in Netzen kooperieren können. „Sie wollen Daten verfügbar haben, wenn der Patient kommt, und sie benötigen verlässliche Daten.“ Die Forderung an die Politik hinsichtlich der Umsetzung der ePA: „Es muss kostenneutral sein beziehungsweise wenn es etwas kostet, muss es einen klaren Nutzen für den Arzt geben.“ Bestehende Lösungen wie die eFA müssten im Hinblick auf die ePA berücksichtigt werden.

„Wir hören aus der Ärzteschaft, dass es einen klaren Bedarf für eine innerärztliche Kommunikation gibt. Das Modell der ePA wird nicht ausreichen und wird auch keine Akzeptanz in der Ärzteschaft finden, solange der Patient moderieren kann, also der weiterbehandelnde Arzt sich nicht darauf verlassen kann, dass die Dokumente in der ePA vollständig und zuverlässig sind.“

Im Raum Düren/Aachen/Jülich seien Anwendungen wie der elektronische Arztbrief oder seit einem Jahr die elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung über den Kommuni­kationsdienst KV-Connect bereits gelebte Realität, betonte Erich Gehlen vom Arztsoftwarehaus Duria eG in Düren. „Wir haben vor wenigen Wochen eine Demo gemacht, wie man über KV-Connect einen Arztbrief, der im Praxisverwaltungssystem erstellt wurde, an die Akten-App der Techniker Krankenkasse schicken kann. Das funktioniert.“ Viele Systeme haben ihm zufolge heute schon die Voraussetzung für eine übergreifende Kommunikation. Jedoch konnten sich diese funktionierenden Kommunikationsmodelle bislang nicht breit durchsetzen.

Wiederbelebung des E-Health-Rates

Den immer wieder vorgebrachten Ruf nach einer übergeordneten Instanz, die die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranbringen und für Standardisierung und Interoperabilität sorgen soll, will man auch bei der Gematik erneut aufgreifen. Steffen Hennecke, dort für das Interoperabilitätsverzeichnis vesta zuständig, berichtete von der Idee, den „E-Health-Rat“ aus der 2013 veröffentlichten „Planungsstudie Interoperabilität“, die das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beauftragt hatte, zu reaktivieren.

Hennicke lud für den 10. Dezember zu einem Stakeholder-Workshop ein, an dem sich alle, die aktiv an Standards für das digitale Gesundheitswesen mitarbeiten wollen, über eine Webseite (https://www.vesta-gematik.de/ueber-iop-20) anmelden können. Das Konzept IOP 2.0 sieht vor, dass die Gematik als neutrale und unabhängige Koordinationsinstanz fungiert. Ein E-Health Rat soll die Fachexpertise vereinen und vesta künftig als Plattform zum Wissensmanagement (nicht mehr wie bisher für Kommentierungsprozesse) genutzt werden.

Der Deutschen Interoperabilitätstag wird veranstaltet vom derbvitg, HL7 Deutschland, IHE-Deutschland, Spitzenverband It-Standards im Gesundheitswesen und der ZTG. © KBr/aerzteblatt.de

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