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Mineralöl­rückstände in Säuglingsmilch gefunden

Freitag, 25. Oktober 2019

Säuglingsmilch im Fläschchen/279photo, stock.adobe.com
Viele Neugeborene erhalten täglich Milchpulver, das ins Fläschchen gefüllt wird. /279photo, stock.adobe.com

Berlin – Säuglingsmilch-Produkte von Nestlé und Novalac sind mit gesundheits­gefährdendem Mineralöl belastet. Das belegen unabhängige Laboranalysen, die die Verbraucherorganisation Foodwatch gestern veröffentlicht hat. In drei von vier in Deutschland gekauften Produkten seien Rückstände potenziell krebserregender aromatischer Mineralöl-Bestandteile (MOAH) gefunden worden, hieß es.

In Deutschland und Österreich sind die Nestlé-Produkte „Beba Optipro Pre, 800 g, von Geburt an“ und „Beba Optipro 1, 800 g, von Geburt an“ betroffen sowie die in Apotheken in Deutschland erhältliche „Novalac Säuglingsmilchnahrung Pre, 400g“. Bei den Labortests wurden in dem Milchpulver MOAH-Werte zwischen 0,5 und 3 Milligramm pro Kilo nachgewiesen.

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Neben den vier getesteten Produkten aus dem Handel in Deutschland und Österreich hatte foodwatch zwölf weitere Babymilch-Produkte aus Frankreich und den Niederlanden untersuchen lassen. Hier wurden in fünf Fällen aromatische Mineralöle gefunden, unter anderem in Produkten von Danone und Nestlé (in Frankreich) und Hero Baby (in den Niederlanden).

Vorsorglich auf die Produkte verzichten

Eine akute Gesundheitsgefahr bestehe nicht, betonte der Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Den Minimaleintrag könnten Ärzte auch nach dem Verzehr belasteter Babymilch nicht sofort im Körper nachweisen. Vorsorglich werde Eltern aber dennoch empfohlen, auf die betroffenen Produkte zu verzichten. Foodwatch forderte Nestlé und Novalac auf, die belasteten Produkte sofort zurückzurufen und die Eltern vor dem Gebrauch der Produkte zu warnen. Zudem forderte foodwatch Handelsketten und Apotheken auf, den Verkauf der Produkte zu stoppen.

Die Firma Vived, die in Deutschland das Novalac-Produkt vertreibt, erklärte, es nehme „die Testergebnisse sehr ernst“ und habe gemeinsam mit dem Hersteller entsprechende Unter­suchungen eingeleitet. „Inwieweit die Vorwürfe nachvollziehbar sind, können wir zurzeit noch nicht beantworten“, hieß es. Die detaillierten Analyseergebnisse von Foodwatch lägen noch nicht vor.

Danone erklärte, die Firma verwende keinerlei Mineralölverbindungen und untersuche ihre Produkte seit Jahren auf mögliche Rückstände. Die internen Standards folgten dabei stren­gen Kontrollvorgaben. Nestlé reagierte zunächst nicht auf Anfragen zu den Vorwürfen.

Foodwatch äußerte die Vermutung, dass die Rückstände von den als Verpackung verwen­deten Weißblechdosen auf die Produkte übergegangen sein könnten. Bei deren Produktion werden demnach sogenannte Walz- und Schneidöle verwendet.

Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner verlangte Transparenz und erklärte dazu: „Wenn sich herausstellt, dass Baby- oder Säuglingsmilch der Gesundheit unserer Kleinsten schaden könnte, darf sie nicht im Supermarkt landen.“ Das Bundes­ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) strebe eine europäische Lösung an, heißt es im Pressestaement. Des weiteren verweist das BMEL darauf, dass auf nationaler Ebene gerade ein Verordnungsentwurf finalisiert werden würde. „Ziel dabei ist, die Unternehmen zu verpflichten, dass Lebensmittelverpackungen aus Altpapierstoffen so gestaltet werden, dass Mineralölrückstände nicht in das Lebensmittel übergehen können.“

Genau dies aber tut Frau Klöckner nicht. Sie bringt lediglich einen seit Jahren in den Ministeriumsschubladen verstaubenden Verordnungsentwurf ins Gespräch, der nicht die Mineralölverunreinigungen in Lebensmitteln, sondern lediglich die in Altpapierverpackungen beschränken würde. Martin Rücker, Foodwatch

Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch überzeugen diese Maßnahmen nicht. Denn die Ministerin könnte auf nationaler Ebene stattdessen auch verbindlich festlegen, dass Lebensmittel nicht mit aromatischen Mineralölen belastet sein dürfen. „Genau dies aber tut Frau Klöckner nicht. Sie bringt lediglich einen seit Jahren in den Ministeriumsschubladen verstaubenden Verordnungsentwurf ins Gespräch, der nicht die Mineralölverunreinigungen in Lebensmitteln, sondern lediglich die in Altpapierverpackungen beschränken würde – und verweist ansonsten auf eine nicht näher beschriebene europaweite Lösung, die aber noch komplett in den Sternen steht. Das ist viel zu wenig.“

Sieglinde Stähle aus der Wissenschaftlichen Leitung des Lebensmittelverbands Deutschland ist überzeugt, dass foodwatch mit seiner Studie „ein verzerrtes Bild von der Realität im Babynahrungsbereich“ aufzeige. „Bei den von Foodwatch untersuchten Produkten handelt es sich um genau solche, spezielle Produkte in speziellen Verpackungen, nämlich Metalldosen, und eben nicht um die üblicherweise in Drogeriemärkten angebotenen Produkte“, kritsiert Stähle. „Insofern spiegelt Foodwatch nicht den Markt wieder.“ Eine Nulltoleranz für Mineralölkohlenwasserstoffe und ähnliche Substanzen könne es kaum geben – auch nicht aufgrund der umweltbedingten und folglich unvermeidbaren Grundbelastung. „Aus heutiger Sicht ist dies aber auch gesundheitlich nicht problematisch. Es gibt keine wissenschaftliche Bewertung, wonach die über Lebensmittel aufgenommenen Mengen toxikologisch relevant und nicht tolerierbar seien.“

EFSA und BfR bewerten aromatische Mineralöl-Bestandteile

Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA beschreibt hingegen besonders MOAHs als potenziell krebserregend und erbgutschädigend – weshalb solche Rückstände selbst in kleinsten Mengen nicht in Lebensmitteln enthalten sein sollten. Neben Maschinen bei Ernte und Verarbeitung kann auch die Verpackung der Grund für die Mineralöl-Verunreinigung sein. So enthalten zum Beispiel Verpackungen aus Altpapier oft Mineralöle aus Druckfarben, die auf Lebensmittel übergehen können. Bereits 2015 hatte foodwatch in einem internationalen Labortest 120 Lebensmittel wie Nudeln, Reis oder Cornflakes untersuchen lassen – 43 Prozent der Produkte enthielten aromatische Mineralöle.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin wertet solche Verunreinigungen generell als unerwünscht. Aber was genau die Aufnahme der Substanzen für Kinder oder gar Säuglinge im Unterschied zu Erwachsenen bedeutet, bleibt auf Anfrage unklar. Dazu seien dem Institut keine Studien bekannt, hieß es.

Die MOAH-Aufnahme solle wegen möglicher gesundheitsschädigender Folgen minimiert werden und „so gering wie technisch möglich sein“, so das BfR. „Dies gilt insbesondere für Säuglingsnahrung, da es sich bei Säuglingen um eine besonders schützenswerte Bevölkerungsgruppe handelt.“ Hinzu komme, dass Säuglinge zum Teil ausschließlich mit Säuglingsmilch gefüttert würden und nicht auf andere, weniger belastete Nahrungsmittel ausweichen könnten.

Auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, erklärte, potenziell gesundheitsschädliche Mineralölrückstände hätten „gerade in Babynahrung“ nichts zu suchen. Neben dem Handeln der Hersteller seien sichere Grenzwerte für Mineralölrück­stände in allen Lebensmitteln nötig. „Da die EU-Kommission diese bisher nicht geliefert hat, muss die Bundesregierung jetzt handeln“, forderte Müller.

Obwohl die Gesundheitsgefahren durch Mineralölverunreinigungen in Lebensmitteln seit Jahren bekannt sind, gibt es bisher keine gesetzlichen Grenzwerte. Foodwatch fordert sichere Grenzwerte für Mineralöle in Lebensmitteln – bei den besonders kritischen MOAHs müsse eine Nulltoleranz gelten. © gie/dpa/afp/aerzteblatt.de

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