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Medizin

Neue US-Richtlinie zu Süßstoffen empfiehlt bessere Lebensmittel­kennzeichnung

Montag, 28. Oktober 2019

Nicht nahrhafte Süßstoffe wurden vor mehr als 60 Jahren in die Lebensmittelversorgung eingeführt, um den Geschmack von Saccharose ohne Kalorienzufuhr nachzuahmen. /sabdiz, stock.adobe.com

Itasca – Kinder und Jugendliche konsumieren zunehmend Süßstoffe, ohne dass bekannt ist, wie sich das langfristig auf ihre Gesundheit auswirkt. Eine neue Leitlinie der American Academy of Pediatrics (AAP) fasst die aktuelle Datenlage basierend auf einem syste­matischen Review zu nicht-nahrhaften Süßstoffen („Nonnutritive Sweeteners“, NNS) zusammen und spricht sich für eine genauere Kennzeichnung von Lebensmitteln aus. Die Empfehlungen der AAP sind in Pediatrics erschienen (2019; doi: 10.1542/peds.2019-2765).

Die Anzahl an NNS-haltigen Produkten hat sich in den USA in den vergangenen Jahren vervierfacht. Bezogen auf das Körpergewicht stieg der Konsum vor allem bei Kindern. Daten aus einer nationalen Gesundheitsstudie (NHANES, 1999-2000 bis 2007-2008) zeigen, dass der Prozentsatz der Kinder, die NNS-haltige Getränke trinken erhöhte sich von <1 % auf >7 % (American Journal of Clinical Nutrition 2012).

Mehr als die Hälfte der Eltern achten bei der Wahl von Produkten häufig nur auf das Label „zuckerreduziert“. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass diese oft Süßungsmittel enthalten, erklärt die AAP und verweist auf eine Studie im International Journal of pediatrics 2014. Nur 23 % der Eltern waren in der Lage, Lebensmittel mit NNS korrekt zu identifizieren. Um die Öffentlichkeit besser zu informieren, sollte daher Typ und Menge eines NNS auf Produkten vermerkt sein, lautet eine der 11 Schlussfolgerungen der US-Organisation für Pädiater.

In den USA sind 8 nicht nahrhafte Süßstoffe von der Food and Drug Administration (FDA) als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen: Saccharin, Aspartam, Acesulfam-Kalium, Sucralose, Neotam und Advantam. Hingegen sind Stevia und Luo Han Guo (Mönchsfrucht) unter der Bezeichnung „allgemein anerkannt als sicher“ (GRAS) zugelassen. Diese Produkte sind 180 bis 20.000-mal süßer als Zucker.

Lange Zeit haben sich Forschungen zu NNS auf ein potenzielles Krebsrisiko konzentriert, was sich jedoch nicht bestätigt werden konnte (Nutrition 2013, 14th report on carcinogens 2016). Die gesundheitlichen Bedenken bezüglich dieser Produkte haben sich nun verschoben. Heute stehen der Einfluss auf Adipositas und die Gewichtskontrolle im Fokus. Die Mehrheit der Kurzzeitstudien legt nahe, dass der Ersatz von Zucker durch NNS die Gewichtszunahme reduzieren und den Gewichtsverlust bei Kindern in geringem Maße fördern kann, so die AAP in seiner Richtlinie. Die Daten seien jedoch begrenzt. Es gibt aber auch Untersuchungen, die NNS mit einer Gewichtszunahme in Verbindung bringen.

Uneinheitliche Ergebnisse beim Einfluss auf Geschmack und Mikrobiom

Darüber hinaus deuten einige Studien auf Zusammenhänge zwischen Süßstoffen und Veränderungen des Appetits und Geschmacksvorlieben sowie des Darmmikrobioms hin. Der Blutzuckerspiegel könnte beeinflusst werden, was sich auf den Stoffwechsel, eine Insulinresistenz, Diabetes und Gewichtszunahme auswirken kann. Auch diese Ergebnisse bleiben jedoch uneinheitlich.

Mit Ausnahme von Aspartam und Neotam bei Kindern mit einer Phenylketonurie gebe es keine absoluten Kontraindikationen zur Verwendung von NNSs bei Kindern, schreibt die AAP in ihrem Fazit.

Eine Reihe von Gesundheitsorganisationen unterstützen die Verwendung von NNSs daher nur innerhalb einer akzeptablen täglichen Aufnahmemenge (ADI), die in Europa die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festlegt. Der ADI ist typischerweise 100-fach niedriger als die Dosis des Süßstoffs, die in Studien toxisch für Tiere war.

Die Empfehlungen der AAP hält Sandra Hummel vom Institut für Diabetesforschung (IFD) am Helmholtz-Zentrum München für „angemessen und auf Europa übertragbar“. „Ich würde noch hinzufügen, dass bei Kindern mit einem überdurchschnittlich hohen Süßstoffkonsum (zum Beispiel bei Kindern mit Typ 1-Diabetes) gelegentliche ADI-Überschreitungen für Cyclamat beobachtet werden konnten und dass betroffene Familien dahingehend beraten werden sollten“, sagt die Leiterin der Arbeitsgruppe Gestationsdiabetes.

Eine bessere NNS-Kennzeichnung von Lebensmitteln würde sie befürworten. „Ein Labeling wäre hilfreich – sowohl für den Verbraucher, wenn es um die individuelle Abschätzung der täglichen Zufuhr an NNS geht, als auch für die Wissenschaft, um zum Beispiel die tägliche Aufnahme von Süßstoffen bei Kindern zu erfassen.“ Bislang würde für Deutschland zwar über die Verzehrhäufigkeit von künstlich gesüßten Lebensmitteln berichtet, Daten zur genauen Menge und Art der verzehrten Süßstoffe liegen jedoch ihres Wissens für deutsche Kinder nicht vor. © gie/aerzteblatt.de

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