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Psychiater weisen auf aktualisierte S3-Leitlinie für psychosoziale Therapien hin

Montag, 28. Oktober 2019

/pressmaster, stock.adobe.com

Berlin – Psychosoziale Therapien stellen eine zentrale Säule in der Behandlung schwer psychisch erkrankter Menschen dar. „Neben der ärztlich-psychotherapeutischen Behandlung tragen sie ganz wesentlich dazu bei, die Selbstbestimmung und Teilhabe der Betroffenen zu stärken“, darauf wies Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig beim Hauptstadtsium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) am vergangenen Freitag hin.

Deutschland biete ein dichtes Netz an Versorgungs- und Betreuungsangeboten für psy­chisch Kranke und gute Voraussetzungen für erstklassige psychosoziale Therapien, so Riedel-Heller, Vorstandsmitglied der DGPPN und Mitautorin der Leitlinie, weiter. Doch der Überblick über die Vielzahl der Angebote falle schwer. Die S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ unter Federführung der DGPPN, die jetzt in aktualisierter Neuauflage vorliegt, soll dabei Abhilfe schaffen.

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„Die Leitlinie gibt Hilfe zur Selbsthilfe, stärkt Alltagskompetenz und gesellschaftliche Teilhabe“, erklärte die Professorin. Auf dieser Grundlage könne die zentrale Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention nach Inklusion von psychisch kranken Menschen praxis- und lebensnah umgesetzt werden.

Die Leitlinie stellt nach Angaben der Fachgesellschaft therapeutische Maßnahmen vor, die die Betroffenen dabei unterstützen sollen, beispielsweise in der eigenen Wohnung zu leben, einer geregelten Arbeit nachzugehen und trotz Erkrankung soziale Beziehungen zu pflegen.

Psychische Erkrankungen seien mit einem Anteil von 77 % bei Wohnungslosen besonders verbreitet. 60 % der chronisch psychisch Kranken gingen keiner sozialversicherungs­pflich­tigen Beschäftigung nach, so Riedel Heller. „Der ‚harte Kern‘ der schwer psychisch Kranken befindet sich nach wie vor noch außerhalb der Gesellschaft“, sagte Riedel-Heller. Psychoso­ziale Therapien könnten den Weg ebnen für ein Leben mit Anschluss.

Die Leitlinie bietet nach Angaben der DGPPN Orientierung bei der Vielzahl an Angeboten, zeigt Methoden für ein besseres Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und unterstützt die Betroffenen bei der Krankheitsbewältigung. Konzepte von Recovery, Empowerment und partizipativer Entscheidungsfindung seien ebenfalls berücksichtigt.

Die zweite Auflage der S3-Leitlinie umfasst evidenz- und konsensbasierte Behandlungsem­pfehlungen. Sie bietet eine systematische Aufbereitung an Hintergrundinformationen zu den sehr heterogenen psychosozialen Interventionen und eine Matrix des deutschen Ver­sorgungssystems. Zur Verfügung stehen auch eine Patienten- und Angehörigenversion der Leitlinie und neu, die Online-Wissensplattform „TheraPart“, über die Leitlinieninfor­mationen laienverständlich und übersichtlich abrufbar sind. © PB/aerzteblatt.de

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Avatar #70385
Salzer
am Montag, 28. Oktober 2019, 23:21

Unüberbrückbare Kluft zwischen erstem Arbeitsmarkt und geschützter Werkstatt

Solange in geschützten Werkstätten Lohndumping betrieben wird statt versicherungspflichtige Mindestlöhne zu zahlen, lohnt es sich für den Staat nicht, psychisch Kranke am ersten Arbeitsmarkt teilhaben zu lassen und dazu klientenzentriert statt verwaltungstechnisch Arbeitsplätze anzupassen. In der DDR bestand mangels Arbeitslosenversicherung gezwungenermaßen eine untrennbare Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Jetzt aber arbeiten sogar Krankenhäuser immer weniger klientenzentriert, sondern werden wirtschaftlich effektiv verwaltet. Das entkoppelt Sozial- von der Wirtschaftspolitik allmählich und führt zur Kastenbildung.
Avatar #70385
Salzer
am Montag, 28. Oktober 2019, 22:39

Mindestlohn

Solange die geschützten Werkstätten Lohndumping betrieben wird statt einen versicherungspflichtigen Mindestlohn zu zahlen, gibt es für den Staat keinen tatsächlichen Grund psychisch Kranke am ersten Arbeitsmarkt teilhaben zu lassen. Denn seit 1989 die in der DDR propagandistisch maximal ausgeschlachtete Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht mehr. Stattdessen arbeiten Krankenhäuser zunehmend wirtschaftlich statt im Versorgungsauftrag. Dadurch verwirkt jeder chronisch Kranke irgendwann die Möglichkeit seinen Lebensstandard aufrechtzuerhalten und das Hinzukommen seelische Krankheit ist vorprogrammiert.
Avatar #70385
Salzer
am Montag, 28. Oktober 2019, 22:12

Mindestlohn

Solange die geschützten Werkstätten keinen Mindestlohn zu zahlen brauchen, gibt es keinen tatsächlichen Grund psychisch Kranke im ersten Arbeitsmarkt einzusetzen. Das war schon in allen Vorgängerstaaten der "Republik" so.
LNS

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