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Medizin

Stuhltrans­plantation: Patient stirbt an Sepsis mit multiresistenten E. coli

Donnerstag, 31. Oktober 2019

/picture-waterfall, stock.adobe.com
Bei einem fäkalen Mikrobiomtransfer sind immer zahlreiche Bakterien, Pilze, Protozoen, Viren, Zytokine und Metabolite in den Kapseln enthalten. /picture-waterfall, stock.adobe.com

Boston – Trotz eines umfangreichen Screenings haben an einer US-Klinik zahlreiche Patienten fäkale Mikrobiomtransfers von einem Spender erhalten, dessen Darm mit multiresistenten E. coli besiedelt war. Bei 2 Patienten kam es zu einer Bakteriämie, an der einer der Patienten starb.

Die FDA stoppte daraufhin weitere Behandlungen. Eine Safety Communication wurde bereits im Juni veröffentlicht. Im New England Journal of Medicine (2019; doi: 10.1056/NEJMoa1910437) werden jetzt Einzelheiten zu den beiden Kasuistiken vorgestellt.

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Der fäkale Mikrobiomtransfer (FMT), auch Stuhltransplantation genannt, wurde ursprünglich zur Behandlung von Clostridioides difficile-Infektionen (CDI) entwickelt. Inzwischen werden die Kapseln, die aus den Stuhlproben gesunder Spender hergestellt werden, auch bei entzündlichen Darm­er­krank­ungen, Fettleibigkeit, Lebererkrankungen, Multipler Sklerose und Nahrungsmittelallergien erprobt. Die Datenbank ClinicalTrials.gov listet derzeit mehr als 300 Studien auf.

Auch die beiden Patienten, die am Massachusetts General Hospital in Boston behandelt wurden, erhielten die FMT im Rahmen einer Studie. Der erste Patient nahm an einer Studie teil, die die Auswirkungen der FMT auf die Gehirnfunktion bei Patienten mit hepatischer Enzephalopathie untersuchen sollte (NCT03420482). Die Symptome der Leber-Hirnstörung werden durch Stickstoff-haltige Verbindungen ausgelöst, die von Darm resorbiert werden. Bei gesunden Menschen werden sie in der Leber im Harnstoffzyklus entgiftet. Bei einer schweren Leberfunktionsstörung gelangen sie über den Kreislauf ins Gehirn. Die FMT sollte – begleitend zu einer Behandlung mit Rifaximin – die Zahl der Ammonika-bildenden Bakterien im Darm vermindern.

Stuhltransplantation übertrug tödliche Erreger

Silver Spring/Maryland – In den USA sind zwei unter Immunsuppression stehende Patienten nach einem fäkalen Mikrobiotatransfer (FMT), auch als Stuhltransplantation bekannt, an einer invasiven Infektion mit multiresistenten E. coli erkrankt. Ein Patient starb an den Folgen der Infektion. Die Übertragung von Spenderstuhl soll bei Patienten mit C. difficile-Infektionen (CDI) oder entzündlichen

Stattdessen kam es, wie ein Team um Elizabeth Hohmann jetzt berichtet, zum Eindringen von E. coli in den Kreislauf. 17 Tage nach dem Ende der Behandlung mit 3-mal täglich 15 FMT-Kapseln kam es bei dem 69-jährigen Mann zu einer fiebrigen Erkrankung, die zunächst wegen des Verdachts einer Pneumonie empirisch mit Levofloxacin behandelt wurde.

Als dann gram-negative Stäbchen in den Blutkulturen wuchsen, wechselten die Ärzte auf Piperacillin/Tazobactam. Nach der Identifizierung des Erregers als Extended-Spectrum-Betalaktamase (ESBL) bildende E. coli wurde die Behandlung mit einem Carbapenem (zunächst Meropenem, später Ertapenem) fortgesetzt. Der Patient erholte sich schließlich von seiner Bakteriämie.

2. Patient stirbt trotz Behandlung mit Cefepim

Bei dem 2. Patienten sollten die FMT-Kapseln die Erholung der Darmflora nach einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (wegen eines myelodysplastischen Syndroms) beschleunigen. Auch er war Teilnehmer einer klinischen Studie (NCT03720392).

5 Tage nach der Infusion der Stammzellen (8 Tage nach der letzten FMT-Dosis) entwickelte der 73-jährige Mann trotz der üblichen Antibiotika-Prophylaxe ein hohes Fieber (39,7°C), Schüttelfrost und Bewusstseinsstörungen. Obwohl sofort eine Behandlung mit Cefepim (das gegen ESBL-bildende E. coli wirksam ist) eingeleitet wurde, starb er 2 Tage später – bevor die Ergebnisse der Blutkulturen vorlagen. Dort waren ESBL-bildende E. coli gewachsen.

Da die FMT bei beiden Patienten von demselben Spender stammten, wurden 3 nicht verwendete Kapseln untersucht. In allen 3 wurden ESBL-bildende E. coli nachgewiesen. Die Analyse der Gensequenzen ergab, dass sie mit den Bakterien aus den Blutkulturen der beiden Patienten identisch waren.

ESBL-bildenden E. coli in weiteren Patienten nachgewiesen

Daraufhin wurden 22 Patienten kontaktiert, die ebenfalls FMT von demselben Spender erhalten hatten. Keiner von ihnen war erkrankt, doch bei 5 von 12 untersuchten Patienten wurden die ESBL-bildenden E. coli in den Stuhlproben nachgewiesen.

Die Analysen zeigen mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, dass die ESBL-bildenden E. coli des Spenders für die schweren Bakteriämien verantwortlich waren. Die Besiedlung der Darmflora des Spenders mit den potenziellen Krankheitserregern war trotz eines intensiven Spender-Screenings 30 Tage und 14 Tage vor der Stuhlspende nicht entdeckt worden.

Wie hoch das Infektionsrisiko bei einer FMT ist, lässt sich aus den beiden Fallberichten nicht berechnen. Es dürfte insgesamt gering sein. In den USA sollen bereits jährlich mehr als 10.000 Behandlungen durchgeführt werden.

Zu bedenken ist, dass beide Patienten eine Abwehrschwäche hatten, die den Eintritt der Darmbakterien in den Blutkreislauf erleichtert haben könnte. Klar ist auch, dass FMT niemals die Standards eines Arzneimittels erreichen werden, das frei von potenziellen Krankheitserregern sein muss. In den FMT-Kapseln werden immer zahlreiche Bakterien, Pilze, Protozoen, Viren, Zytokine und Metabolite enthalten sein. Dass diese den Patienten niemals schaden werden, lässt sich bisher nicht durch Tests sicherstellen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #792551
Schrottvogel
am Donnerstag, 7. November 2019, 09:03

Schadlos

Avatar #792551
Schrottvogel
am Donnerstag, 7. November 2019, 09:02

Medikamentenstudien unberechenbar

Ich hoffe,die Versorgung der Familie des Verstorbenen ist durch eine Versicherung seitens der Klinik abgedeckt.Warum werden diese Tests weiter durchgeführt,wenn eine schamlose Behandlung nicht gewährleistet werden kann?Wird hier die Arglosigkeit der Probanden ausgenutzt?
LNS

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