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Politik

Fehlermanagement in Arztpraxen: Impulse von außen sind wichtig

Donnerstag, 31. Oktober 2019

/dpa
Berlin – Wie lassen sich Arztpraxen dazu bewegen, stärker und nachhaltig von Fehler­berichts- und Lernsystemen (CIRS, Critical Incident Reporting Systems) Gebrauch zu machen? Was sind die Hürden zur Einführung oder Nutzung solcher Systeme? Mit diesen Fragen haben sich die Initiatoren des Projekts CIRSforte befasst. Das im Rahmen des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) geförderte Projekt, das noch bis Ende März 2020 läuft, hat zum Ziel, CIRS für ambulante Praxen weiterzuentwickeln und Praxen bei der Einführung zu unterstützen. Die Systeme sollen die Praxen dabei unterstützen, kritische Ereignisse und Risiken in Arbeitsabläufen schneller zu erkennen und dies für präventive Verbesserungen zu nutzen. Erste Ergebnisse wurden bei einem Symposium am Mittwoch in Berlin vorgestellt, der Abschlussbericht folgt Mitte des nächsten Jahres.

CIRS gelten als eine zentrale Komponente für eine nachhaltige Sicherheitskultur – wenn sie gut in der Praxis etabliert sind und im Alltag gelebt werden. Während solche Systeme im stationären Bereich inzwischen etabliert sind, unter anderem weil sie nach einem G-BA-Beschluss verpflichtender Bestandteil des Risikomanagements sind, gehen Experten davon aus, dass sie in der ambulanten Versorgung noch nicht flächendeckend genutzt werden. Genaue Zahlen zur Durchdringung und Nutzung gibt es hierzu jedoch nicht.

Zwar gibt es auch für die Vertragsärzte die gesetzliche Verpflichtung, im Rahmen des Qualitätsmanagements ein Fehlermanagement umzusetzen. Jedoch ist ein Fehlerberichts- und Lernsystem nicht obligatorisch. Darauf verwies die CIRSforte-Projektleiterin Beate Müller vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt am Main. Weitere Projektpartner sind neben dem Institut für Allgemeinmedizin das Aktionsbündnis Patientensicherheit, die Techniker Krankenkasse, das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin, die Asklepios Kliniken und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe.

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„CIRS ist nicht sexy“

„Wie begeistert man Praxen für CIRS? CIRS ist nicht sexy“, meinte Müller. Und an der QM-Richtlinie des G-BA seien die meisten Praxen ebenfalls nicht interessiert. „Stattdessen haben wir sie gefragt, ob sie nicht ihre Prozesse optimieren, ihre Sicherheitskultur befördern und ein State-of-the-Art-Fehlermanagement umsetzen wollen?“

Ihr zufolge haben sich bundesweit schließlich 184 Praxen an dem Projekt beteiligt. Darunter gehörte etwa die Hälfte der Teilnehmer irgendeinem Praxisnetz an. Die Projektziele: Die Praxen sollen aktiv an einem Fehlerberichtssystem teilnehmen, ihr Fehlermanagement mit ihrem bestehenden Qualitätsmanagementsystem verknüpfen und sich mit anderen Praxen über Probleme der Patientensicherheit austauschen. Im Rahmen von CIRSforte erhielten die Praxen Handlungsempfehlungen, zudem konnten sie E-Learning-Module und Workshops beziehungsweise Webinare für den praxisübergreifenden Austausch nutzen. Zusätzlich wurde eine telefonische Hotline eingerichtet, und es wurden monatlich Infomails an die teilnehmenden Praxen versendet. Diese Maßnahmen hätten sich insgesamt bewährt, insbesondere weil sie zeitlich flexibel, kostengünstig und skalierbar seien, betonte Müller.

Positive Resonanz

Die Resonanz der Praxen nach der anderthalbjährigen Interventionsphase sei sehr positiv, berichtete Müller. Die Prozessevaluation fand per Fragebögen und Interviews statt. Einige Ergebnisse: Beim Start der Interventionsphase gaben 45 Prozent der Praxen an, ein Fehlerberichtssystem verfügbar zu haben. Nach Abschluss sei diese Rate auf 91 Prozent angestiegen. Aus 280 freiwillig zugesandten Berichten zu sicherheitsrelevanten Ereignissen von 110 Praxen ließ sich zudem eine Entwicklung feststellen: Die Berichtsqualität habe im Verlauf deutlich zugenommen, so die Projektleiterin. Die Reporte seien zunehmend ausführlicher und strukturierter ausgearbeitet worden. Das Bemühen, Gründe für ein Ereignis und auch entsprechende Lösungsmöglichkeiten zu finden, sei erkennbar gewachsen.

Während zunächst 83 Prozent der Praxen kritische Ereignisse als festen Tagesordnungs­punkt in den Teambesprechungen vorgesehen hatten, waren es laut Müller am Ende 95 Prozent der Praxen. 24 Prozent der Praxen hatten zudem beim Start angegeben, dass sie sich mit anderen Praxen über das Thema austauschen. Diese Rate erhöhte sich am Ende auf 46 Prozent der Praxen. Vor allem das Angebot moderierter Webinare für den praxis­übergreifenden Austausch hat aus Sicht der Projektleiterin dazu beigetragen.

Auch in den Interviews fielen die Reaktionen der Ärzte und medizinischen Fachangestellten durchweg positiv aus: „Gelebtes Fehlermanagement ist unbürokratisch.“, „Das machen wir weiter, das ist ein Teil unseres Qualitätsmanagements geworden“, „eine große Erleichterung“, zitierte Müller einige Rückmeldungen. Ihr Fazit: „Gelebtes Fehlermanagement ist ein Gewinn für die Sicherheitskultur. Die Praxen müssen aber an die Hand genommen werden. Das kann auch digital sein. Dann empfinden Praxen Fehlermanagement als Gewinn. Dabei ist eine zentrale Koordination sinnvoll und durch Onlineangebote auch möglich.“

Nach der Ursache, nicht nach dem Verursacher suchen

„Unterstützung von außen ist gut“, betonte auch Gregor Engelke, Facharzt für Frauen­heilkunde und Geburtshilfe aus Münster und einer der an CIRSforte teilnehmenden Ärzte. Weniger Komplikationen sind aus seiner Sicht zudem ein gutes Signal nach außen. Wichtig für die Fehlerkultur in der Praxis sei es, nach der Ursache eines kritischen Ereignisses und nicht nach dem Verursacher zu suchen. Um nachhaltig eine Fehlerkultur in der Praxis zu schaffen und zu leben, „ist der Impuls von außen wichtig, um dabei zu bleiben“, meinte er.

Mit dem Fehlermanagement habe man bislang noch keine bahnbrechenden Erfolge erzielen können, sagte Franziska Diel, Leiterin des Dezernats Versorgungsqualität bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sie attestierte den Praxen eine „gewisse Müdigkeit“ insbesondere vor dem Hintergrund, dass es bereits viele Projekte und Verfahren zu dem Thema gibt, wie etwa „Jeder Fehler zählt“, CIRS medical, QEP sowie Qualitätszirkel und Peer-Reviews. Vor allem für kleinere Praxen sei es eine große Hürde, in einem Berichts- und Lernsystem nach Feierabend noch zu dokumentieren. © KBr/aerzteblatt.de

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