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Ausland

Sterbehilfe-Debatte sorgt in Russland für Kontroversen

Freitag, 1. November 2019

/dpa

Moskau – In Russland wird über die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe diskutiert. Die orthodoxe Kirche des Landes hat dazu eine klare Position: „Das Leben und der Tod eines Menschen liegen in Gottes Händen, ein Mensch hat kein Recht, das Leben eines anderen oder sein eigenes zu beenden“, sagt Wladimir Legojda, Sprecher von Patriarch Kyrill.

Zur Frage der Euthanasie sei derzeit in Russland ohnehin keine Regeländerung geplant. Gegenwärtig sind alle Formen aktiver Sterbehilfe gesetzlich verboten. Allerdings hat Ge­sund­heits­mi­nis­terin Weronika Skworzowa eine Debatte angestoßen, die sich so schnell nicht beenden lässt. Die Bevölkerung soll selbst über die Legalisierung aktiver Sterbehilfe entscheiden, sagte sie kürzlich in einem Interview des Radiosenders Komsomolskaja Prawda.

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„In einigen Ländern wird ein solches Recht auf Sterbehilfe missbraucht“, betonte sie. Zudem gebe es Staaten, in denen eine Legalisierung leichtfertig per Referendum beschlossen worden sei, so Skworzowa. „Dabei ist es notwendig, sowohl die religiösen als auch die moralischen Aspekte zu berücksichtigen“, sagte die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa.

Inzwischen jedoch äußert sie sich eher vorsichtig. Es gibt von ihr Zitate, die Offenheit für eine liberalere Regelung signalisieren. So sagte sie bei einem Vortrag an der juristischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität im Jahr 2016: „Wenn ein Mensch leidet und wenn seine nahen Verwandten sich entschieden haben, dem Leiden ein Ende zu setzten, würde ich - nicht als Amts-, sondern als Privatperson - die Idee unterstützen, ein solches Recht zu gewähren.“

Die Politikerin fügte damals hinzu: „Ich denke, das ist sehr menschlich.“ Für die meisten Christen des Landes wäre so etwas völlig inakzeptabel. Ihrer Meinung zufolge geben Kirchenmitglieder, die Homosexualität, Sterbehilfe und Abtreibung unter dem Druck einer säkularen Gesellschaft anerkennen, christliche Moralvorstellungen auf. Entsprechend äußerte sich vorgestern auch der Außenamtschef der russisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion, gegenüber der Nachrichtenagentur Tass.

In früheren Stellungnahmen zum Thema aktive Sterbehilfe sprach er von „einem extremen Grad der Abkehr von Gott“ und „einem Verbrechen eines Menschen gegen sich selbst und gegen die Gesellschaft.“ Wenn Euthanasie einem ganzen Land erlaubt sei, „weist dies auf eine globale geistige Krankheit hin“, so der Geistliche.

Blickt man auf eine Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM vom Februar, ergibt sich indes ein differenzierteres Stimmungsbild: Bei Patienten, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, sollte aktive Sterbehilfe erlaubt sein, meinen demnach 50 Prozent der Russen. Noch 40 Prozent sprachen sich für das geltende Verbot aus, zehn Prozent waren unentschlossen.

Bei jüngeren Menschen (18 bis 24 Jahre) liegt der Anteil liberal Gesinnter laut der Umfrage bei 64 Prozent und bei Einwohnern von Großstädten bei 58 Prozent. Zugleich sind die meisten Russen (81 Prozent) gegen eine generelle Sterbehilfe-Erlaubnis für Personen ab 60 Jahren, unabhängig von ihrem Gesundheitszustand. Eine Freigabe für alle Volljährigen lehnen 89 Prozent der Befragten ab.

Während die Debatte in Russland immer wieder neu angefacht wird, hat das Thema im Kreml offenbar keine Priorität. Angesprochen auf ein mögliches Referendum, sagte der Pressesprecher von Präsident Wladimir Putin in diesen Tagen, man habe dazu keine Position. © kna/aerzteblatt.de

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