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Großes Interesse an Videodolmetscher in Thüringen

Montag, 4. November 2019

/agenturfotografin, stock.adobe.com

Gera/Mühlhausen – Ob persisch, tigrinisch oder somalisch: Thüringer Vereine, Behörden und Ärzte finden inzwischen innerhalb kurzer Zeit problemlos den richtigen Dolmetscher für Zugewanderte.

Grund hierfür ist das kostenlose Angebot für Videodolmetscher, das es in Thüringen seit diesem Juli gibt. Das Land will damit die Integration fördern. Laut Migrationsministerium ist es bundesweit das erste flächendeckende Angebot. Es werde derzeit von 228 Vereinen, Verwaltungen und Beratungsstellen genutzt. Die Erfahrungen mit dem Projekt sind durchweg positiv, wie eine Umfrage ergab.

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Mit dem Videodolmetscher kann innerhalb kürzester Zeit jede noch so exotische Sprache ins Deutsche übersetzt werden. Bei sehr seltenen Sprachen muss ein Termin vereinbart werden. 54 verschiedene Sprachen können abgedeckt werden. Das Land hat einen Vertrag mit einem Dolmetscherbüro abgeschlossen und zahlt dafür in diesem Jahr nach Ministe­riumsangaben 750.000 Euro. Mancherorts gibt es allerdings noch technische Probleme.

„Wir haben mit dem Videodolmetscher immer gute Erfahrungen gemacht“, sagte Horst Busch, Leiter der Ausländerbehörde im Unstrut-Hainich-Kreis. Mit dem kostenlosen Angebot des Landes spare der Kreis nun pro Jahr fünfstellige Beträge. Dolmetscher für seltene Sprachen wie Tigrinya hätten vorher hauptsächlich wegen der langen Anfahrtswege viel Geld gekostet.

Auch in der „Pro Familia“-Beratungsstelle in Erfurt schätzen die Mitarbeiterinnen das Video-Angebot. „Gerade wenn es um Schwangerschaft geht, ist ein neutraler Dolmetscher sehr viel Wert“, meinte Sozialpädagogin Claudia Schmidt. Bis vor kurzem seien nahe Angehörige oder der Ehemann mit zum Gespräch gekommen. In Einzelfällen hätten auch die Kinder über­setzt. Bei Konfliktberatungen sei das eine sehr ungünstige Konstellation.

Frauen, die zur Beratungsstelle kommen, könnten nun auch eine Übersetzerin anfordern, betonte Schmidt. Es dauere nur wenige Minuten, dann melde sich ein Dolmetscher und übersetze beispielsweise serbisch, kosovarisch oder rumänisch. Bei speziellen afrikanischen Stammessprachen müsse man etwas länger warten.

Beim Landratsamt Gotha und dem Verein „Schrankenlos in Nordhausen“ wird sehnsüchtig auf die erste Videoschaltung gewartet. Noch sind dort aber die Zugänge nicht installiert. In Gotha wollen die Ausländerbehörde und das Sozialamt mit dem Videodolmetscher arbeiten.

In der Jugendstrafanstalt Arnstadt wird das Programm erst seit kurzem genutzt. „Eine sehr wichtige Sache“, sagte Leiterin Mareen Stietz-Engler. Mit dem Videodolmetscher soll bei der Aufnahme neuer Gefangener, bei Konflikten im Haftalltag und bei Beratungen der Sozial­arbeiter gearbeitet werden.

Die Diakonie in Gera lobte die Videodolmetscher als „flexibel und schnell“. Die Übersetzung, die zuvor meist Freunde der Asylbewerber übernommen hätten, erfolge nun präziser und ohne Missverständnisse, sagte Karina Brunner von der Asylverfahren-Beratungsstelle. „Die Gespräche sind nicht kürzer. Aber wir wissen schnell, was der Asylbewerber wirklich gesagt hat“, berichtete Brunner. Durchschnittlich zweimal pro Woche nehme sie das Videodolmetschen in Anspruch.

Laut Migrationsministerium können Ärzte, Beratungsstellen, Vereine, Stadtverwaltungen und Landratsämter das kostenlose Angebot nutzen.

Außen vor bleibe die Justiz, weil die Gerichtsdolmetscher nach einer separaten Regelung vergütet werden müssen. In vielen Verfahren seien auch gerichtlich vereidigte Präsenzdol­metscher vorgeschrieben. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #712956
Amand FÜhrer
am Mittwoch, 17. Juni 2020, 10:39

Bitte berücksichtigen: Wir leben im 21. Jh.

Sehr geehrte Redaktion,

mit großer Verwunderung lese ich im obigen Artikel von "afrikanischen Stammessprachen" und habe den Eindruck, dass hier einige grundlegende Worte geboten sind: Zunächst erstaunt die vermeintliche Gegenüberstellung von "Stammessprachen" und anderen Sprachen wie Serbisch oder Rumänisch. Diese Einteilung scheint auf tieferliegenden ontologischen Annahmen zu beruhen, die der Text jedoch nicht expliziert. Ich möchte das daher gern für Sie tun.
Das Konzept des "Stammes" als soziale Organisationseinheit entstand im Zuge der europäischen Kolonialisierung der Welt und hatte zum Ziel, die Bevölkerungen der kolonialisierten Länder in beherrsch- und verwaltbare Gruppen einzuteilen. Die als "Stamm" bezeichneten Gruppen wurden dabei als homogene, von anderen klar abgegrenzte, sprachlich und kulturell geeinte Entitäten konzipiert. Unter Sozialanthropologen herrscht mittlerweile Konsens, dass es derartige Gruppen nie gegeben hat (nachzulesen z. B. bei Scott (2009) "The art of not being governed"). Ein weiterer Punkt war jedoch noch wichtiger: Die Klassifizierung als "Stamm" beinhaltete stets auch die Annahme, dass die damit bezeichnete Gruppe technologisch, wirtschaftlich und/oder kulturell den Kolonisatoren unterlegen sei. Dem Stammesbegriff ist daher immer ein evolutionistisches Konzept implizit, welches selbstverständlich die weiße europäische Gesellschaft als Gipfel und Zielpunkt voraussetzt.
Mit der selbstverständlichen Klassifikation europäischer Sprachen als nicht weiter zu markierender Norm im Gegensatz zu afrikanischen Sprachen, denen mit dem Attribut "Stammessprache" ihr Platz in der Ordnung der Welt zugewiesen werden muss, macht sich die Redaktion des DÄ genau diese Grundhaltung zu eigen.
Das ist eine Schande.
Da ich davon ausgehe, dass diese seltsame weltanschauliche Positionierung nicht absichtlich erfolgt ist, sondern eher Ausdruck einer Wissenslücke ist, möchte ich mir erlauben, Ihnen einige Literaturempfehlungen auszusprechen:
1. Sehr geeignet als Einstiegslektüre ist das Buch "Racisms" von Steve Garner (2010).
2. Ein Klassiker in der Debatte um die Konstruktion von Andersartigkeit ist Edward Saids "Orientalism" (1978).
3. Einblicke in die wissenstheoretischen Probleme und psychologischen Effekte der Klassifizierung von Menschen bietet Ian Hackings Aufsatz "Making up people" (1986).
Und für alle diejenigen, die die internationale Literatur bisher nicht zur Kenntnis nehmen konnten, weil sie nur ihre deutsche Stammessprache sprechen:
4. Noah Sow (2018) "Deutschland Schwarz weiß".

Mit freundlichen Grüßen,
Amand Führer
LNS

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