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Überversorgung ist ein Problem, „aber nicht bei mir“

Dienstag, 5. November 2019

/dpa

Berlin – Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung glaubt, dass in Arztpraxen und Kranken­häusern medizinisch überflüssige Leistungen erbracht werden. Dieses Bewusstsein für das Thema Überversorgung erstreckt sich aber meist nicht auf die eigene ärztliche Behandlung. Das sind die Ergebnisse mehrerer, von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebener Studien, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurden.

„Viele Bürger kennen das Thema aus der medialen Berichterstattung und geben sich kritisch“, berichtete Uwe Hambrock vom Rheingold Institut Köln. „Aber in der eigenen Erfahrung wird selten Überversorgung wahrgenommen.“ Hambrock stellte bei der Konferenz mit dem Titel „Braucht Deutschland mehr Choosing Wisely“ die Ergebnisse qualitativ-psychologischer Tiefeninterviews mit 24 Patienten und 15 Ärzten vor.

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Darüber hinaus wurde vom IGES Institut eine Literaturanalyse durchgeführt und von dem Marktforschungsunternehmen Kantar eine telefonische Befragung einer repräsentativen Stichprobe von 1.004 Personen über 18 Jahren.

Diese Untersuchungen brachten mehrere Faktoren zutage, die das Bewusstsein von Patienten für eine mögliche Überversorgung und ihre - oft unbewusste - Nachfrage danach beeinflussen. So zeigte sich: Je größer die Angst vor einer bestimmten Erkrankung ist, desto größer ist der Wunsch nach zusätzlichen Untersuchungen oder vorsorglichen Maßnahmen – und umso geringer ist das Bewusstsein der Patienten dafür, dass die erwünschte Leistung nicht notwendig sein könnte.

In Zeiten von Digitalisierung und Selbstvermessung spielen außerdem Ungeduld und Kontrollbedürfnis eine Rolle: Patienten können Ungewissheit nur schwer akzeptieren. Der Drang zu handeln und der Wunsch nach Diagnostik und Behandlung sind groß und werden an den Arzt herangetragen.

Aber auch das Verhalten des Arztes und das Angebot medizinischer und technologischer Leistungen sind von Belang: Bietet ein Arzt eine bestimmte Maßnahme an und ist diese weit verbreitet und bekannt, steigt deren empfundene Wichtigkeit – die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass Patienten deren Angemessenheit hinterfragen.

Patienten haben Sorge vor einer Unterversorgung

Und nicht zuletzt spielt auch das Versicherungsverhältnis und die Berichterstattung in den Medien eine Rolle: Gesetzliche Versicherte sähen die Dinge meist durch eine „Defizit-Brille“, sagte Hambrock. Sie hätten eher Angst vor einer Unterversorgung. Dagegen herrsche bei Privatversicherten eher das Gefühl vor, von den Ärzten als „goldene Gans“ ausgenutzt zu werden. Einige betrachten den privaten Versicherungsstatus auch als Luxus und die ärztliche Behandlung eher als Wellness-Angebot.

Grundsätzlich hätten die Interviews aber gezeigt, dass Erkrankungen bei Patienten zu einer impliziten, diffusen Erwartungshaltung führen. „Sie erwarten Zuwendung und Fürsorge, sie wollen ernst genommen werden und dass etwas gemacht wird“, so Hambrock.

Als Ausdruck von Fürsorge und ernsthafter Zuwendung sehen Patienten den Befragungen zufolge Zeit und/oder Handlungen. „Medizinische Maßnahmen können streng medizinisch betrachtet „Überversorgung“ sein, fuhr Hambrock fort, „für die Patienten aber Symbole der Fürsorge und Zuwendung“. Die Alternative: Zuwendung und Fürsorge in Form von Zeit für das Zuhören und Reden oder manuelle Untersuchungen.

Überversorgung darf kein Ersatz für Zeit sein

Die Zeit für den Patienten sehen demgegenüber viele Ärzte als einen der Hauptgründe für Überversorgung im deutschen Gesundheitssystem an. Alle befragten Ärzte hätten Erfahrungen mit Überversorgung gehabt, berichtete Hambrock. Manche versuchten Überversorgung nach Möglichkeit zu vermeiden, eben durch Gespräche und Aufklärung oder manuelle Untersuchungen. Dennoch komme es vor, auch weil die Aufklärung der Patienten (zu) viel Zeit koste. Allerdings, so Hambrock, gebe es auch Ärzte, die Überversorgung komplett verneinten bzw. das Konstrukt ablehnten.

Das Verhalten der Patienten und der allgegenwärtige Zeitdruck im Gesundheitssystem stellen allerdings nur zwei von vielen Faktoren da, die Einfluss auf Überversorgung haben: auch systemische Rahmenbedingungen, ein Mangel an medizinischem Wissen, speziell der Evidenz, falsche finanzielle Anreize und die gelernte Rolle als Helfer spielen eine wichtige Rolle. „Die medizinische Ausbildung ist auf aktives Handeln ausgerichtet“, so Hambrock.

Ansatzpunkte für eine Lösung des Problems der Überversorgung sieht Hambrock basierend auf den Untersuchungsergebnissen nicht in Appellen an Ethik, Moral und Verantwortung – diese seien mitunter sogar kontraproduktiv. „Man muss am persönlichen Nutzen und Schaden ansetzen und Ängste ernst nehmen“, sagte er. Und Ärzte sollten das Konzept des Choosing Wisely schon im Medizinstudium nähergebracht werden, nur so könne das erforderliche Bewusstsein geschaffen werden.

Als weitere Handlungsempfehlungen nennt die Bertelsmann Stiftung in ihrem aktuellen Spotlight Gesundheit die Optimierung von Planung und Vergütung in der Gesundheits­versorgung. Die Honorierung von Leistungen müsse sich stärker an der Indikationsqualität bemessen. Darüber hinaus müssten Nutzen und Risiken medizinischer Leistungen transparenter gemacht werden – für Ärzte und Patienten.

Praxen und Kliniken sollen demnach außerdem Strategien entwickeln, die zur Deimplemen­tierung von Leistungen führen, die für Patienten zu wenig Nutzen und zu viele Risiken haben. Und letztlich erfordere die Deimplementierung solcher Leistungen auch eine Sensibilisierung der Bevölkerung. Patienten müsse bewusst (gemacht) werden, dass es besser sein und genauso viel Fürsorge bedeuten können, wenn eine medizinische Maßnahme unterlassen werde. © nec/aerzteblatt.de

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