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Ärzteschaft

Praxen offen für Digitalisierung, Rahmenbedingungen stimmen nicht

Donnerstag, 7. November 2019

/sudok1, stockadobecom

Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat ihre im vergangenen Jahr vom IGES-Institut erstmalig durchgeführte Umfrage unter Vertragsärzten und -psychothera­peu­ten zum Stand der Digitalisierung in diesem Jahr wiederholt.

Das allgemeine Fazit: Die Digitalisierung ist in Teilbereichen weit vorangeschritten und die Bereitschaft der Ärzte und Psychotherapeuten zur weiteren Digitalisierung ist da, aber die Rahmenbedingungen, etwa für die Nutzung digitaler Angebote, sind vielfach noch unzureichend.

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Der erforderliche Aufwand für die Praxen ist zudem in vielen Fällen zu groß für den zu erwartenden Nutzen. An der repräsentativen Erhebung für das PraxisBarometer 2019 be­teiligten sich mehr als 2.000 Praxen. Weitere Details und Zahlen hierzu präsentierte die KBV heute in Berlin.

Vor allem in der Praxisorganisation und dem -management sowie in der Dokumentation zeigen sich danach Digitalisierungsfortschritte. Nach der Studie haben inzwischen 76 Pro­zent der Arztpraxen ihre Patientendokumentation mehrheitlich oder vollständig digi­talisiert. Im Vorjahresvergleich lag der Wert noch bei 73 Prozent.

Etwa die Hälfte der Praxen organisiert Termine und Wartezeiten nahezu vollständig digi­tal. Mehr als ein Fünftel der Praxen verfügt inzwischen über ein digitales Qualitätsma­nage­ment – das ist eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr.

Generell nimmt der Digitalisierungsgrad mit der Praxisgröße deutlich zu. „Tat­säch­lich sind das die Bereiche, in denen Ärzte die Digitalisierung am stärksten als Fort­schritt wahrnehmen“, kommentierte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen das Ergebnis. Die Ärzte erhofften sich dabei vor allem Entlastung bei Verwaltungstätigkeiten.

Hausärzte in einigen Bereichen Vorreiter
Bei der Anbindung medizinischer Geräte sind vor allem hausärztliche Praxen weit voran­geschritten. So haben fast 80 Prozent ihre Medizintechnik über digitale Schnittstellen an­gebunden. Zudem nutzen zwei Drittel der Hausarztpraxen digitale Anwendungen zur Arz­neimitteltherapiesicherheit. Hierbei spielt die Praxisgröße keine Rolle.

Die digitale Kommunikation mit Patienten hat der Studie zufolge ebenfalls erheblich zu­ge­nommen – sie ist von zwölf Prozent im Jahr 2018 auf 25 Prozent gestiegen. Rund 44 Prozent der psychotherapeutischen Praxen kommunizieren mindestens zur Hälfte digital, von den jüngeren Psychotherapeuten tun dies sogar circa 54 Prozent.

Zwei Drittel der Hausarztpraxen berichten zudem über eine geringe Anzahl von Patien­ten, die mit selbst erhobenen Gesundheitsdaten in die Praxen kommen. Immerhin 87 Pro­zent der Hausärzte hält diese Daten für zumindest teilweise hilfreich.

Große ungenutzte Potenziale gibt es hingegen nach wie vor in der externen Kommunikation. Obwohl sich Ärzte laut Gassen eine verbesserte Kommunikation mit Kollegen und Patienten wünschen, sieht der Alltag sieht immer noch anders aus: So kommunizieren etwa 85 Prozent der Praxen mit anderen Ärzten und Psychotherapeuten oder anderen ambulanten Einrichtungen fast ausschließlich papierbasiert, mit Kranken­häusern sind es sogar 93 Prozent der Praxen.

Ausnahmen gibt es allenfalls unter den größeren Praxen. Bei behandlungsrelevanten Daten werden lediglich Labordaten digital übermittelt. Die KBV führt das darauf zurück, dass hierfür ein etabliertes interoperables Austauschformat verfügbar und zudem keine qualifizierte elektronische Signatur (QES) erforderlich ist.

Gegen Hybridlösungen
KBV-Chef Gassen verwies in diesem Kontext darauf, dass etwa 60 Prozent der Praxen den elektronischen Arztbrief als sinnvolle Anwendung betrachten. „Dennoch wird er kaum ge­nutzt. Warum? Weil die praktische Umsetzung zu kompliziert ist“, meinte er.

Die QES für jedes einzelne Dokument zu generieren, sei umständlich und aufwändig. Ein ähnliches Problem bestehe mit der elektronischen Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (eAU). Vor diesem Hintergrund fordert die KBV, die QES nur dort verbindlich vorzusehen, wo dies unbedingt erforderlich ist, und das Procedere als solches zu vereinfachen, etwa durch Nutzung einer Komfortsignatur.

Zudem kritisierte der KBV-Chef die häufig nur unvollständig umgesetzte Digitalisierung: „Im Moment haben wir leider Hybridlösungen für viele Prozesse – halb digital und halb analog“, monierte Gassen. Als Beispiele nannte er die eAU und das E-Rezept. Bei der eAU müsse die Praxis die Bescheinigung elektronisch an die Krankenkasse über­tragen, gleich­zeitig solle der Patient aber nach wie vor einen Nachweis auf Papier erhal­ten.

Beim E-Rezept hingegen solle die Praxis den zum Rezept gehörenden QR-Code gege­be­nenfalls ausdrucken und dem Patienten auf Papier mitgeben, wenn dieser nicht über ein Smartphone verfüge. Mit einer solchen Lösung könne man niemanden begeistern und erzeuge zusätzlich mehr Aufwand für die Praxen, daher: „Keine halben Sachen bei der Digitalisierung“, forderte der KBV-Chef.

Sichtbares Interesse der Praxen
Das Interesse der Praxen an Digitalisierung sei groß, bestätigte auch Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der KBV. So habe laut PraxisBarometer fast die Hälfte der Praxen (46 Prozent) in den zurückliegenden drei Jahren an Fortbildungen mit einem Bezug zur Digi­talisierung teilgenommen.

Auch seien die Erwartungen an die Chancen der Digitalisierung hoch, inbesondere bezüglich des Nutzens konkreter Anwendungen. Der Umfrage zufolge wollen 63 Prozent der Hausärzte ihren Patienten einen elektronischen Medikationsplan (eMP; Vorjahr: 44 Pro­zent) und 52 Prozent einen digitalen Not­fall­daten­satz (NFD; Vorjahr: 30 Prozent) anbie­ten.

Dies entspricht auch der Einschätzung des Nutzens: Fast 70 Prozent der Praxen bewerten den Nutzen des eMP als sehr oder eher hoch, beim NFD sind dies 62 Prozent der Arztpra­xen. „Das heißt: Digitale Anwendungen werden sich in den Praxen dann durchsetzen, wenn sie sinnvoll sind, praxistauglich und ohne zusätzlichen Aufwand“, meinte Kriedel.

Ärzte befürworten Standardisierung
59 Prozent der Vertragsarztpraxen wären der Studie zufolge zudem bereit, ihre Dokumen­tation auf einheitliche Standards umzustellen, etwa um Daten mit weiteren Partnern aus­zutauschen (Vorjahr: 47 Prozent). Unter den großen Praxen sind dies sogar drei Viertel.

„Die digitale Kommunikation der Praxen untereinander bleibt eine Herausforderung, ge­nauso wie beispielsweise zwischen Praxen und Krankenhäusern“, sagte Kriedel. Für eine sektorenübergreifende Vernetzung seien offene und einheitliche Schnittstellen für einen nahtlosen Datenaustausch erforderlich. „Unerlässlich ist dabei die Interoperabilität, und zwar technisch, organisatorisch, syntaktisch und semantisch.“

Die KBV verantworte im gesetzlichen Auftrag die Standardisierung der medizinischen Informationsobjekte. Dass mehr und mehr Ärzte eine Standardisierung in der Arztdoku­mentation befürworteten, zeige, „dass die KBV hier auf dem richtigen Weg ist“.

Die elektronische Gesundheitsakte als Vorläuferin der ab 2021 geplanten elektronischen Patientenakte ist der Umfrage zufolge noch nicht weit verbreitet. 20 Prozent der Praxen haben aber vereinzelt Kontakt zu Patienten, die bereits eine solche Akte nutzen. Etwas mehr als die Hälfte der Arztpraxen erwartet von einer künftigen elektronischen Patien­ten­akte einen sehr oder eher hohen Nutzen, allerdings nur, wenn diese von einem Arzt verwaltet wird. In einer vom Patienten geführten Akte sehen lediglich rund 20 Prozent der Ärzte einen Nutzen.

Zurückhaltung bei der Fernbehandlung
Eine ausschließliche Fernbehandlung lehnen die meisten Ärzte und Psychotherapeuten weiterhin ab: Zwei Drittel der Praxen halten einen vorangegangenen Patientenkontakt dabei stets für erforderlich. Nur jeweils rund 20 Prozent der Praxen halten Videosprech­stun­den sowie Onlinediagnosen und -therapien für sehr oder eher nützlich für die Patienten­versorgung. Bei den psycho­therapeutischen Praxen sind das immerhin 27 Prozent.

Im Hinblick auf die Arzt-Patienten-Beziehung erwarten 43 Prozent der Praxen eine Ver­schlechterung durch die fortschreitende Digitalisierung, 14 Prozent rechnen mit Verbe­sse­run­gen. Diese eher skeptischen Einschätzungen sind der Studie zufolge abhängig von der Praxisgröße und der fachlichen Spezialisierung: Größere und stärker spezialisierte oder interdisziplinär ausgerichtete Praxen bewerten die Digitalisierung demnach generell positiver, psychotherapeutische Praxen haben die meisten Vorbehalte.

Befürchtungen wegen mangelnder IT-Sicherheit
Eine mögliche Ursache dafür, dass die Digitalisierung in einigen Bereichen nicht voran­kommt, liegt aus Sicht der KBV in Befürchtungen vieler Ärzte und Psychotherapeuten hin­sichtlich mangelnder IT-Sicherheit. So gaben mehr als 60 Prozent der Praxen Sicherheits­lücken in den EDV-Systemen als Grund für Hemmnisse beim Digitalisierungsfortschritt an (2018: 54 Prozent).

„Die Zahlen zeigen, dass viele Ärzte und Psychotherapeuten unsicher sind“, meinte Krie­del. Nicht zuletzt die jüngsten Diskussionen um die Sicherheit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur beziehungsweise der IT-Sicherheit in den Praxen dürften zu dem Anstieg beigetragen haben, so der KBV-Vorstand.

„Wir als KBV – und das KV-System insgesamt – nehmen die Sorgen der Praxen ernst.“ Hier bedürfe es sinnvoller politischer Regelungen. „Im Gesetzgebungsverfahren des Digi­tale-Versorgung-Gesetzes ist vorgesehen, dass die KBV die Möglichkeit zur Erstellung ei­ner Richtlinie zur IT-Sicherheit erhält. Diese soll Praxen dann unterstützen und Sicherheit geben“, erklärte er.

Weitere Hürden sind der Umfrage zufolge der mit der Digitalisierung verbundene Um­stellungsaufwand (56 Prozent), ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis (54 Prozent) und die Fehleranfälligkeit der Praxis-IT. Als weitere Negativfaktoren wurden auch die fehlende Nutzerfreundlichkeit und eine unzureichende Internetgeschwindigkeit genannt. © KBr/aerzteblatt.de

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