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Medizin

Baclofen: Niereninsuffizienz steigert Risiko auf Enzephalopathie

Montag, 11. November 2019

/PIC4U, stock.adobe.com

London/Ontario – Das Muskelrelaxans Baclofen, das im Gehirn die Rezeptoren des Neurotransmitters GABA stimuliert, kann eine Enzephalopathie auslösen. Das Risiko war in einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2019; DOI: 10.1001/jama.2019.17725) bei Patienten mit Funktionsstörungen der Niere deutlich erhöht.

Baclofen ist zur Behandlung der Spastizität bei der Multiplen Sklerose und anderer hirnor­ganischer Erkrankungen zugelassen. Der Wirkstoff wird auch zunehmend häufiger „off label“ zur Behandlung von Alkoholismus, gastroösophagealer Refluxkrankheit, Nystagmus und Trigeminusneuralgie eingesetzt. Das Mittel ist in der Regel gut verträglich, eine zu starke Aktivierung des wichtigsten inhibitorischen Transmitters im Gehirn kann jedoch zu Verwirrung, Schläfrigkeit und Bewusstlosigkeit führen. Diese Enzephalopathie kann eine Hospitalisierung erforderlich machen.

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Flory Muanda vom Institute for Clinical Evaluative Sciences in London/Ontario und Mitarbeiter haben untersucht, wie häufig es nach den Verordnungen von Baclofen zu einer Hospitalisierung wegen einer Enzephalopathie kommt. Dazu wurden die Daten der staatlichen Kran­ken­ver­siche­rung des Staates Ontario ausgewertet. Die Analyse ist auf Patienten über 65 beschränkt, da erst ab diesem Alter die Kosten für Medikamente vollständig übernommen werden und deshalb die Verordnungen regelmäßig in den Abrechnungsdaten auftauchen.

Die Ergebnisse bestätigen, dass die Verordnung von Baclofen mit einer erhöhten Rate von Enzephalopathien assoziiert ist. Von den 284.263 Senioren, die niemals Baclofen verordnet bekamen, wurden 165 (0,06 %) wegen einer Enzephalopathie im Krankenhaus behandelt. Von den 9.707 Patienten, die Baclofen in einer Dosis von unter 20 mg/Tag erhielten, wurden 108 innerhalb von 30 Tagen wegen einer Enzephalopathie im Krankenhaus behandelt (1,11 %). Muanda ermittelt eine Risk Ratio von 5,90, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3,59 bis 9,70 hochsignifikant war.

Von den 6.235 Patienten, die eine Baclofen-Dosis von mehr als 20 mg/die erhalten hatten, erkranken 26 (0,42 %). Die Risk Ratio betrug 19,8 (14,0-28,0).

Die Forscher vermuteten, dass eine Nierenfunktionsstörung ein wichtiger Risikofaktor ist, weil Baclofen überwiegend unverändert über die Nieren ausgeschieden wird. Tatsächlich stieg die Inzidenz der Enzephalopathie mit abnehmender geschätzter glomerulärer Filtrationsrate (eGFR) an. Bei einer eGFR von 45 bis 59 ml/min/1,73m2 entwickelten 0,42 % eine schwere Enzephalopathie. Bei einer eGFR von 30 bis 44 ml/min/1,73m2 waren es bereits 1,23 % und bei einer eGFR von unter 30 ml/min/1,73m2 sogar 2,90 % der Patienten.

Die Studie zeigt damit, dass eine nicht beachtete Nierenfunktionsstörung das Risiko auf eine Enzephalopathie erhöht, die dann auch absolut gesehen eine häufige Komplikation ist. Obwohl die Studie streng genommen die Kausalität nicht belegen kann, spricht der Zeitpunkt der Hospitalisierungen – im Durchschnitt drei Tage nach Beginn der Therapie – klar für einen Zusammenhang, der sich aus dem Wirkungsmechanismus von Baclofen plausibel herleiten lässt. © rme/aerzteblatt.de

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