NewsÄrzteschaftHartmannbund will Ende des unkontrollierten Zugangs zu Gesundheits­leistungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Hartmannbund will Ende des unkontrollierten Zugangs zu Gesundheits­leistungen

Montag, 11. November 2019

/RFBSIP, stockadobecom

Berlin – Der Hartmannbund hat den Gesetzgeber aufgefordert, Regularien zu schaffen, die den unkoordinierten Zugang von Versicherten zu Leistungen des Gesundheitssystems verhindern. Die dazu eingesetzten Instrumente seien so zu gestalten, dass sie dem medi­zi­nisch indizierten Bedarf gerecht werden.

„Es ist unmöglich, bei begrenzten Mitteln Gesundheitsleistungen in unbegrenzter Menge für alle Bürger zu erbringen“, heißt es in einem Beschluss, den die Delegierten des Hart­mannbundes vorgestern auf der Haupt­ver­samm­lung des Verbandes in Berlin gefasst ha­ben.

Anzeige

Diese unbegrenzten Möglichkeiten des Einzelnen führten mit Blick auf begrenzte finan­zielle Mittel und Personalressourcen zu einem Mangel an Behandlungskapazitäten zulas­ten derjenigen, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes besonders kurzfristigen Zugang zum System benötigten. „Das Beheben dieses Missverhältnisses findet derzeit einseitig auf dem Rücken der in der Versorgung tätigen Akteure statt“, kritisierten die Delegierten.

Sie verwiesen auf europäische Nachbarländer, in denen es Instrumentarien wie Leis­tungs­begrenzungen, Einschränkungen der Wahlfreiheit des Patienten oder obligatorische Zuzahlungen gebe. Das Instrument der Zuzahlung begrenze zum Beispiel die Inanspruch­nahme von Leistungen, da die Versicherten die selbst zu tragenden Kosten gegen den Nutzen abwägten und ihre Nachfrage gegebenenfalls anpassten.

„Ob dabei Zuzahlungen eine sinnvolle Steuerungswirkung entfalten, hängt vom richtigen Maß ab: Zu niedrige Zuzahlungen entfalten keine Lenkungswirkung. Zu hohe Zuzahlun­gen können bestimmte Personengruppen von notwendigen Inanspruchnahmen abhalten“, heißt es in dem Beschluss.

Herkunft der Wirkstoffe für Arzneimittel deklarieren

Der Hartmannbund hat zudem den Gesetzgeber aufgefordert, die Arzneimittelsicherheit sowohl bezüglich der flächendeckenden Lieferbarkeit als auch der Qualität der Wirkstoffe wiederherzustellen.

„Aktuell haben sich die Lieferengpässe um den Faktor Sechs erhöht“, erklärten die Dele­gier­ten in einem Beschluss. „Die gesetzlichen Krankenkassen müssen dies anstatt des Billigstpreises bei den Ausschreibungen und Rabattverträgen vorrangig berücksichtigen. Das Herstellungsland der Wirkstoffe und Impfstoffe muss zwingend deklariert und die Lieferfähigkeit garantiert sein.“

Die Vergabe von Rabattverträgen erfolge häufig an Firmen, die eine flächendeckende, dauerhafte Versorgung nicht leisten könnten. Das liege daran, dass diese Firmen, damit die Dumpingpreise überhaupt möglich seien, ihre Wirkstoffe in Drittländern wie Indien, China, Pakistan oder Bangladesch herstellen ließen.

Dort bestehe häufig kein Einfluss über und keine Kontrolle der Herstellung, der Rein­raum­qualität und der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter. Deshalb müsse die Herkunft der Wirkstoffe deklariert sein und es dürften nur Länder berücksichtigt werden, in denen alle Richtlinien der Arzneimittelherstellung und der Arbeitsbedingungen, die in Deutsch­land gelten, regelmäßig kontrolliert würden. Außerdem müsse die Herstellungskapazität für eine kontinuierliche Versorgung gewährleistet sein.

Ruf nach Forschungsförderung für Antibiotika

Zudem hat der Hartmannbund die Politik dazu aufgefordert, weitere geeignete Maßnah­men zu treffen, um die Entwicklung neuer Antibiotika voranzutreiben, zum Beispiel durch gezielte Forschungsförderung, Kostendeckungszusagen und beschleunigte Gesetzge­bungs­verfahren.

Die erfolgreiche Bekämpfung von Infektionskrankheiten drohe sich ins Gegenteil zu ver­kehren. Deshalb bestehe rascher Handlungsbedarf. „Ohne eine schnelle Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika wird es in der Zukunft für heute behandelbare Erkran­kun­gen keine Behandlungsmöglichkeit mehr geben“, mahnte der Hartmannbund.

Delegierte fordern finanzielle Entschädigung für PJ-ler

Darüber hinaus hat der Verband den Gesetzgeber aufgefordert, ein Register für Medizini­sche Versorgungszentren (MVZ) einzuführen, in dem sämtliche Inhaber, Investoren und Verflechtungen mit anderen Unternehmen in einem zugelassenen MVZ nachvollzogen werden können.

Derzeit sei die Informationslage in Bezug auf Inhaberstrukturen und Kettenbildungen von MVZ intransparent. Hier bedürfe es dringend der Abhilfe, um insbesondere Monopolisie­rungs­tendenzen oder anderen ungewünschten Marktentwicklungen mit einer eindeutig gesicherten Faktenlage begegnen zu können.

Der Hartmannbund hat die Politik ebenfalls dazu aufgefordert, eine bundesweit einheit­liche Aufwandsentschädigung für Medizinstudierende im Praktischen Jahr in Höhe des BAföG-Höchstsatzes in der Approbationsordnung zu verankern.

„Studierende im Praktischen Jahr leisten in den Krankenhäusern einen wesentlichen Bei­trag zur Bewältigung des Arbeitsalltags und sind voll in die medizinischen Abläufe inte­griert“, heißt es zur Erklärung.

„Sie setzen sich 40 Stunden in der Woche für die medizinische Versorgung und das Wohl der Patienten ein.“ Neben der Vorbereitung auf das Staatsexamen bleibe ihnen dabei kaum Zeit, einer Nebentätigkeit zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage nachzugehen. Es könne daher nicht sein, dass Medizinstudierenden nach fünf Jahren theoretischer Ausbil­dung bei einer 40-Stunden-Woche keine Entschädigung für die geleistete Arbeit zuge­standen werde. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #760232
penangexpag
am Dienstag, 12. November 2019, 12:09

Zuzahlungen als Steuerungsmittel

Zuzahlung : das hatten wir doch schon. Ist wieder abgeschafft worden. Warum wohl !
Avatar #771898
t0rchy
am Dienstag, 12. November 2019, 09:35

Hartmannbund fordert Ökonomisierung der Medizin?

Der Hartmannbund fordert also indirekt eine Ökonomisierung der Medizin durch die Politik?
Die Rufe nach weniger Profitdenken, weniger Eingriff durch die Politik und mehr ärztliche Kunst und Gewissen werden in allen Bereichen der Medizin und Ärzteschaft lauter. Mir erscheint daher diee Forderung doch recht suspekt.
LNS

Nachrichten zum Thema

28. November 2019
Mainz – Die Mainzer Universitätsmedizin und Verdi haben sich auf zentrale Schritte zur Entlastung vor allem von Pflegekräften geeinigt und damit vorerst einen Streik am größten Klinikum in
Unimedizin Mainz und Verdi erreichen in Tarifgesprächen Teileinigung
25. November 2019
Hamburg – Immer mehr Ärzte sind verärgert über den steigenden ökonomischen Druck im Klinikalltag. Das zeigte eine Debatte bei einer Veranstaltung der Ärztekammer Hamburg in der vergangenen Woche.
Ethisches Dilemma im Versorgungsalltag
18. November 2019
Düsseldorf – Die Ärztekammer Nordrhein (ÄKNO) bekommt eine neue Weiter­bildungs­ordnung (WBO). Die Kammerversammlung hat das Regelwerk in ihrer zweiten Sitzung der Amtsperiode einstimmig bei vier
Ärztekammer Nordrhein verabschiedet neue Weiter­bildungs­ordnung
13. November 2019
Berlin – Die Union hält Beteiligungen privater renditeorientierter Kapitalanlageunternehmen an Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) für unproblematisch. Der Koalitionspartner SPD sieht das anders.
Union hat keine Bedenken bei Beteiligungen renditeorientierter Kapitalanleger an MVZ
11. November 2019
Berlin – Ein steigender ökonomischer Druck erschwert es Ärzten zunehmend, freie Entscheidungen zu treffen. Darin waren sich Ärzte verschiedener Generationen einig, wie eine Debatte der
Generationendialog: Gemeinsam gegen die Kommerzialisierung
8. November 2019
Berlin – Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) aufgefordert, mit der Ärzteschaft „in einen konstruktiven Dialog“ über den demografischen
Hartmannbund ruft zum Dialog über demografischen Wandel bei Ärzten auf
22. Oktober 2019
Magdeburg – Die Ärzte in Sachsen-Anhalt wenden sich dagegen, dass ökonomische Erwägungen zunehmend ihr Handeln bestimmen. Bei der Kammerversammlung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt stimmten die
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER