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Medizin

Pädiatrie: Was hilft bei „Dreimonatskoliken“?

Donnerstag, 14. November 2019

/Halfpoint, stock.adobe.com

Bristol – Schreiattacken sind bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten häufig. Die Ursachen dieser „Dreimonatskoliken“ sind nicht bekannt und eine evidenzbasierte The­rapie gibt es nicht. Unter den zahlreichen komplementär-medizinischen Behandlungen kommen laut einer Publikation in Systematic Reviews (2019; 8: 271) am ehesten Probio­tika, Fenchelextrakte und spinale Manipulationen infrage. Die Beweislage ist jedoch schwach.

Schätzungsweise 5 % bis 20 % aller Säuglinge sind „Schreikinder“. Dass es sich um Koli­ken, also eine gastrointestinale Erkrankung handelt, ist nicht belegt. Gewiss ist nur, dass die Schreiattacken nach etwa 5 Monaten wieder aufhören. Eine medizinische Notwendig­keit zur Behandlung gibt es nicht, der Wunsch der Eltern nach einer effektiven Therapie ist indes verständlich. Viele greifen zu komplementär-medizinischen Therapien, deren Wirksamkeit jedoch zweifelhaft ist – obwohl es eine reichhaltige Literatur zu dem Thema gibt.

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Rachel Perry von der Universität Bristol und Mitarbeiter haben 16 frühere systematische Übersichten analysiert, die Ergebnisse aus randomisierten Therapiestudien zusammenge­fasst hatten. Ziel der neuen Untersuchung war eine Bewertung der Meta-Analysen mit den Instrumenten AMSTAR 2 und ROBIS. AMSTAR 2 prüft die Qualität der systematischen Übersichten anhand von 16 Kriterien. ROBIS untersucht, ob Verzerrungen („bias“) in den Studien ausreichend berücksichtigt wurden.

Von den 16 systematischen Übersichten hatten sich 7 mit Probiotika, 3 mit chiroprakti­schen Manipulationen und jeweils eine mit Heilkräutern und Akupunktur beschäftigt. Die 4 übrigen hatten mehrere komplementär-medizinische Behandlungen verglichen.

Keine der Übersichten erfüllte die von AMSTAR 2 und ROBIS gestellten Anforderungen in vollem Maße. Am vielversprechendsten sind laut Perry die Ergebnisse zu Probiotika, Fen­chelextrakten und chiropraktischen Manipulationen der Wirbelsäule.

Doch diese Empfehlungen sind laut der Forscherin mit größter Vorsicht zu genießen. Praktisch alle Studien wiesen Probleme auf. Dazu gehörten eine kleine Stichproben­grö­ße, mögliche Verzerrungen der Ergebnisse, die Messung der Ergebnisse durch Elterntage­bü­cher, die sehr subjektiv sind, und die fehlende Verblindung der Therapeuten.

Dies gelte insbesondere für die chiropraktischen Anwendungen. Dabei ist es unmöglich, Kontrollgruppen zu bilden, in denen die Behandlung nur scheinbar durchgeführt wird.

Aber auch für Probiotika, bei denen eine Verblindung leicht möglich wäre, gibt es laut Perry keine überzeugenden Wirkungsbelege. Dies gelte insbesondere auch für die ver­schie­denen Babynahrungsprodukte, denen die Hersteller immer häufiger Probiotika bei­mischen. Dass sie vor den „Dreimonatskoliken“ schützen oder die Symptome lindern, ist nach Ansicht von Perry mit erheblichen Fragezeichen verbunden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #87253
Aedes
am Montag, 18. November 2019, 12:26

Empirie-Tiger?

Die Autoren der Arbeit schlußfolgern:

"There is clearly a need for larger and more methodologically sound RCTs to be conducted on the
effectiveness of some complementary and alternative medicine (CAM) therapies for IC. Particular focus on probiotics in non-breastfed infants is pertinent."

Ich bin der Hebamme sehr dankbar für ihre Ausführungen, da sie sich auch mit meinen Erfahrungen decken. Wir müssen den Eltern vermitteln, was alles normal ist bei einem Säugling und was ein Säugling braucht. Das in dem Beitrag hier hervorgehobene gehört sicher nicht dazu!
("Am vielversprechendsten sind laut Perry die Ergebnisse zu Probiotika, Fen­chelextrakten und chiropraktischen Manipulationen der Wirbelsäule.")

"It is important to highlight that the nonspecific effects (e.g. the therapeutic effects of time, attention and touch alongside the placebo effect) of many CAM therapies included in this review are poorly understood but may play a role."

Spielen möglicherweise eine Rolle? Die beruhigende Wirkung des Therapeuten auf die Eltern spielt vielleicht eine Rolle? Steile These...
Avatar #774376
Tiger123
am Freitag, 15. November 2019, 21:32

Antwort

Liebe Hebamme Christine von Frankenberg, sicherlich sind Ihre Ausführungen richtig und vieles kann ich nur unterstützen. Dennoch geht es beim genannten Artikel nicht um eine subjektive Meinung einer Person zum genannten Thema, es geht um eine Einordnung der vorliegenden Evidenz zum Thema. Das ist eine wissenschaftliche Herangehensweisen und unterscheidet sich grundlegend von einer empirischen Herangehensweise wie Sie sie propagieren.
Avatar #774376
Tiger123
am Freitag, 15. November 2019, 21:17

Antwort:

Liebe Hebamme Christine von Frankenberg,
Avatar #774376
Tiger123
am Freitag, 15. November 2019, 21:17

Antwort

Liebe Hebamme Christine von Frankenberg,
Avatar #629924
von_frankenberg
am Donnerstag, 14. November 2019, 22:13

Hebamme Christine von Frankenberg/ Heidelberg

Die Herangehensweise an dieses Thema in dem Artikel scheint mir nicht richtig. Als ehemalige Kinderkrankenschwester, Mutter von drei Kindern und Hebamme seit 27 Jahren staune ich immer wieder, wenn wir über "Drei-Monats-Koliken" sprechen. Alleine dieser Name dürfte den Eltern implizieren, dass ihr Baby "krankhafte Blähungen" aushalten muss. Sie leiden mit, sind unsicher und geben die Unsicherheit weiter an die Kinder. Diese spüren das und sind unruhig. Ein Teufelskreislauf...
Eine ganze Industrie verdient mit dieser "Mitleidsheischenden" Bezeichnung Millionen (Salben, Zäpfchen, Lösungen, Tropfen). Auch in diesem Artikel lesen wir von "Schreiattacken" und dass 5-20% der Babys "Schreikinder" sind.
Meiner Meinung nach fehlt es den Eltern oft an guter Information. Dazu zählt, dass eine Fachperson erklärt, was in einem neugeborenen Wesen alles an Veränderungen stattfinden. Warum Babys schreien, dass das normal ist und welche Bedürfnisse sie haben. Dass nasse Windeln zum Beispiel eigentlich gar nicht der Grund sind für unruhige Kinder. Vielmehr sollten wir die Mütter motivieren, lange zu stillen. Leider hören heutzutage nach 2 Monaten schon 40% der Mütter auf zu stillen, nach einem halben Jahr sind es nur noch 10%(!), die die selbstverständlichste und beste Nahrung ihren Kindern noch bieten. Und das, obwohl die meisten Mütter eigentlich stillen wollten. Formular Milch ist deutlich schwerer zu verdauen als Muttermilch.
Ruhe, Liebe, Kuscheln, Nähe und Unterstützung aus der Umgebung sind die besten Tipps, die man den Eltern an die Hand geben kann für eine entspannte erste Zeit zusammen. Und, dass das Neugeborene alles das, was es im Mutterleib erfahren hatte, nämlich das "Sattsein", das Wiegen, die "Enge" und auch die Geräusche im Bauch der Mutter, braucht, um sich sicher und wohl zu fühlen. Auch sollten wir uns fragen, ob Medikamente unter der Geburt, stressige Geburten und die vielen Kaiserschnitte vielleicht auch Gründe sind, warum Babys so aufgeregt sind.
Halten ist für die Babys elementar, weil sie sich dann sicher fühlen. Zu viele Reize sind ebenfalls für die Kleinen nicht förderlich, weil sie schwerer in den Schlaf finden. Müde Kinder sind auch "Schreikinder". Also plädiere ich dafür, dass wir den Eltern an die Hand geben, dass es normal ist, dass Babys schreien (das ist ihre Art der Kommunikation), dass, solange sie nicht alleine schreien müssen auch nicht darunter leiden werden, dass es normal ist, dass Babys sich krümmen (ein normales Bewegungsmuster) und auch pupsen, weil in der Muttermilch hunderte von gesunden Bakterien auf den ehemals sterilen Darm trifft und es natürlich zischt und pufft, wenn sich das Mikrobiom entwickelt. Alles Normal!! Von der Natur so geplant.
Mit diesem Wissen können die Eltern ihren Kindern jedenfalls das anbieten, woran es mangelt.
Fenchelextrakt oder sogar Tee ist übrigens eher schädlich und hat überhaupt nichts im Darm eines jungen Babys zu suchen. Und die Probiotika helfen am ehesten den Eltern, weil sie etwas tun können.. Familientherapie ;-)
Das weiter zu geben ist übrigens auch Hebammentätigkeit. Jeden Tag. Immer wieder. Bis es den Kleinen und Großen besser geht. Motivation, Verständnis, Zeit zum Zuhören.
LNS

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