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Medizin

Colchicin: Niedrig dosiertes Gichtmittel schützt nach Herzinfarkt

Dienstag, 19. November 2019

/granata68, stock.adobe.com

Montreal – Eine Behandlung mit Colchicin, das in niedriger Dosierung eine antientzünd­liche Wirkung erzielt, hat in einer randomisierten klinischen Studie bei Patienten nach einem Herzinfarkt die Zahl der kardiovaskulären Ereignisse gesenkt. Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Jahrestagung der American Heart Association in Philadelphia vor­gestellt und im New England Journal of Medicine (NEJM 2019; DOI: 10.1056/NEJMoa1912388) publiziert.

Es wird seit längerem vermutet, dass entzündliche Reaktionen im Körper das Fortschrei­ten der Atherosklerose beschleunigen und dass der Nutzen von Acetylsalicylsäure (ASS) aber auch von Statinen auf deren antientzündlichen Eigenschaften beruhen.

Vor 2 Jahren konnte in der CANTOS-Studie gezeigt werden, dass der antientzündliche In­terleukin 1beta-Antikörper, der die Konzentration des C-reaktiven Proteins deutlich senkt, nach einem Herzinfarkt die Rate von weiteren Herz-Kreislauf-Ereignissen vermindert. Allerdings kam es zu einem Anstieg von tödlichen Infektionen, weswegen sich die kostspielige Behandlung nicht durchsetzen konnte.

Wesentlich kostengünstiger ist eine Behandlung mit Colchicin. Das Mittel, ursprünglich ein Phytopharmakon aus der Herbstzeitlosen, hemmt die Bildung der Mikrotubuli im Zell­kern, was Zellteilungen verhindert – unter anderem in Entzündungszellen. Die Folge ist eine antientzündliche Wirkung, die bereits bei einer niedrigen Dosierung erzielt wird.

In der COLCOT-Studie („Colchicine Cardiovascular Outcomes Trial“) wurden 4.745 Patien­ten (mittleres Alter 61 Jahre) nach einem Myokardinfarkt mit Colchicin (0,5 mg täglich) oder Placebo behandelt.

Bei den meisten Patienten (83 %) war eine perkutane koronare Intervention mit Stent-Im­plantation durchgeführt worden, weshalb sie auch eine duale Thrombozytenhemmung mit ASS (99 %) und einer zweiten Substanz (98 %) erhielten. Außerdem wurde darauf ge­achtet, dass die Patienten entsprechend den Empfehlungen der Leitlinien mit einem Sta­tin (99 %) und einem Betablocker (89 %) behandelt wurden.

Primärer Endpunkt war ein Composite aus kardiovaskulärem Tod, Reanimation nach Herz­stillstand, erneutem Myokardinfarkt, Schlaganfall oder einem dringenden Krankenhaus­aufenthalt wegen Angina pectoris, der zu einer Revaskularisierung führte. Eines dieser Ereignisse trat während der Nachbeobachtungszeit von 22,6 Monaten in der Colchicin-Gruppe bei 5,5 % der Patienten auf gegenüber 7,1 % in der Placebogruppe.

Jean-Claude Tardif vom Montreal Heart Institute und Mitarbeiter ermitteln eine Hazard Ratio von 0,77, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,61 bis 0,96 signifikant war.

Der Vorteil war hauptsächlich auf eine geringere Zahl von Hospitalisierungen wegen An­gina pectoris-Erkrankungen (Hazard Ratio 0,50; 0,31 bis 0,81) und von Schlaganfällen (Hazard Ratio 0,26; 0,10 bis 0,70) zurückzuführen. Der Rückgang von kardiovaskulären Sterbefällen (Hazard Ratio 0,83; 0,46 bis 1,52) und von Herzinfarkten (Hazard Ratio 0,91; 0,68 bis 1,21) war nicht signifikant.

Ein signifikanter Anstieg von schweren Infektionen war anders als in der CANTOS-Studie nicht erkennbar, auch wenn es tendenziell häufiger zu Pneumonien (0,9 versus 0,4 %) kam. Die häufigsten Nebenwirkungen von Colchicin waren Diarrhö (9,7 versus 8,9 % in der Placebogruppe) und Übelkeit (1,8 versus 1,0 %).

Die Bereitschaft, ein weiteres Medikament einzunehmen, war allerdings nicht bei allen Patienten vorhanden. In beiden Studienarmen brachen fast 19 % Patienten die Behand­lung vorzeitig ab. Auch die Überzeugungskraft auf die Kardiologen dürfte begrenzt sein.

Kristin Newby vom Duke University Medical Center in Durham vermisst eine klare Ausw­irkung auf das C-reaktive Protein, dem wichtigsten Entzündungsparameter. Die Editori­a­listin ist skeptisch, weil der Vorteil vor allem auf einen Rückgang der diagnostisch oft unklaren Angina pectoris zurückzuführen ist. Die Ergebnisse sollten ihrer Ansicht nach die Suche nach gezielteren antientzündlichen Wirkstoffen mit einem besseren Neben­wirkungsprofil anregen. © rme/aerzteblatt.de

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