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Ärzteschaft

ÄK Nordrhein mahnt Maßnahmen gegen Arzneimittel­engpässe an

Dienstag, 19. November 2019

/dpa

Düsseldorf – Die Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNO) hat den Ge­setz­geber aufgerufen, konkrete Maßnahmen zur Sicherstellung einer ausreichenden Ver­sorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln und Impfstoffen anzugehen. In ihrer jüngsten Sitzung verabschiedete sie einstimmig eine entsprechende Resolution.

Ende Oktober 2019 hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mehr als 260 versorgungsrelevante Arzneimittel und Medizinprodukte mit einem Lieferengpass registriert und gelistet. „Dank dieser Liste können zwar kurzfristig auf nati­o­naler Ebene Umgehungsstrategien geplant werden. Aber damit sind die Ursachen der Lieferengpässe nicht gelöst“, heißt es in der Resolution.

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Zu den Ursachen zählen nach Angaben von Rudolf Henke Rabattverträge und dem damit verknüpften Vergabekriterium des Niedrigpreises. „Damit diese Preise zustande kommen, weichen Hersteller in Niedriglohnländer im asiatischen Raum aus, ohne dass hier eine Überprüfung und Qualitätskontrolle der Herstellungsprozesse, der verarbeiteten Stoffe, der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter oder eine Garantie der Lieferqualität bestehen“, kritisierte der ÄKNO-Präsident. Das könne so nicht weitergehen.

„Wenn versorgungsrelevante Arzneimittel in der Apotheke nicht mehr zu haben sind, dann weicht man zwangsläufig auf andere Präparate mit identischem Wirkstoff aus, die sich aber von ihren pharmazeutischen Eigenschaften wie Tablettengröße, Teilbarkeit oder Farbe erheblich unterscheiden können“, sagte Henke. Das sei besonders für chronisch Kranke und alte Menschen, die von den permanenten Wechseln am häufigsten betroffen sind, ein Problem. Denn mit dem Austausch können sich gewohnte Dosierungsanleitun­gen ändern und es kann zu unsachgemäßer Anwendung kommen.

Das rheinische Ärzteparlament forderte daher, die Ursachen der Lieferengpässe zu be­kämpfen. Zudem sollten nationale Arzneimittelreserven für versorgungsrelevante Medi­kamente aufgebaut und die Vorhaltepflichten ausgeweitet werden, um bei Lieferengpäss­en kurzfristig Abhilfe schaffen zu können. Rabattverträge sollten dahingehend reformiert werden, dass sie mindestens zwei Wirkstoffquellen und drei Hersteller nennen müssen. Langfristig bedürfe es strategischer Überlegungen, Produktionsstandorte aus dem Aus­land wieder zurück in die EU zu holen.

Modellversuche für Grippeimpfungen „unschön“

Darüber hinaus begrüßte Henke ausdrücklich das vom Bundestag verabschiedete Masern­schutzgesetz. Der Kammerpräsident ist davon überzeugt, dass die Impflücken geschlossen werden können. Denn künftig könne jeder Arzt und damit auch jeder Betriebsarzt impfen und diese Leistung mit der Krankenkasse abrechnen.

Auch seien viele von der Ärzteschaft formulierte Forderungen wie die stärkere Einbezie­hung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und das fachübergreifende Impfen in das Gesetz aufgenommen worden. Jetzt müsse das Gesetz klug umgesetzt werden, etwa durch den Einsatz von Recall-Systemen, die Einführung des digitalen Impfpasses und das Impfen in Betrieben.

Als „unschön“ bezeichnete Henke die Modellversuche für Grippeimpfungen durch Apothe­ker, die das Masernschutzgesetz künftig möglich macht. Der ÄKNO-Präsident hält diese Regelung für falsch, da zum Impfen nicht nur der „Piecks, sondern auch die richtige Indi­kationsstellung“ gehöre. Das würden auch viele Apotheker so sehen. In Nordrhein sei sich die Ärztekammer mit dem Präsidenten der Apothekerkammer einig, bei der bewährten Aufgabenteilung zu bleiben, zumal die Berufsordnung der Apotheker die angekündigten Modellversuche zurzeit nicht zulasse.

Henke berichtete zudem, dass er wegen seines Eintretens für die Impfpflicht massiven Beschimpfungen ausgesetzt gewesen sei. Dabei sei er auch von Kollegen angegangen worden. Wolfgang Klingen forderte daraufhin unter dem Applaus der Kammerversamm­lung, Hass-Mails und Hass-Kommentare in digitalen Netzwerken und Messenger-Diens­ten künftig berufsrechtlich zu ahnden.

Klima bekommt mehr Aufmerksamkeit

Die Kammerversammlung beschloss am Wochenende auch, dass sich die Ärzte im Rhein­land künftig in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie in der medizinischen und interpro­fessio­nellen Forschung stärker als bisher mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Menschen beschäftigen. „Teil unserer ärztlichen Verantwortung ist auch der Einsatz dafür, dass die Einrichtungen des Gesundheitswesens selbst ihre Ener­gie- und Klimabilanz substantiell verbessern“, heißt es in einer Resolution.

„Der Klimawandel wird die Gesundheitssysteme weltweit vor große Herausforderungen stellen. Wir müssen uns mit dessen Folgen sowohl im eigenen Land, aber auch weltweit beschäftigen“, betonte Rudolf Henke.

Nach Ansicht des ÄKNO-Präsidenten bedeutet eine Zunahme von Umweltkatastrophen nicht nur einen gesundheitlichen Notfall in den betreffenden Regionen, sondern es erhöht sich potenziell zunächst regional und dann überregional auch das Risiko von Ausbrüchen übertragbarer Krankheiten.

Auf einem wärmeren Planeten könnten sich beispielsweise auch Krankheiten, die durch Tiere übertragen werden, in neue Gebiete ausbreiten. „Darauf müssen wir uns einstellen, entsprechendes Wissen aufbauen und Frühwarnsysteme etablieren.“

Henke kündigte an, „einen Ad-hoc-Ausschuss“ der ÄKNo einrichten zu wollen, der sich mit dem Thema „Klimawandel und Gesundheit“ beschäftigen soll. Er soll im Hinblick auf den 123. Deutschen Ärztetag im kommenden Jahr in Mainz „für uns antragsfähige Vorschläge und Positionen vorbereiten“.

Datenweitergabe nur mit informiertem Einverständnis

Darüber hinaus appellierte der Kammerpräsident erneut an die Mitglieder der Kammer­versammlung, die Digitalisierung des Gesundheitswesens nicht „Konzernen und Infor­ma­tikern“ zu überlassen. Ärztliche Grundsätze dürften nicht dem enormen Tempo geopfert werden, mit dem Digitalisierung voranschreiten werde. „Die digitale Medizin von morgen wird schlechter sein ohne unseren fachlichen Input und ohne ethisch-moralischen Rahmen, für den wir stehen“, ist Henke überzeugt.

Dementsprechend plädierte die Kammerversammlung in einer Resolution dafür, dass Da­ten auch zu Forschungszwecken nur mit dem informierten Einverständnis der Betroffenen und nicht zu kommerziellen Zwecken weitergegeben werden dürfen. © ts/aerzteblatt.de

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