NewsMedizinStudie: CT wirkt sich auf das Risiko bestimmter Krebserkrankungen aus
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie: CT wirkt sich auf das Risiko bestimmter Krebserkrankungen aus

Mittwoch, 20. November 2019

/dpa

Taipei – Bei Krankenversicherten, die an Schilddrüsenkrebs, Leukämie oder einem Non-Hodgkin-Lymphom erkrankten, war in einer Fall-Kontroll-Studie in JNCI Cancer Spectrum (2019; doi: pkz072) in den Jahren zuvor häufiger eine Computertomografie (CT) durch­ge­führt worden als bei anderen Versicherten. Das Risiko war vor allem bei jüngeren Er­wach­senen, bei denen die Erkrankungen ansonsten seltener auftreten, erhöht.

Die Strahlenbelastung durch CTs wird häufig unterschätzt. Sie beträgt je nach Untersu­chung zwischen 1 und 15 Millisieverts (mSv). Das ist nicht viel weniger als in einer Ko­hor­te von Überlebenden des Atombombenabwurfs, die (in einer größeren Entfernung von der Detonation) einer geschätzten Dosis von 5 bis 20 mSv ausgesetzt waren und bei de­nen später eine leicht, aber signifikant erhöhte Rate von Krebserkrankungen gefunden wurde.

Anzeige

Dieser Vergleich, den Yu-Hsuan Joni Shao von der Medizinischen Universität Taipei an­führt, mag provokativ klingen. Viele Experten sind jedoch überzeugt, dass von den CT-Unter­suchungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu einer kaum hinterfragten Routine geworden sind, ein gewisses Krebsrisiko ausgeht.

Der Radiologe David Brenner vom Columbia University Medical Center kam vor 12 Jahren zu dem Ergebnis, dass die damals jährlich 62 Millionen CT-Untersuchungen in den USA für 1,5 bis 2,0 Prozent aller künftigen Krebserkrankungen im Lande verantwortlich sein könnten (NEJM 2007; 357: 2277-2284).

In der aktuellen Studie hat Shao die Daten aller über 25 Jahre alten Patienten ausgewer­tet, bei denen zwischen 2000 und 2013 ein Schilddrüsenkrebs, eine Leukämie oder ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert worden war.

Ausgeschlossen wurden Patienten mit früheren Krebserkrankungen und solche, die zuvor einer Strahlendosis (etwa durch eine Radiojodtherapie bei Morbus Basedow) ausgesetzt waren. Die 22.853 Patienten mit Schilddrüsenkrebs, die 13.040 Patienten mit Leukämie und die 20.157 Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphom wurden dann mit jeweils 10 Kon­trollen gleichen Alters und Geschlechts verglichen.

Aus den Abrechnungsdaten der Versicherten (Taiwan hat eine staatliche Krankenver­siche­rung für die gesamte Bevölkerung) wurden dann die CT-Untersuchungen der vorange­gangenen Jahre recherchiert. Aus der untersuchten anatomischen Region wurde die effektive Strahlendosis geschätzt.

Ergebnis: Patienten, bei denen CTs durchgeführt worden waren, hatten ein 2,5-fach er­höh­tes Risiko auf Schilddrüsenkrebs (Odds Ratio 2,55; 95-Prozent-Konfidenzintervall 2,36 bis 2,75) und ein um etwa die Hälfte erhöhtes Risiko auf eine Leukämie (Odds Ratio 1,55; 1,42 bis 1,68). Das Risiko auf ein Non-Hodgkin-Lymphom war nur für Patienten im Alter von unter 35 Jahren (Odds Ratio 2,72; 1,43 bis 5,19) und für die Altersgruppe für 36 bis 45 Jahre (Odds Ratio 3,05; 2,13 bis 4,37) erhöht, nicht aber für ältere Patienten.

Bei allen 3 Krebsarten war für jüngere Patienten ein Anstieg des Risikos mit der Strahlen­dosis erkennbar. Diese Dosis-Wirkungs-Beziehung ist in epidemiologischen Studien ein wichtiger Hinweis auf eine Kausalität. Eine weitere Stärke der Untersuchung ist, dass die gesamte Bevölkerung einbezogen wurde. Um eine reverse Kausalität zu vermeiden, wur­den alle Patienten, bei denen die CT-Untersuchung aus Anlass einer Krebserkrankung durch­geführt worden war, von der Analyse ausgeschlossen.

Zu den Schwächen gehört, dass die Forscher keine Angaben zu der tatsächlich applizier­ten Dosis hatten. In den letzten Jahren hat es bei den Geräten verschiedene technische Verbesserungen gegeben, die – nicht zuletzt mit Blick auf das Krebsrisiko – die Strah­len­dosis gesenkt haben. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 22. November 2019, 14:04

CT und Tumor-Risiko - Syntax Error!

Bereit 2013 fanden sich im Abstract und in der Originalarbeit “Cancer risk in 680000 people exposed to computed tomography scans in childhood or adolescence: data linkage study of 11 million Australians” British Medical Journal BMJ 21. Mai 2013 http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f2360 folgende irritierende Ergebnisse „Results: 60674 cancers were recorded, including 3150 in 680211 people exposed to a CT scan at least one year before any cancer diagnosis. The mean duration of follow-up after exposure was 9.5 years.” Die Krebsinzidenz bei den n i c h t CT-Exponierten betrug demnach 0,561 Prozent. Bei anamnestischer CT-Belastung erreichte die Krebsinzidenz (nur?) 0,463 Prozent? Auch ein Kollege aus Sachsen hat in einem BMJ-Kommentar diesen Sachverhalt hinterfragt.

In der ausführlichen Darstellung finden sich verwirrende Details: „The cohort included 10939680 people. Based on a one year lag period, 680211 (6.2%) were transferred into the CT exposed group before their exit from the study (table 1?), and 18% of the exposed group had more than one scan (table 2?). Mean length of follow-up was 9.5 years for the exposed group and 17.3 years for the unexposed group. By 31 December 2007, 3150 individuals in the exposed group and 57524 individuals in the unexposed group had been diagnosed with a cancer, giving a total of 60674 people with a cancer. For all types of cancer combined, incidence was 24% greater in the exposed group than in the unexposed group (IRR 1.24 (95% confidence interval 1.20 to 1.29) after stratification for age, sex, and year of birth, P<0.001), and the IRR increased by 0.16 (0.13 to 0.19) with each additional CT scan (P<0.001 for trend; fig 2?).”

Die Dauer der Nachbeobachtung in der CT-Gruppe (18 Prozent hatten mehr als ein CT) betrug im Mittel 9,5 Jahre, in der Gruppe o h n e CT dagegen 17,3 Jahre. Beide Gruppen sind damit n i c h t mehr vergleichbar! Und die Krebsinzidenz in der Gruppe o h n e CT fällt wegen der extrem verlängerten Nachbeobachtungsdauer als Ergebnisverzerrung („bias“) viel zu hoch aus.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich halte eine strenge Indikationsstellung für stärker strahlenbelastende Untersuchungen für essenziell, damit Krankheitsrisiken bei Untersuchungen mit ionisierenden Strahlen nicht noch erhöht werden. Aber dafür sind randomisierte, kontrollierte, p r o s p e k t i v e Studien notwendig.

Eine weitere retrospektive Studie belegte, dass auch durch niedrigere Strahlenbelastungen mit modernen CT-Untersuchungsgeräten das Krebs-Folgerisiko erhöht sein könnte. Analysiert wurden Daten einer britischen retrospektiven Kohortenstudie von fast 180.000 Patienten, die im Kindesalter zwischen 1985 und 2002 eine CT-Untersuchung bekamen. Keines der Kinder war zuvor an Krebs erkrankt. Zur Vermeidung von „bias“ wurden für die Auswertung n i c h t genutzt die Daten von Patienten, die innerhalb von zwei Jahren nach der CT-Untersuchung an Leukämie oder innerhalb von fünf Jahren nach der Untersuchung an einem Hirntumor erkrankten. Bei insgesamt 74 von 178.604 Patienten wurde nachfolgend eine Leukämie diagnostiziert, bei 135 von 176.587 ein Hirntumor. Das Leukämie-Risiko war ab Strahlendosen von 30 mGy erhöht. Hirntumor-Risiken waren ab 50 mGy erhöht. Vgl.: The Lancet, Volume 380, Issue 9840, 499 - 505, vom 4. August 2012
doi:10.1016/S0140-6736(12)60815-0
“Radiation exposure from CT scans in childhood and subsequent risk of leukaemia and brain tumours: a retrospective cohort study”.

Die jetzt veröffentlichte Studie aus Taipeh/Taiwan, der Hauptstadt der Republik China, viertgrößte Stadt des Landes auf der Insel Taiwan, untersuchte retrospektiv Krankenversicherte, die an Schilddrüsenkrebs, Leukämie oder einem Non-Hodgkin-Lymphom erkrankten waren, in einer Fall-Kontroll-Studie in JNCI Cancer Spectrum (2019; doi: pkz072). Dabei waren in den Jahren zuvor häufiger eine Computertomografie (CT) durch­ge­führt worden als bei anderen Versicherten. Das Risiko war vor allem bei jüngeren Er­wach­senen, bei denen die Erkrankungen ansonsten seltener auftreten, erhöht.

Aber auch hier bleiben die Autoren die Antwort auf die Frage schuldig, weshalb und mit welcher Indikationsstellung die vorherigen CT's veranlasst wurden? Gab es Tumor-Vorstufen, Verdachtsmoment für Neoplasien etc. All das sind wesentliche Bias, die Erkenntnisfortschritte verschleiern oder falsche wissenschaftliche Fährten legen können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

Nachrichten zum Thema

5. Dezember 2019
London – Eine Radiotherapie hat in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 2084-2094) die Gehfähigkeit der meisten Krebspatienten mit Wirbelmetastasen in den letzten
Wirbelmetastasen: Einmalige Bestrahlung kann Gehfähigkeit wiederherstellen
26. November 2019
São Paulo – Die Entzündungsreaktion, die durch eine Adipositas ausgelöst wird, greift möglicherweise bereits im Jugendalter das Gehirn an. Radiologen aus Brasilien stellten dazu auf der Jahrestagung
Adipositas: MRT zeigt Hirnveränderungen bereits im Teenageralter
29. Oktober 2019
Freiburg – Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert in den kommenden drei Jahren ein neues Schwerpunktprogramm „Radiomics: Nächste Generation der medizinischen Bildgebung“ mit mehr als acht
Millionenförderung für automatisierte Auswertungsmethoden medizinischer Bilddaten
4. September 2019
Seoul – Überempfindlichkeiten auf jodhaltige Kontrastmittel sind bei der Computertomografie (CT) selten, aber nicht ungewöhnlich. Die Analyse eines Patientenregisters aus Südkorea in Radiology (2019;
Fast jede hundertste CT-Untersuchung führt zu Überempfindlichkeit auf jodierte Kontrastmittel
12. August 2019
Berlin – Der Berufsverband der Radiologen (BDR) wehrt sich vehement gegen die Berichterstattung über Kontrastmittelpauschalen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR. Er wies die Berichte als
Radiologen: Kontrastmittelpauschalen haben zu Einsparungen für Krankenkassen geführt
24. Mai 2017
Silver Spring – Im Gegensatz zur europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), die im März empfohlen hat, bestimmte Gadolinium-haltige Kontrastmittel für die Magnetresonanztomographie (MRT) vom Markt zu
LNS
Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER