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Politik

Notfallsanitäter: Bundesregierung will Dialog über erweiterte Kompetenzen initiieren

Mittwoch, 20. November 2019

/dpa

Berlin – Dürfen Notfallsanitäter künftig bis zum Eintreffen des Notarztes eigenverant­wort­lich medizinisch tätig sein? Oder sollen sie nur auf ärztliche Anweisung handeln dürfen? Darüber will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium einen Dialog zwischen Not­fall­sanitätern, Ärzten und anderen am Rettungsdienst Beteiligten initiieren. Das kündigte die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum Gesetzentwurf des Bundesrates zur Ände­rung des Notfallsanitätergesetzes an.

Der Bundesrat hatte seinen Vorstoß damit begründet, dass die aktuelle Rechtslage bei Notfallsanitätern und deren Arbeitgebern zu erheblicher Rechts- und damit auch Hand­lungsunsicherheit führe. Deshalb soll es dem Gesetzentwurf zufolge Notfallsanitätern künftig erlaubt sein, in lebensbedrohlichen Situationen im Rahmen der ihnen vermittel­ten Kompetenzen heilkundlich tätig zu sein.

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Zurzeit sei die Ausübung der Heilkunde grundsätzlich Ärzten vorbehalten und ohne Er­laubnis strafbar. Notfallsanitäter, die bis zum Eintreffen des Notarztes heilkundlich tätig seien, entkämen nur über die rechtliche Konstruktion des rechtfertigenden Notstandes aus der Strafbarkeit ihres Tuns. Dies sei für die hochqualifizierten Notfallsanitäter weder sachgerecht noch zumutbar, hieß es zur Begründung.

Ärzteverbände wollen am Prinzip der Delegation festhalten

Die Bundesregierung hatte einen eigenen Vorschlag vorgelegt, um für mehr Rechtssicher­heit sorgen. Dieser hing als Änderungsantrag dem Gesetz über den Beruf der Anästhesie­technischen und Operationstechnischen Assistenten an.

Ziel war es, die Befugnisse von Notfallsanitätern zu präzisieren und im Gegensatz zum Bundesrat am Prinzip der ärztlichen Delegation festzuhalten. Der Antrag von Union und SPD sah deshalb vor, dass Notfallsanitäter ausschließlich im Rahmen von standardisier­ten, ärztlich delegierten Handlungsoptionen (Standardisierte Prozeduren, SOPs) heilkund­lich tätig werden dürfen.

Weil dieser Vorschlag bei einer Anhörung vor dem Gesundheitsausschuss zwar auf die Zu­stimmung von Ärzteverbänden, aber auf heftige Kritik der Rettungsdienste gestoßen war, stoppten die Fraktionen ihre Gesetzesinitiative. Mit dem Dialog will man nun eine „für alle Seiten tragfähige Lösung“ finden, wie es in der Stellungnahme heißt.

Als unzureichend bezeichnete heute Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen) den Dialogvorstoß der Bundesregierung. Noch Anfang des Monats habe das Gesundheits­ministerium angekündigt, bis Mitte November eine abgestimmte Bewertung der Bundes­ratsinitiative vorzulegen.

Nun wolle die Bundesregierung lediglich Gespräche initiieren, obwohl diese doch bereits im Vorfeld der Stellungnahme stattgefunden hätten. „Statt diesem Eiertanz müssen jetzt die Voraussetzungen geschaffen werden, damit Notfallsanitäter und Notfallsanitäte­rin­nen rechtssicher eigenverantwortlich handeln können", forderte die Obfrau im Gesund­heits­ausschuss. © HK/aerzteblatt.de

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Avatar #629688
Anaesthesist_NRW07
am Donnerstag, 21. November 2019, 10:21

Klare Regelungen äußerst sinnvoll.

Da wurde der Notfallsanitäter geschaffen (an sich sehr sinnvoll), doch im Vergleich zum Rettungsassistenten stellen sich erneut die Fragen nach den "erweiterten" Kompetenzen. Beim Rettungsassistenten ging es dann immer wieder um das nicht-juristische Konstrukt der "Notkompetenz", auch gab es Stellungnahmen von der BÄK und der DIVI. Beim Notfallsanitäter wurden Standardarbeitsanweisungen (SAA) und Behandlungspfade Rettungsdienst (BPR) geschaffen, an deren Entwicklung zahlreiche ÄLRD und Fachverbände beteiligt waren und weiterhin sind. Aber? Juristisch ist es eine äußerst prekäre Situation, wenn nun der Notfallsanitäter eigenverantwortlich tätig wird, denn es ist möglicherweise ein Akt der Heilkunde und dabei gibt es den sogenannten Arztvorbehalt. Guckt man sich nun die aktuellen Stellungnahmen der DGOU und der DGAI/BDA an, dann geht es bei diesen ablehnenden Stellungnahmen um Notfallnarkosen oder Thoraxdrainagen. Immer wieder wird die "hervorragende" Notarztvorhaltung in Deutschland betont. Wenn man in die Praxis der Notfallrettung guckt, dann findet man auch größere Städte im Ruhrgebiet, wo zeitweise Notarztstandorte wegen eines Arztmangels nicht alarmiert können. Im ländlichen Bereich ist das auch längst ein Normalfall. Zudem steigen die Einsatzzahlen immer weiter an (für RTW, NEF, sogar für die Luftrettung). Obendrein verabschieden sich Krankenhäuser aus der Notfallversorgung oder werden abgewrackt. Man kann festhalten: da ist ein gewisser Flow drinnen. Und guckt man nun in die Versorgungsrealität des Notfallsanitäters, dann fangen die juristischen Probleme bereits an, wenn ein Beta2-Agonist und/oder ein Anticholinergikum beim Bronchospasmus vernebelt werden sollen oder auch die Anlage einer Venenverweilkanüle zur Infusion einer Vollelektrolytlösung bei Dehydrierung oder als Grundlage für die weiterführende Glucose-Gabe (i.v.) bei nachgewiesenem hypoglycämischen Schock. Auch die notfallmäßige Verabreichung von Adrenalin-Autoinjektoren bei schwerer Anaphylaxie usw., all das ist juristisch in einer Grauzone. In Realität ist es sogar so, dass das NEF zur Hypoglycämie nachgefordert wird, sich dann doch jemand des primären Rettungsteams (RTW) zur Anlage der Venenverweilkanüle überwinden konnte (was sehr oft passieren wird ) und auch die benötigte Glucose i.v. verabreicht wurde (was auch durch viele ÄLRD und bereits etablierte Fortbildungsmaßnahmen erwünscht ist), man dann als Notarzt 15 Minuten später auf den wachen und stabilisierten Patienten trifft und dieses Vorgehen nun absegnet. Irgendwie nötig, aber nicht sehr ressourcenorientiert. Es geht also ganz sicher nicht um nicht-ärztliche Notfallnarkosen oder Thoraxdrainagen.

Ich kann nur aus fast 20 Jahren Rettungs- und Notarztwesen berichten, dass die Rettungsassistenten, und jetzt Notfallsanitäter, sehr oft gute Arbeit leisten, sichere Arbeitsdiagnosen stellen und in der Tat symptomorientiert Patienten anhand von SOPs antherapieren können. Mehr Rechtssicherheit wäre hier meiner Meinung nach überfällig, letztlich auch für die vielen ÄLRD in Deutschland, die ja nicht selten nebenberuflich bis ehrenamtlich diese Funktion wahrnehmen.
Und als FA Anästhesie und Notarzt würde ich mir zudem wünschen, dass der eigene Berufsstand (Notarzt) sich mal auch selbst an die Nase fasst und zwar mit der Frage: wie aktuell sind meine Versorgungsstrategien (Sicherheit beim Atemwegsmanagement, Trauma-Versorgung, Thoraxdrainagenanlage, Management von pädiatrischen Notfällen, aktuelle Leitlinien, Simulation/Teamtraining)? Denn sowohl aus präklinischer, als auch ZNA-assozierter Versorgung sehe ich hier zunehmenden Fortbildungsbedarf, und das bei den ärztlichen Kollegen/innen. Grund: auch in der Notfallmedizin wächst das Wissen immer schneller an.
Avatar #771898
t0rchy
am Donnerstag, 21. November 2019, 09:28

Verschleiertes Lohn- und Kompetenzdumping

Letztendlich wird über das Seelenstreicheln der Assistenzberufenur erreicht, dass in der Notfallversorgung das durchschnittliche Niveau in Sachen Lohn und Kompetenz gesenkt werden kann.
Dass das rechtzeitige, flächendeckende Eintreffen einer ärztlichen Handlung nicht erfolgt, sollte kein Argument sein, nichtärztliches Personal mit größeren Befugnissen auszustatten. Denn auch dies wird keine notärztliche Versorgung verbessern. Damit legitimiert man lediglich eine weitere Verschlechterung und Ökonomisierung unserer Medizin, nachdem man erfolgreich Assistenz und Arzt gegeneinander ausgespielt hat.
Avatar #750471
Kaffeetasse
am Donnerstag, 21. November 2019, 07:10

Angst, die Butter von Brot geklaut zu bekommen

Niemand will die Notärzte abschaffen, aber gerade im ländlichen Raum ist diese Ressource viel zu oft für Bagatellen gebunden, während bei wirklich kritischen Patienten Anfahrtszeiten von >20 min in Kauf genommen werden müssen.
Es geht in dieser Debatte auch nicht um Notfallkoniotomien, Thoraxdrainagen usw. usf., sondern den normalen Notfallpatienten, dem durch einfache Maßnahmen geholfen werden kann, ohne dass ein Arzt vor Ort sein muss.
Und jeder Arzt, der jammert, der Notarzt soll abgeschafft werden, sollte sich mal überlegen, wie viele NA-Dienste er macht. Das, was bei uns teilweise passiert, um das NEF nicht abmelden zu müssen, grenzt ggü. den Patienten durchaus bereits an Körperverletzung (bis zu 96 h Dienst am Stück...). Da wäre ein NotSan mit ein paar wenigen Maßnahmen, die er durchführen darf, die bessere Option für den Patienten.

Aber Deutschland hat - wie so oft - Angst davor, dass den Ärzten die Butter vom Brot geklaut wird. Zu Lasten der Menschen, für die wir alle da sein sollten: den Notfall-Patienten.
Avatar #650821
notarzt_berlin
am Donnerstag, 21. November 2019, 06:09

Dringend mehr Kompetenz für Notfallsanitäter geboten

Ich verfolge die Diskussion um Kompetenzen von Notfallsanitätern gerade mit Spannung aus Australien. Ich habe viele Jahre in der Notfallrettung in Deutschland gearbeitet (zu Luft und zu Boden) und arbeite aktuell in der Luftrettung (Hubschrauber) im Großraum Sydney. Die Paramedics hier sind exzellent ausgebildet und können selbstverständlich sicher und auf hohem Niveau viele Maßnahmen durchführen, für die in Deutschland ein Notarzt entsendet werden würde. Arztbesetzte Rettungsmittel werden hier nur disponiert, wenn der Arzt sogenannte „meaningful interventions“ beitragen kann. Das schließt eine Notfallnarkose mit Intubation genauso wie Thoraxdrainagen oder Thoraktotomien ein. Thoraxdekompressionen per Nadel werden von den Paramedics selbstverständlich initial selbstständig durchgeführt. Dorthin müssen wir auch in Deutschland kommen. Wir brauchen keine Mediziner auf der Straße, die diese „meaningful interventions“ wenn überhaupt alle Jubeljahre durchführen und null Routine haben. Wir brauchen exzellent ausgebildete Notfallsanitäter in der Breite (das ist Aufgabe von uns Ärzten!) plus hocherfahrene Notfallmediziner die einem entsprechenden Beitrag in besonders komplexen Fällen für die Patientenversorgung beitragen können. Es geht nicht darum, den Notarzt abzuschaffen. Aber die breite Verteilung per Gießkanne der wertvollen Resource „Notarzt“ macht aus meiner Sicht keinen Sinn.
Avatar #768827
Susanne Liljenthal
am Mittwoch, 20. November 2019, 20:43

Der erste Schritt Ärzte aus dem Rettungsdienst zu vertreiben

In Schweden hat man in Zeiten von Ärztemangel in den 60-80ern, paramedizinischem Personal das Recht gegeben, via sg Behandlungsrichtlinien und Delegation, medizinische Behandlung durchzuführen.
Das hat dazu geführt, dass die berufsgruppe der Krankenschwestern/Pfleger besonders prehospital die meisten Ärzte verdrängt hat.
In der Anesthesie sieht es ähnlich aus.
Man sollte sich genau überlegen, ob das eine Entwicklung ist, die man sich In Deutschland wünscht.
LNS

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