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Politik

Systemische Therapie für ambulante Versorgung psychisch kranker Erwachsener zugelassen

Freitag, 22. November 2019

/terovesalainen, stockadobecom

Berlin – Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat beschlossen, die Systemische Therapie für die Behandlung von psychisch kranken Erwachsenen zuzulassen. Die Details des Leistungsan­gebots in der Psychotherapie-Richtlinie sind mit dem heutigen Beschluss geregelt.

Damit steht nun, neben der Psychoanalyse, der Tiefenpsychologisch fundierten Psycho­therapie und der Verhaltenstherapie, ein viertes von der gesetzlichen Krankenversiche­rung (GKV) finanziertes „Richtlinien-Verfahren“ in der ambulanten Versorgung von psy­chisch kranken Menschen zur Verfügung.

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Die Systemische Therapie misst den sozialen Beziehungen innerhalb einer Familie oder Gruppe eine besondere Relevanz für die Entstehung einer psychischen Erkrankung bei. Die Therapie fokussiert entsprechend nicht auf die einzelne Person, sondern auf die Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie und der weiteren sozialen Umwelt.

„Auf diesen Moment haben sehr viele Menschen in Deutschland gewartet. Dem psycho­therapeutischen Angebot der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen ist heute ein hoch­wirksames und innovatives Angebot hinzugefügt worden“, erklärte Ulrike Borst, Vorsit­zende der Systemischen Gesellschaft (SG).

Die beiden systemischen Fachverbände Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und SG haben seit Jahren die sozialrechtliche An­erkennung der Systemischen Therapie gefordert.

Vor genau einem Jahr am 22. November 2018 hatte der G-BA den Nutzen und die medizi­ni­sche Notwendigkeit der Systemischen Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapie­ver­fahren anerkannt. Danach wirkt das Verfahren bei Erwachsenen insbesondere bei Angst- und Zwangsstörungen, bei unipolarer Depression, Schizophrenie, Substanzkon­sum­störungen und Essstörungen. Im nächsten Verfahrensschritt musste die Systemische Therapie noch in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen werden, um Einzelheiten zur Inanspruchnahme zu regeln.

Dem G-BA zufolge kann die Systemische Therapie künftig von ärztlichen und Psychologi­schen Psychotherapeuten mit entsprechender Weiterbildung als Kurzzeittherapie zweimal zwölf Therapiestunden angeboten werden. Als Langzeittherapie kann sie bis zu 48 Stun­den dauern.

Spezifische Anwendungsform „Mehrpersonensetting“

Die Systemische Therapie kann laut G-BA-Beschluss als Einzel- oder Gruppentherapie oder als Kombination dessen angeboten werden – wie die anderen psychotherapeuti­schen Verfahren auch.

Als spezifische Anwendungsform der Systemischen Therapie werde zudem das „Mehrper­sonensetting“ möglich sein. Hierbei werden relevante Bezugspersonen der Patienten in die Behandlung einbezogen. Wenn erforderlich, könne die Anwendung der Systemischen Therapie im Mehrpersonensetting mit der Anwendung in einer Einzel- oder Gruppenthe­rapie kombiniert werden.

Elf Jahre bis zur endgültigen G-BA-Entscheidung

Damit steht elf Jahre nachdem der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie 2008 die Wirksamkeit der Systemischen Therapie für Erwachsenen sowie auch für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen bestätigt hat, das Verfahren für die Versorgung zur Verfü­gung. 2013 hat dann der G-BA das Bewertungsverfahren eröffnet.

2014 wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) beauftragt, eine Nutzenbewertung als Grundlage für die endgültige Entscheidung des G-BA zu erstellen. Der Abschlussbericht des IQWIG lag im Juli 2017 vor.

Nutzenbewertung für Behandlung bei Kindern und Jugendlichen beginnt

„Auch für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen verfügt die Systemische Thera­pie über eine sehr gute Evidenzlage“, sagte Filip Caby, Vorsitzender der DGSF. Der WBP sah einen Nutzen der Systemischen Therapie bei schweren Störungen des Sozialverhal­tens sowie bei Substanzkonsumstörungen und Essstörungen.

Monika Lelgemann, unparteiisches Mitglied und Vorsitzende des Unterausschusses Psy­cho­therapie des G-BA, kündigte heute an: „Derzeit bereiten wir einen Antrag auf Nutzen­bewertung für den Einsatz des Verfahrens bei Kindern und Jugendlichen vor.“

„Wir erwarten, dass der G-BA die Systemische Therapie nun auch sehr schnell für die Be­handlung von Kindern und Jugendlichen zulässt“, erklärt der Präsident der Bundespsycho­therapeutenkammer Dietrich Munz in einer Pressemitteilung.

Der Beschluss zur Änderung der Psychotherapie-Richtlinie wird zunächst dem Bundes­mi­nis­terium für Gesundheit (BMG) zur rechtlichen Prüfung vorgelegt. Er tritt nach Nichtbe­anstandung durch das BMG und Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft.

Die Syste­mische Therapie kann endgültig erbracht werden, nachdem der Bewertungs­aus­schuss über die Höhe der Vergütung im Einheitlichen Bewertungsmaßstab entschieden hat. Es wird damit gerechnet, dass die Systemische Therapie den Versicherten ab Juli 2020 zur Verfügung steht. © PB/aerzteblatt.de

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