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Hilfspfleger verweigert Aussage im Mordprozess

Dienstag, 26. November 2019

/picture alliance, Peter Kneffel

München – Im Prozess um sechsfachen Mordes und dreifachen versuchten Mordes an Patienten hat der angeklagte Hilfspfleger Grzegorz W. heute die Aussage verweigert. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 38 Jahre alten Mann vor, er habe seinen pflegebedürfti­gen Patienten an verschiedenen Tatorten in Deutschland Insulin gespritzt, das als Über­dosis tödlich sein kann. Er soll über das Medikament verfügt haben, weil er – im Gegen­satz zu seinen Opfern – Diabetiker ist.

Ihr Mandant werde „weder zu den persönlichen Verhältnissen noch zur Sache Angaben machen“, sagte seine Verteidigerin Birgit Schwerdt vor dem Landgericht München I. Die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl wandte sich daraufhin direkt an den Angeklagten: „Sie können es sich anders überlegen – jederzeit.“

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Die Anklage geht von Heimtücke, Habgier und niedrigen Beweggründen aus. Neben den sechs Mordfällen und drei Fällen des versuchten Mordes listet die Anklage auch drei Fälle von gefährlicher Körperverletzung auf. Richterin Ehrl wies nach Verlesung der An­klage darauf hin, dass im Falle einer Verurteilung auch Sicherungsverwahrung für den Angeklagten infrage komme.

„Gewissensbisse“ soll Grzegorz W. seinem Gutachter gegenüber eingeräumt haben. „Es tue ihm wirklich leid, dass er das getan habe“, zitiert ihn der Psychiater Matthias Hollweg. „Es gehe um den Mord an alten Menschen“, habe Grzegorz W. ihm gesagt und dass er sich auf eine lebenslange Freiheitsstrafe einstelle. Einem Kriminalbeamten sagte er laut dessen Zeugenaussage vor Gericht: „Er wollte niemanden töten. Er wollte nur, dass die Leute schlafen und er seine Ruhe hat.“ Vor Gericht sagt der 38-Jährige all das nicht.

2008 landete W., der in einem kleinen Ort in Polen aufwuchs, im Gefängnis, berichtet Hollweg weiter – angeblich wegen kleinerer Betrugsdelikte. Erst 2014 kommt er auf freien Fuß. 2015 macht er einen Pflegekurs als Betreuer für alte Menschen und einen Deutschkurs. Sieben Monate dauert das. Dann fängt er an, in verschiedenen Haushalten in Deutschland als Hilfspfleger zu arbeiten.

Für den 78 Jahre alten Günter Neubauer ist das unglaublich. Seine Familie tritt als Ne­ben­kläger in dem Verfahren auf. Neubauers Bruder ist eines der mutmaßlichen Opfer des Mannes, den Medien „Todespfleger“ nennen. „Das System ist skandalös“, sagt er. „Der saß jahrelang im Gefängnis. Der Skandal ist, dass die den trotzdem vermittelt haben.“ Der Ge­sundheitsökonom will den Fall seines Bruders nutzen, um auf Missstände in der Pflege aufmerksam zu machen. „Für meinen Bruder ist es jetzt zu spät“, sagt er. „Aber man weiß ja nicht, ob sich so ein Fall mal wiederholt.“

„84, krank, ist nunmal so“, habe die Familie bei der Beerdigung gedacht. Dann kam die Polizei. Die Leiche des Bruders wurde exhumiert. Als seine Familie erfuhr, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte, sei das „ein Schock“ gewesen. „Wenn jemand die Pflege nur benutzt, um Geld zu machen, dann sind hilflose Menschen ihm ausgeliefert“, sagt Neubauer. © dpa/aerzteblatt.de

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