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Medizin

USA: „Retrogression“ der Mortalität begann schon in den 1990er-Jahren

Mittwoch, 27. November 2019

/Zerophoto - stock.adobe.com

Richmond – Seit 2014 sinkt in den USA erstmals in Friedenszeiten die Lebenserwartung der Bevölkerung. Die Ursachen dieser „Retrogression“ reichen nach einer umfassenden Analyse im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 1996-2016) jedoch weiter zurück. Die Zahl der Amerikaner, die niemals das Rentenalter (mit einer kostenlosen Kran­ken­ver­siche­rung) erreicht, nimmt schon länger ab.

Seit dem zweiten Weltkrieg war die Lebenserwartung der Bevölkerung in den USA jedes Jahr gestiegen. Ärzte und Demografen gingen davon aus, dass es sich gewissermaßen um ein Naturgesetz handelt. Die USA waren stolz auf ihr hochentwickeltes Gesundheitswesen, das der Bevölkerung weltweit die beste medizinische Behandlung ermöglicht. Dass immer mehr Menschen sich die Behandlungen nicht mehr leisten konnten, wurde dabei übersehen, solange die Gesamtentwicklung stimmte.

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Dies ist seit 2014 nicht mehr der Fall. Die Lebenserwartung ist seither jedes Jahr gefallen. Die „Retrogression“ fiel zwar auf das gesamte Land bezogen gering aus. Zwischen 2014 und 2019 waren es gerade einmal 0,3 Jahre (von 78,9 auf 78,6 Jahre).

In einigen Altersgruppen ist die Entwicklung jedoch dramatisch. Während die Sterblichkeit im Kindes- und Jugendalter sowie bei den über 65-Jährigen weiter zurückgeht, nimmt die Mortalität der Menschen im erwerbsfähigen Alter seit einigen Jahren zu. In der Gruppe der 25- bis 64-Jährigen ist die Mortalität seit einem Tiefpunkt im Jahr 2010 um 6,0 % gestiegen. In der Gruppe der 25 bis 34-jährigen betrug der Anstieg sogar 29,0 %.

Steven Woolf und Heidi Schoomaker von der Virginia Commonwealth University School of Medicine in Richmond führen den Anstieg der Sterblichkeit bei jüngeren Menschen zum einen auf Drogen, Alkohol und Suizide zurück. Zum anderen ist die Zahl der Menschen gestiegen, die aufgrund von Adipositas und Bewegungsmangel an Diabetes und arterieller Hypertonie leiden.

Der Anstieg der Drogentoten begann bereits in den 1990er-Jahren. Ein Drogenproblem hatte es zwar schon vorher gegeben, mit einer Heroin-Welle in den 1960er- und 1970er-Jahren und der „Crack“-Epidemie in den 1980er-Jahren. Damals waren jedoch nur gesell­schaftliche Randgruppen betroffen, was sich nicht auf die Gesamtstatistik auswirkte. Dies änderte sich erst in den 1990er Jahren. Der steile Anstieg begann 1996 mit der Einführung von Oxycontin und anderen Opioiden, die von Ärzten bedenkenlos verschrieben wurden. Es folgte eine Heroin-Welle, getragen von den Patienten, denen zuvor Opioid-Schmerzmittel verschrieben worden waren. Zuletzt stieg die Zahl der Drogentoten durch die Verbreitung von potenten synthetischen Opioiden, etwa den Fentanyl-Analoga.

Die Mortalität durch Überdosierungen von Drogen im mittleren Alter ist zwischen 1999 und 2017 um 386,5 % gestiegen, bei den 25- bis 34-Jährigen nahm sie um 531,4 % und bei den 55- bis 64-Jährigen um nicht weniger als 909,2 % zu.

Das zunehmende Alkoholproblem in der Bevölkerung hatte einen Anstieg der Todesfälle an chronischen Lebererkrankungen zur Folge. Die Mortalität stieg seit 1999 um 40,6 %, bei den 25- bis 34-Jährigen sogar zum 157,6 % an.

Die Suizide nahmen in der gleichen Zeit um 38,3 % im erwerbsfähigen Alter und um 55,9 % in der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren zu.

Neben den „äußeren“ Todesursachen (Drogen, Alkohol und Suizide) ist auch die Zahl der Menschen gestiegen, die im mittleren Lebensalter an inneren Erkrankungen infolge von arterieller Hypertonie (plus 78,9 % seit 1999) und Adipositas (plus 114,0 %) sterben. Auch Todesfälle durch Lungenerkrankungen, Diabetes, Schlaganfall und Morbus Alzheimer nehmen zu.

Diese Erkrankungen treten in der Öffentlichkeit weniger in Erscheinung, sie sorgen in den lokalen Medien nicht für Schlagzeilen. Doch laut einer Studie aus dem letzten Jahr stehen in der Gruppe der weißen nicht-hispanischen Bevölkerung 41.000 zusätzlichen Todesfällen durch Drogen und Suiziden mehr als 30.000 Todesfälle aufgrund von inneren Erkrankungen gegenüber (BMJ 2018; doi 10.1136/bmj.k3096). © rme/aerzteblatt.de

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