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Medizin

Einzelne Ketamin-Infusion senkt problematischen Alkoholkonsum

Mittwoch, 27. November 2019

/master1305, stockadobecom

London – Das Narkotikum Ketamin, das wegen seiner halluzinogenen Wirkung als Party­droge beliebt ist und in den USA in „Ketamin Clinics“ zur Behandlung von refraktären Depressionen eingesetzt wird, könnte nach einer Pilotstudie in Nature Communications (2019; doi: 10.1038/s41467-019-13162-w) Alkoholabhängigen helfen, sich von ihren „maladaptive reward memories“ zu befreien.

Psychologen betrachten die Alkoholabhängigkeit als ein erlerntes Verhalten. „Maladap­ti­ve reward memories“ (MRM) sind dafür verantwortlich, dass Personen nach einer erfolg­reichen Entgiftung Gefahr laufen, rückfällig zu werden. Oft genügt allein der Anblick ei­nes alkoholischen Getränks, um einen Konsumwunsch auszulösen, dem viele nicht wider­stehen können.

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Eine erfolgreiche Behandlung muss nach Ansicht von Ravi Das vom University College London darauf zielen, die MRMs aus dem Gedächtnis zu löschen. Erst wenn dies gelingt, könnten Alkoholkranke sich wieder gefahrlos in einer Welt bewegen, in der ständig von visuellen Anreizen zum Alkoholkonsum umgeben sind.

Mit den derzeitigen unterstützenden Behandlungen wie der kognitiven Verhaltensthe­ra­pie oder der Expositionstherapie gelinge es nur, die MRM durch alternatives Lernen zu unterdrücken, nicht aber sie zu beseitigen, schreibt Das. Der Psychopharmakologe sieht in dem NMDA-Antagonisten Ketamin ein Mittel, die MRM zu löschen.

NMDA-Rezeptoren seien im Hippocampus an der Rekonsolidierung des Gedächtnisses be­teiligt, die bei Alkoholabhängigen eine fatale Wirkung haben. Jedes Mal, wenn sie eine Alkoholwerbung sehen, erinnern sie sich an die Glücksgefühle, mit denen der Konsum von Alkohol bei ihnen verbunden war. Und mit jeder aktiven Erinnerung wird das Ge­dächtnis weiter gefestigt.

Ob Ketamin diesen Kreislauf durchbrechen kann, haben Das und Mitarbeiter in einer ex­perimentellen Studie untersucht. Für die Studie wurden 90 Personen mit schädlichem Trinkverhalten ausgewählt. Die Probanden erfüllten zwar nicht die formalen Kriterien einer Alkoholabhängigkeit. Sie befanden sich auch nicht in suchtmedizinischer Behand­lung. Sie lagen jedoch mit durchschnittlich 74 UK Units (jeweils 8 Gramm Alkohol) oder 30 Pints ​​(„Halbe“) Bier pro Woche fünf Mal über der empfohlenen Höchstmenge.

Studie mit Biertrinkern

Alle Probanden waren Biertrinker. Zu Beginn der Studie wurde ihnen ein Glas Bier gezeigt und erklärt, dass sie es nach Abschluss einer Aufgabe trinken dürften. Die Aufgabe be­stand in der Betrachtung von Fotos weiterer alkoholischer Getränke, deren Genuss die Teilnehmer in einem Fragebogen bewerten sollten. Die Präsentation der Schlüsselreize hatte den Zweck, die MRM aus dem Gedächtnis abzurufen, was die Vorfreude auf das Glas Bier erhöhen sollte. Am ersten Termin wurde diese Vorfreude auch erfüllt. Die Probanden durften das Glas Bier trinken.

Am zweiten Tag wurde ihnen das Bier ohne Vorwarnung vorenthalten. Nach der Lerntheo­rie kommt es dann zu einer Destabilisierung der Erinnerung. Doch dem Gehirn gelingt es, die Erinnerung neu zu stabilisieren und wieder abzuspeichern. Beim nächsten Glas Bier ist der Durst dann umso größer.

Schon am dritten Tag sollte es wieder ein Glas Bier geben. Auch dieses Mal wurde das Versprechen nicht erfüllt. Ein Drittel der Probanden erhielt jedoch unmittelbar nach dem Zeigen der Fotos eine intravenöse Infusion mit Ketamin. Die zweite Gruppe erhielt nur eine Kochsalzinfusion. Die dritte Gruppe erhielt ebenfalls Ketamin. In dieser Gruppe war jedoch vorher auf das Zeigen der Fotos verzichtet worden.

Die Behandlung war im Prinzip erfolgreich: In den folgenden zehn Tagen zeigten die Pro­banden, denen Ketamin nach dem Zeigen der Fotos verabreicht worden war, einen signi­fikanten Rückgang in ihrem Bierdurst. Der Alkoholkonsum war bei ihnen stärker zurück­gegangen als in den beiden anderen Gruppen. Auch wenn man sie auf ein kleines Bier einlud, war die Neigung zum Trinken weniger ausgeprägt als in den anderen Gruppen.

Die Wirkung der einmaligen Ketamin-Infusion hielt bis zum Ende der Studie nach neun Monaten an. Auch die Probanden, denen vor der Ketamin-Infusion keine Fotos von alko­holischen Getränken gezeigt worden waren, tranken weniger. Laboruntersuchungen un­ter­strichen die Wirksamkeit der Behandlung: Bei den Probanden mit den höchsten Ketamin-Konzentrationen ging der Alkoholkonsum am stärksten zurück.

Ein Beweis für die klinische Wirkung von Ketamin sind die Ergebnisse natürlich nicht. Zum einen wurden für die Studie keine Patienten mit nachgewiesener Alkoholabhängig­keit ausgesucht, zum zweiten wurde der Alkoholkonsum nicht auf Null gesenkt. Eine Ab­stinenz war nicht das Ziel.

Schließlich gibt es methodische Bedenken gegen die Studie. Obwohl die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip auf die drei Gruppen verteilt wurden, war hatten die Probanden, die Ketamin nach dem Zeigen der Fotos erhielten, zu Beginn einen deutlich höherer Alkohol­konsum als die beiden anderen Gruppen. Dies erklärt, warum trotz des stärkeren Rück­gangs am Ende der Studie in allen drei Gruppen gleich viel Alkohol getrunken wurde. Um den klinischen Stellenwert der neuen Behandlung zu untersuchen, werden deshalb noch weitere Studien erforderlich werden. © rme/aerzteblatt.de

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