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Ärzteschaft

Gehle ist neuer Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe

Montag, 2. Dezember 2019

Hans-Albert Gehle (re.) ist neuer Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKLW). Klaus Reinhardt bleibt Vize­prä­sident. /kd

Münster – Hans-Albert Gehle ist neuer Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL). Der Mediziner aus Bochum wurde am vergangenen Samstag mit 106 von 113 gültigen Stimmen von der Kammerversammlung in Münster gewählt, wie die Kammer mitteilte. Es habe sieben Enthaltungen und keine Gegenstimme gegeben. Da­mit steht der 58-jährige Intensivmediziner aus Bochum für die kommenden fünf Jahre an der Spitze der viertgrößten Ärztekammer im Bundesgebiet.

Gehle folgt auf Theodor Windhorst. Der Bielefelder war nach 14 Jahren an der Kammer­spitze bei den Vorstandswahlen nicht für eine weitere Amtszeit angetreten. Gehle ist Fach­arzt für Anästhesiologie und Innere Medizin sowie Vorsitzender des Marburger Bun­des für den Bereich Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Windhorst wurde von der Kammerversammlung einstimmig zum Ehrenpräsidenten ernannt.

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Im Amt bestätigt wurde der bisherige Vizepräsident der ÄKWL und Präsident der Bundes­ärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt. Der 59-jährige Hausarzt aus Bielefeld, der zugleich Bundesvorsitzender des Hartmannbundes ist, erhielt 97 von 112 gültigen Stimmen bei 15 Enthaltungen.

Gehle betonte in seiner ersten Rede als ÄKWL-Chef, er sei Präsident aller Ärzte. „Wir als Kammerversammlung sollten für alle Ärzte da sein und das bleibt auch immer mein Ziel.“ Er sei Arzt aus Überzeugung und sehe sich selbst als Verfechter der ärztlichen Freiberuf­lichkeit. „Was ich in über zehn Jahren als Kammervorstand gelernt habe, ist Streitkultur.“

Von Vorstandsmitgliedern habe er den Rat bekommen, sich nicht immer über alles aufzu­regen. „Das stimmt für das Miteinander und Untereinander, aber nicht für die Probleme, die uns alle betreffen“, räumte Gehle ein und kündigte an, „bis zum letzten Tag“ aufgeregt und streitbar zu bleiben.

Er sei jetzt 29 Jahre lang ärztlich tätig und habe immer unter Rationierung gearbeitet. „Meine Mutter hieß von Anfang an ‚Fallpauschale‘ und mein Vater hieß ‚Budgetdeckel‘.“ Nach zehn Jahren als Klinikarzt habe er „alles hinschmeißen“ wollen, „so wie viele junge Kollegen heute auch“. Er habe es nicht getan und ähnlich wie er sollten auch alle anderen ein Vorbild für den ärztlichen Nachwuchs sein und sich für den Beruf einsetzen. „Bleibt dabei und wehrt Euch.“

Der neue Ärztepräsident rief seine Kollegen zu gegenseitiger Unterstützung auf. Ziel sei eine „qualitativ hochwertige und arztgerechte Versorgung“. Gleichzeitig kritisierte er das unbegrenzte Leistungsversprechen, das die Politik den Menschen trotz begrenzter finan­zieller Mittel gebe, und den Anspruch der Politik an moderne Krankenhäuser und moder­ne Praxen, ohne entsprechende Investitionsmittel bereitzustellen.

Außerdem komme es durch „halbgare Politik“ immer häufiger zu tätlichen Angriffen, be­tonte Gehle mit Blick auf die Gewalt gegen Ärzte und andere Beschäftigte in Notaufnah­men und im Rettungsdienst. „Das sind Dinge, die müssen wir angehen, und dafür gibt es leider keine einfachen Lösungen.“

Die Digitalisierung solle zwar Vieles erleichtern und Krankenhäuser zu „Smart Hospitals“ machen. „Gleichzeitig wird eine Datenschutzgrundverordnung erlassen, die das „Smart Hospital“ gleich wieder schließt.“ Krankenhäuser wollten und sollten fusionieren, könn­ten es aber nicht, weil das Kartellrecht die Fusion nicht zulasse.

Eine Gefahr sieht Gehle auch im Übertragen ärztlicher Tätigkeiten auf „maschinelle und intelligente Systeme“, die dann alleine über Menschen entscheiden sollen“. Damit werde der Arztvorbehalt aufgelöst. „Das kann so nicht gehen. Da müssen wir uns einmischen.“ Denn der Arzt sei nicht ersetzbar, ebenso das persönliche Arzt-Patient-Gespräch. Er sehe es auch als Aufgabe der Ärzte an, bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens Grenzen festzulegen und die entsprechende Finanzierung einzufordern.

Kein „Downgrading“ des Arztes

Darüber hinaus müsse die Zahl der Medizinstudienplätze dringend erhöht werden. „Wir brauchen kein Downgrading des Arztes als Bachelor, damit er gleichgestellt wird mit an­de­ren Gesundheitsberufen.“ Gehle rief die Mitglieder der Kammerversammlung dazu auf, sich für den ärztlichen Nachwuchs einzusetzen, die „Advokat ihrer Patienten“ sein und gute Arbeit leisten wollten.

Er sprach sich dafür aus, die Fort- und Weiterbildung voranzutreiben und die neue Wei­ter­bildungsordnung so schnell wie möglich umzusetzen. Zudem soll die ambulante Wei­terbildung gefördert, das Förderprogramm „Allgemeinmedizin“ ausgebaut und für die Niederlassung geworben werden. „Wir brauchen auch dringend eine Diskussion über neue Versorgungsformen.“

Die Kammerversammlung solle sich in den neuen Landeskrankenhausplan einmischen und das auch mit Blick auf die Vertragsärzte. Denn Krankenhäuser seien letztlich auch ein Ort für Patienten, die zuhause nicht mehr versorgt werden könnten. Das sei oft nicht nur eine Frage der Erkrankung, sondern auch eine Frage des sozialen Umfelds.

Darüber hinaus plädierte Gehle für eine stärkere Integration von Ärzten aus dem Ausland. „Da müssen wir uns als Kammer etwas anders aufstellen und auch bei den Kenntnisprü­fun­gen unterstützen.“ Denn die Ärzte warteten derzeit bis zu zwei Jahre auf einen Prü­fungs­termin. Das sei deutlich zu lange. „Wir müssen ihnen helfen, sich vorzubereiten, und ihre Integration fördern. Das ist unsere Pflicht.“ Schließlich handele es sich bei ihnen um diejenigen, die den Großteil der Versorgung in den nächsten 20 Jahren übernehmen werden, ist Gehle überzeugt.

Neue Konzepte für die Delegation

Er forderte außerdem die Entwicklung neuer Konzepte für die Delegation ärztlicher Leis­tun­gen sowohl im stationären wie auch im ambulanten Sektor und eine Stärkung der Zu­sammenarbeit zwischen den Berufsgruppen mit gegenseitigem Respekt füreinander.

Seiner Ansicht nach wird die Zusammenarbeit „gerade durch viele Gesetze und Regelun­gen auf die Probe gestellt“. Der Arzt sei aber derjenige, der den Überblick behalten und die Letztverantwortung tragen müsse. „Diese Verantwortung müssen wir klarer definie­ren, als wir das heute tun.“

Für die Steuerung von Patienten in die jeweiligen Versorgungsstrukturen ist nach Auffassung Gehles das Stellen klarer medizinischer Indikationen und damit ärztlicher Sachverstand nötig. „Eine reine ökonomische Steuerung wird nicht funktionieren.“ Es müsse klar sein, welcher Patient eine Behandlung dringlich braucht. „Und das werden wir nicht übers Portemonnaie steuern.“ Daher werde der Arzt als Führungskraft in der Versorgung gebraucht.

„Denn nur das ärztlich geführte Versorgungssystem hat die Gesamtversorgung eines Patienten im Blick“, ist Gehle überzeugt. „Wir Ärzte haben eine ureigene, nur uns zuschreibbare Kompetenz. Die müssen wir klar nach außen tragen und was wird nur zusammen funktionieren, und zwar zusammen mit beiden Körperschaften und mit allen Verbänden“, sagte er mit Blick auf die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Bei der Notfallversorgung und beim Förderprogramm „Allgemeinmedizin“ arbeiteten bei­de Körperschaften schon eng zusammen. „Und das muss man ausbauen.“ Diese Ansicht tei­l­te auch Vize-Präsident Reinhardt. „Es gehört ein hohes Maß an Abstimmungspro­zes­sen dazu und da müssen wir die Zusammenarbeit intensivieren.“ Priorität habe in der Kammerarbeit zunächst der Landeskrankenhausplan und die Notfallversorgung, waren sich Gehle und Reinhardt einig.

Einig waren sie sich auch darin, dass andere Zugangsvoraussetzungen für das Medizin­stu­dium nötig sind, um den Ärztemangel zu beheben. „Die Landarztquote wird das Prob­lem auf Dauer nicht lösen“, ist Gehle überzeugt. „Und die neuen Auswahlkriterien, die jetzt kommen werden, sind auch nicht ideal“, ergänzte Reinhardt. Sie berücksichtigten vor allem das Ergebnis des Medizinertests und die Abiturnote. „Und die Bewertung der Din­ge, die nichts mit den Noten zu tun haben, sind so gering, dass da keine Auswahl getrof­fen wird für die, die andere Fähigkeiten für den Arztberuf mitbringen.“

Der Vizepräsident kritisierte auch den Wegfall der Wartezeit auf einen Studienplatz als Auswahlkriterium. „Das ist ein schwerer Schlag für die, die schon jahrelang gewartet ha­ben, und jetzt kurz vor der Zuteilung waren.“ Derzeit spielten nur noch im Bewerbungs­ver­fahren für die knapp 150 Studienplätze, die über die Landarztquote vergeben werden, andere Kriterien als Testergebnis und Abiturnote eine Rolle. © ts/dpa/aerzteblatt.de

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