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Medizin

Neuroplastizität: Gabapentin fördert Erholung von Mäusen nach Querschnittlähmung

Donnerstag, 5. Dezember 2019

/Juan Gaertner, stock.adobe.com

Columbus – Eine Langzeitbehandlung mit Gabapentin, einem häufig zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingesetzten Antiepileptikum, hat in einer experimentellen Studie im Journal of Clinical Investigation (2019; DOI: 10.1172/JCI130391) Mäusen nach einer hohen Querschnittlähmung zu einer erneuten Beweglichkeit ihrer gelähmten vorderen Extremität verholfen.

Wenn eine Verletzung die Axone im Rückenmark zerstört, kommt es zu einer Querschnitt­lähmung, von der sich die Patienten niemals erholen. Dabei wäre eine „Heilung“ im Prinzip möglich. Nervenzellen haben nämlich die Fähigkeit, neue Axone zu bilden. Warum dies nach einer Querschnittlähmung nicht in einem klinisch relevanten Ausmaß gelingt, ist nicht bekannt.

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Ein Team um Andrea Tedeschi von der Ohio State University in Columbus vermutet, dass die Fähigkeit zum Axonwachstum im Rückenmark durch den spannungsabhängigen Kalzium­kanal unterdrückt wird. In einer früheren Studie konnten die Forscher an Zellen die Regenerationsfähigkeit der Axone durch die Eliminierung des Gens für die Alpha2delta2-Untereinheit des spannungsabhängigen Kalziumkanals wieder herstellen (Neuron 2016; 92: 419-434). Eine ähnliche Wirkung wurde durch Pregabalin erzielt, dass die Alpha2delta2-Einheit blockiert.

Für die aktuelle Studie haben die Forscher die Wirksamkeit von Gabapentin untersucht, das den gleichen Wirkungsmechanismus wie Pregabalin hat (beide gehören zur Gruppe der Gabapentinoide). Sie konnten die früheren Befunde bestätigen. Danach führten sie erstmals tierexperimentelle Studien durch. Sie durchtrennten bei Mäusen das Rückenmark in der Halswirbelsäule auf der Ebene von C5. Dies führte zu der erwarteten halbseitigen Lähmung mit Beteiligung eines Vorderbeins. Danach wurde ein Teil der Mäuse täglich mit Gabapentin behandelt, die anderen Tiere erhielten Placebo.

Nach vier Monaten – was etwa neun Jahren beim Menschen entspricht – hat sich die Lauffähigkeit der Mäuse um ungefähr 60 % verbessert verglichen mit einer Verbesserung um 30 % in der Placebogruppe – der Placeboeffekt dürfte auf einer Kompensierung der Lähmung durch die Beine auf der anderen Seite zu erklären sein.

Keines der Tiere habe sich vollständig erholt, berichtet Tedeschi. Die Vorteile gegenüber der Placebogruppe seien jedoch signifikant. Ob die Behandlung bei Patienten mit Querschnitt­lähmung wirksam wäre, ist nicht bekannt. Da Gabapentin und Pregabalin zugelassene Medi­kamente sind, könnten klinische Studien ohne weiteres begonnen werden.

Interessanterweise werden Gabapentinoide bereits heute bei Patienten mit Querschnitt­lähmung zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Eine vor 2 Jahren in Cell Reports (2017; 18: 1614-1618) veröffentlichte Analyse der „European Multi-centre Study about Spinal Cord Injury“ ergab, dass bei Patienten, die die Medikamente bereits im ersten Monat nach der Querschnittlähmung erhielten, sich die Lähmungen etwas weiter zurückbildeten als bei Patienten, die später oder gar nicht mit den Wirkstoffen behandelt wurden. Es handelt sich jedoch um die retrospektive Auswertung einer Kohortenstudie, aus der laut Tedeschi keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sollten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #760811
krueppel66
am Donnerstag, 12. Dezember 2019, 12:00

Gabapentin und Pregabalin

Hier würde ich als Lyrica- Anwender gern beide mal verglichen haben.
Interressanter Artikel....................
LNS

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