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Medizin

Kopf-Hals-Tumore: Kann Akupunktur Xerostomie nach Radiotherapie lindern?

Montag, 9. Dezember 2019

/dpa

Houston/Shanghai – Eine begleitende Akupunktur zur Radiotherapie von Kopf-Hals-Tumoren hat in den USA und in China das Ausmaß der Mundtrockenheit begrenzt. In den USA erzielte laut der Publikation in JAMA Network Open (2019; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2019.16910) eine Scheinakupunktur eine gleiche Wirkung, während die Patienten in China offenbar die echte von der falschen Akupunktur unterscheiden konnten.

Am Ende der Strahlentherapie kommt es bei mehr als der Hälfte der Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren zu einer Xerostomie, die auf einer strahleninduzierten Schädigung der Speicheldrüsen beruht. Die Mundtrockenheit führt zu Schlaf- und Sprechstörungen, Geschmack- und Schluckstörungen, die die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträchtigen können. Die Behandlungsmöglichkeiten sind beschränkt. Viele Patienten sind auf künstlichen Speichel angewiesen, die den Mund jedoch nur für einige Stunden anfeuchten. Eine effektive Therapie ist eine chirurgische Verlegung der Speicheldrüse, um sie nach der Radiotherapie wieder an ihren ursprünglichen Ort zu transplantieren. Diese Behandlung ist jedoch aufwendig und wird deshalb nur selten durchgeführt.

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In dieser Situation sind ungewöhnliche Therapieansätze gefragt. Vor vier Jahren haben nordamerikanische Radioonkologen schon einmal versucht, die Beschwerden der Patienten durch eine Akupunktur-ähnliche transkutane elektrische Nervenstimulation zu lindern. Die im International Journal of Radiation Oncology • Biology • Physics (2015; 92: 220-227) publizierten Ergebnisse waren jedoch bescheiden.

Ein Team um Lorenzo Cohen vom MD Anderson Cancer Center in Houston hat es deshalb jetzt mit einer echten Akupunktur versucht. Zusammen mit Medizinern der Fudan Universität in Shanghai wurde eine größere randomisierte Studie organisiert, an der 399 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren teilnahmen, bei denen eine Radiotherapie geplant war. Die Studie wurde an zwei Zentren in den USA und in China durchgeführt. Die Patienten in den USA waren etwa zehn Jahre älter und die Tumore befanden sich häufiger im Stadium 4. Die Radiotherapie war in beiden Zentren ähnlich. Eine der beiden Ohrspeicheldrüsen wurde mit mehr als 24 Gy belastet, die andere mit weniger als 24 Gy.

Die Patienten erhielten parallel zur Radiotherapie, die sich über sechs bis sieben Wochen hinzog, dreimal die Woche eine Akupunktur, eine Scheinakupunktur oder lediglich die gleiche symptomatische Behandlung wie in den beiden anderen Gruppen. Die Aku­punkturen (echt oder scheinbar) wurden von in der Behandlung erfahrenen Therapeuten durchgeführt.

Endpunkt war der XQ-Score, der acht Aspekte der Mundtrockenheit bewertet und einen Wert von 0 bis 100 Punkten annehmen kann, wobei höhere Werte eine stärkere Mund­trockenheit anzeigen. Vor der Behandlung hatten die meisten Patienten einen XQ-Score von weniger als 4 Punkten. Ein Jahr nach der Radiotherapie war er in der Kontrollgruppe der US-Patienten im Mittel auf 42,94 Punkte angestiegen. Nach der echten Akupunktur war der XQ-Score dagegen nur auf 32,91 Punkte angestiegen. Nach der Scheinakupunktur lag der XQ-Score nach einen Jahr bei 32,90 Punkte. Echte und falsche Akupunktur hatten demnach eine gleich gute Wirkung erzielt. Nur bei der Scheinakupunktur war der Unterschied zur Kontrollgruppe signifikant, bei der echten wurde das Signifikanzniveau knapp verfehlt.

In China stieg der XQ-Score in der Kontrollgruppe auf 29,59 Punkte – also weniger stark als bei den US-Patienten. Unter der Scheinakupunktur stieg der XQ-Score auf 30,0 Punkte an. Die chinesischen Patienten hatten also durchschaut, dass die Akupunkteure bei ihnen nicht in die Meridiane gestochen hatten oder dass einige Nadeln nicht die Haut penetriert hatten. Die Akupunkteure hatten auch auf eine Manipulation der Nadeln verzichtet, die als Qi-Aktivierung bezeichnet wird und für die die in der Behandlung erfahrenen Patienten ein feines Gespür haben. Die echte Akupunktur mit Qi-Aktivierung erzielte bei den chinesischen Patienten dagegen die erwartete Wirkung. Der XQ-Score stieg hier nur auf 20,74 Punkte an. Die Unterschiede zur Kontrollgruppe und zur Scheinakupunktur waren signifikant.

Cohen ist von der Wirkung der chinesischen Akupunktur überzeugt. Sie gehört für ihn auf die Liste der Behandlungen, die Patienten zur Prävention der Xerostomie angeboten werden sollten. Für den Akupunktur-Kritiker Edzard Ernst, Emeritus für Komplementärmedizin an der Universität von Exeter in England, bestätigen die Ergebnisse dagegen nur frühere Erfahrungen, nach denen Akupunkturstudien aus China notorisch unzuverlässig seien. Die Studie zeige im Wesentlichen, dass Akupunktur kaum mehr als ein „theatralisches Placebo“ sei, meinte Ernst gegenüber der Nachrichtenagentur Science Media Centre. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #103970
DöringDöring
am Montag, 9. Dezember 2019, 19:01

Kopf-Hals-Tumore: Kann Akupunktur Xerostomie nach Radiotherapie lindern?

Nur schauen, wer die Studie gemacht hat, dann weiß man das Ergebnis.
Avatar #555822
j.g.
am Montag, 9. Dezember 2019, 18:41

Geschäftsmodell: Betrug oder Borniertheit

Wer noch halbwegs bei Sinnen ist, sollte entdecken, daß hier nutzloser (für den Patienten) Okkultismus im Spiel ist.
LNS

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