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Politik

Schwesig nennt Schließung der Geburtenstation Crivitz falsche Entscheidung

Dienstag, 10. Dezember 2019

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, spricht vor Beginn einer Kabinettssitzung vor der Staatskanzlei zu Demonstranten, die gegen die geplante Schließung der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Mediclin-Krankenhaus Crivitz zugunsten des Asklepios-Krankenhauses Parchim protestieren. /picture alliance, Bernd Wüstneck

Schwerin – Die Schließung der Geburtenstation in Crivitz bei Schwerin sorgt für Bürger­proteste und Streit innerhalb der SPD/CDU-Koalition. „Auch ich bin von der Entscheidung überrascht worden und ich halte sie für falsch“, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwe­­sig (SPD) heute vor der Staatskanzlei in Schwerin.

Unmittelbar vor Beginn der Kabinettssitzung hatten dort knapp 100 Demonstranten laut­stark gegen die vom Klinikbetreiber Mediclin zum Jahresende geplante Schließung der Geburtshilfe-Station protestiert.

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Mecklenburg-Vorpommerns Ge­sund­heits­mi­nis­ter Harry Glawe (CDU) hatte am vergange­nen Freitag mitgeteilt, dass die Asklepios Klinik Parchim und das Mediclin Krankenhaus Crivitz ihre Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe in Parchim bündeln wollen.

Nachbesserung notwendig

Schwesig machte deutlich, dass sie sich mit der Lösung für Crivitz und Parchim nicht zu­frie­den geben will: „An der Stelle muss nachgebesserte werden“, sagte sie und kündigte dazu Gespräche in der Ministerrunde an. Massive Proteste hatte es in der Vergangenheit schon wegen der Schließung der Kinderstation im Krankenhaus Wolgast gegeben.

Die parteilose Bürgermeisterin von Crivitz, Britta Brusch-Gamm, beklagte heute, dass die Stadt vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei. Mit der Schließung der Geburtshilfe werde ein großes Loch in die medizinische Grundversorgung der Region gerissen, heißt es in einem von ihr verfassten offene Brief an die Landespolitiker. Darin fordert Brusch-Gamm, die Entscheidung für ein Jahr auszusetzen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

Kritik kam auch vom zuständigen Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim, Stefan Stern­berg (SPD). „Das ist der Ausverkauf des ländlichen Raums. Wenn das weiter Schule macht, brechen die kleinen Krankenhäuser bald ganz weg“, sagte er. Für die Klinikbetreiber gehe vor allem um Zahlen und Rendite.

Versorgungsauf­trag zurückgegeben

Die jüngste Debatte hatte sich an der Kinderstation der Asklepios Klinik in Parchim ent­zündet. Dort waren im Frühjahr binnen weniger Wochen fünf Kinderärzte gegangen, so dass die Station wegen Ärztemangels zu Pfingsten geschlossen wurde.

Weil keine neuen Ärzte hätten verpflichtet werden können, werde „der Versorgungsauf­trag für die statio­näre pädiatrische Versorgung zum 31.12.2019 zurückgegeben“, teilte Klinik-Geschäfts­führer Matthias Dürkop mit. Die Versorgung junger Patienten aus der Re­gion soll am­bulant in einer Tagesklinik mit vier Betten erfolgen, hatte Glawe angekün­digt.

Die Bündelung von Gynäkologie und Geburtshilfe in Parchim erfolge aus „qualitätsmedi­zi­nische Erwägungen im Zusammenhang mit der seit langem rückläufigen Geburtenzahl an beiden Standorten in Folge des demografischen Wandels“, hieß es in einer Erklärung der beiden Kliniken.

Im laufenden Jahr wurden an beiden Standorten jeweils weniger als 400 Kinder zur Welt gebracht. Als Mindestrichtwert für eine routinierte und auf Eventualfälle vorbereitete Geburtshilfe würden Experten aber mehr als 500 Geburten an einem Standort ansehen.

Darauf verwies auch Glawe heute vor den Demonstranten. Er versicherte, dass es mit ihm keine Klinikschließungen geben werde. Doch gingen seine Erklärungen in einem Pfeif­konzert weitgehend unter. Schwesig hatte ihren Ge­sund­heits­mi­nis­ter kurzfristig beauf­tragt, in der Kabinettssitzung Bericht über die Pläne der Klinikkonzerne Mediclin und Asklepios zu erstatten. Für die morgen beginnende Landtagssitzung haben die Opposi­tionsfraktionen Linke und AfD Dringlichkeitsanträge zum Thema vorgelegt.

Nach Einschätzung von Linksfraktionschefin Simone Oldenburg hat die Regierungschefin den Streit der Landesregierung um die Schließung der Geburtenstation in Crivitz in aller Öffentlichkeit eskalieren lassen. „Schwesig stellte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Harry Glawe bloß und bezeichnete dessen Entscheidung als falsch. Es rappelt gewaltig in der Kiste der Gro­ßen Koalition“, konstatierte Oldenburg. Warum Glawe die Entscheidung übereilt und offen­bar ohne Rücksprache mit Kabinett, Kommune und Klinikpersonal bekannt gegeben habe, bleibe sein Geheimnis.

In Crivitz und Parchim sind weitere Bürgerproteste und Mahnwachen geplant. Der jüngste Bürgerprotest erinnert an die Reaktionen auf die heftig umstrittene Schließung der Kin­derstation im Krankenhaus Wolgast. Dort wurde nach massiven Protesten schließlich eine „Portalklinik“ als Ersatz geschaffen, stationäre Fälle werden an die Universitätsklinik Greifswald überwiesen. Die Empörung in der Bevölkerung war groß. Der Wahlerfolg der AfD in der Region Vorpommern bei der Landtagswahl 2016 wird von Beobachtern auch mit den Vorgängen um die Kinderstation in Wolgast in Verbindung gebracht. © dpa/aerzteblatt.de

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