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Medizin

„Frische“ Erythrozyten­konzentrate könnten auch bei Kindern ohne Vorteile sein

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Blutkonserven /dpa
/dpa

St. Louis/Missouri – Die bevorzugte Verwendung von „frischen“ Blutspenden mit einer Lagerzeit von weniger als 7 Tagen hat in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2019; 322: 2179-2190) die Behandlungsergebnisse von schwerkranken Kindern auf Intensivstationen nicht verbessert.

Erythrozytenkonzentrate haben dank moderner Aufbereitungsmethoden heute eine Haltbarkeit von bis zu 42 Tagen. Um möglichst alle Spenden zu nutzen, geben die meisten Blutbanken zunächst die ältesten verfügbaren Konserven ab. Bei Kindern machen viele eine Ausnahme. Die pädiatrischen Intensivstationen erhalten stets die „frischesten“ Blutspenden, die typischerweise nicht älter als eine Woche sind.

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Ob diese Praxis den Kindern tatsächlich nutzt, ist in der ABC-PICU-Studie („Age of Blood in Children in Pediatric Intensive Care Unit“) erstmals an einer größeren Patientenzahl untersucht worden. An der Studie beteiligten sich 37 Zentren in Nordamerika, Frankreich, Italien und Israel. Die Ärzte dort waren bereit, 1.538 schwerkranke Kinder im Alter von 3 Tagen bis 16 Jahren, die eine Transfusion benötigten, auf die Verwendung von „frischen“ oder älteren Erythrozytenkonzentraten zu randomisieren. Die „frischen“ Erythrozyten­konzentrate waren im Mittel 5 Tage alt (Interquartilbereich IQR 4 bis 6 Tage). Die älteren hatten eine Lagerzeit von im Durchschnitt 18 Tagen (IQR 12 bis 25 Tage). Sie waren nach den Standards der jeweiligen Blutbank ohne Bevorzugung der schwerkranken Kinder abgegeben worden.

Dass dies kein Nachteil sein muss, zeigen die jetzt von Philip Spinella von der Washington University School of Medicine in St. Louis/Missouri und Mitarbeitern vorgestellten Ergebnisse der ABC-PICU-Studie. Primärer Endpunkt war ein neues oder fortschreitendes Multiorganversagen (MODS) oder der Tod des Kindes. Er trat bei 147 von 728 Kindern (20,2 %) auf, die „frische“ Erythrozytenkonzentrate erhalten hatten, gegenüber 133 von 732 Kindern (18,2 %), bei denen die Blutbanken ihre Standardverteilung angewendet hatten.

Keine signifikanten Unterschiede

Der Endpunkt trat demnach nach der Verwendung der „frischen“ Erythrozytenkonzentrate zu 2,0 Prozentpunkten häufiger auf. Die Verwendung von älteren Blutkonserven könnte demnach sogar günstiger sein. Der Vorteil war jedoch nicht signifikant. Das 95-%-Konfidenzintervall reichte von -2,0 % bis 6,1 %. Minus 2,0 % würde einen leichten Vorteil der „frischen“ Erythrozytenkonzentrate anzeigen.

Die Studie kann deshalb einen therapeutischen Mehrwert der „frischen“ Erythrozytenkonzentrate nicht völlig ausschließen, meint James Cooper von der Monash University in Melbourne. Zu den Einschränkungen gehört für den Editorialisten, dass die Studie trotz der großen Teilnehmerzahl nur eine Risikoreduktion um relativ 33 % sicher hätte nachweisen können. Dies dürfte vielen pädiatrischen Intensivmedizinern aus dem Herzen sprechen, die von den Vorteilen „frischer“ Erythrozytenkonzentrate überzeugt sind.

Ein wichtiges Detail der Studie ist, dass in der Standardgruppe kein Erythrozytenkonzentrat älter als 35 Tage war. Die Studie könne deshalb die Sicherheit von Erythrozyte­nkon­zentraten mit einer Lagerzeit von 35 bis 42 Tagen nicht belegen, schreibt Spinella. Bei Erythrozytenkonzentraten mit kürzeren Lagerzeiten können sich die Blutbanken jedoch auf der sicheren Seite wähnen.

Vor 3 Jahren kam die randomisierte INFORM-Studie („Informing Fresh versus Old Red Cell Management“) an 20.858 erwachsenen Patienten zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier kam es nach der Verwendung von „frischen“ Erythrozytenkonzentraten mit einer Lagerzeit von im Mittel 13,0 Tagen tendenziell häufiger zu Todesfällen (9,1 versus 8,7 %), wobei die Odds Ratio von 1,05 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,95 bis 1,16 ebenfalls das Signifikanzniveau verfehlte. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #555880
ziebur311265
am Donnerstag, 12. Dezember 2019, 00:30

Frische Blutkonserven

Jeder sollte sich dessen bewußt sein, daß eine "Frische Blutkonserve" auch "gealterte" Erythrocyten enthalten, gemäß der täglichen Reproduktionsrate von Erys beim Spender.
Die Statistik in dem Artikel mangelt an der Differenzierung der Gründe, die die Transfusion erforderlich machten und die vielleicht - aber nicht sicher - zum jeweiligen Endpunkt der Studie führten.
Auch ist nicht erkennbar, ob die Bluttransfusionen wegen starker intraoperativer Blutungen indiziert waren oder nicht und ob andere Verfahren zum Einsparen von Transfusionen angewandt wurden. Wenn unten gleich wieder rausläuft, was oben eingefüllt wird, ist das Alter der transfundierten Blutkonserven zu vernachlässigen.

Aus der mangelnden Signifikanz ist kein Rückschluß möglich, das Ergebnis ist eben "nicht signifikant"!
Was aber wohl als positives Ergebnis festzuhalten ist: Die älteren Blutkonserven - und das war die initiale Fragestellung - scheinen keinen Schaden anzurichten! "Primum nil nocere" ist immerhin der oberste Grundsatz ärztlichen Handelns.
LNS

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