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Medizin

Assistierte Reproduktion: Kryokonservierung könnte Krebsrisiko im Kindesalter erhöhen

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Kryokonservierung /dpa
Kryokonservierung /dpa

Kopenhagen – Kinder, die nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) geboren wurden, bei der die befruchtete Eizelle zuvor eingefroren war, haben laut einer bevölkerungsbasierten Registerstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 2203-2210) ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Das absolute Krebsrisiko war jedoch gering.

In Dänemark wird mittlerweile jedes 10. Kind nach einer Hormonbehandlung, Insemination oder assistierter Reproduktion geboren. Neben der intrauterinen Insemination ist die In-vitro-Fertilisation (IVF), einschließlich der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion, die häufigste Methode der assistierten Reproduktion.

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Um der Frau die Strapazen und Risiken einer erneuten ovariellen Hyperstimulierung zu ersparen, werden bei der Behandlung häufig mehrere Eizellen entnommen und nach der Befruchtung tiefgefroren. Die Praxis ist ethisch umstritten. Sie hat sich aber weithin durchgesetzt, weil bei einem 2. Versuch der IVF keine neuen Eizellen aus dem Ovar entnommen werden müssen.

Ob und wenn ja welche Folgen die Kyrokonservierung hat, ist umstritten. Die Zentren berichten von einem erhöhten Geburtsgewicht, das manchmal auch als Argument für die Verwendung von kryokonservierten Embryonen genutzt wird, weil IVF-Kinder eher die Tendenz zu einem niedrigen Geburtsgewicht hätten.

Es gibt jedoch auch Stimmen, die davor warnen, dass der „Wachstumsschub“ negative Folgen haben könnte, zu denen ein erhöhtes Risiko von pädiatrischen Krebserkrankungen gehören könnte. Diese Befürchtung wird jetzt durch eine Studie von der dänischen Krebsgesellschaft Kopenhagen gestützt.

Marie Hargreave und Mitarbeiter haben die Daten aller Kindern analysiert, die zwischen 1996 und 2015 in Dänemark geboren wurden. Darunter waren 37.156 Kinder, die nach einer assistierten Reproduktion zur Welt kamen. In 3.356 Fällen wurden kryokonservierte Embryonen verwendet.

Höhere Krebsinzidenz nach Kinderwunschbehandlung

Insgesamt 14 dieser Kinder sind vor dem 20. Lebensjahr an Krebs erkrankt. Die Inzidenzrate von 44,4 auf 100.000 Personenjahre war damit höher als bei den Kindern der fertilen Mütter, die keine „Kinderwunschbehandlung“ in Anspruch genommen hatten. Dort kam es bei 341 von 174.881 Kindern vor dem 20. Lebensjahr (Inzidenzrate 17,5 auf 100.000 Personenjahre) zu einer Krebserkrankung. Hargreave ermittelte eine Hazard Ratio von 2,43, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,44 bis 4,11 statistisch signifikant war.

Das erhöhte Risiko war vor allem auf Leukämien (5 Krebsfälle; Hazard Ratio 2,87; 1,19 bis 6,93) sowie auf Neuroblastome oder andere Tumore des sympathischen Nervensystems (<5 Krebsfälle; Hazard Ratio, 7,82; 2,47 bis 24,70) zurückzuführen. Andere Aspekte der assistierten Reproduktion waren nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden.

Insgesamt geringeres absolutes Krebsrisiko

Das absolute Risiko war gering. Nach der Verwendung von kryokonservierten Embryonen erkrankte eines von 240 Kindern (3.356/14) an Krebs gegenüber einem von 512 Kindern (174.881/341) der fertilen Mütter.

Die Ursachen für die erhöhte Krebsrate ist nicht bekannt. Hargreave verweist auf tierexperimentelle Studien, in denen die Kryokonservierung zu epigenitischen Veränderungen geführt hat. Dies könnte über das dauerhafte An- oder Abschalten von Genen zur Krebsentstehung geführt haben. Eine andere Möglichkeit ist die zusätzliche Verwendung von Östrogenen oder Gestagenen bei der assistierten Reproduktion. Östrogene sind ein gesichertes Karzinogen, bei Gestagenen wird eine krebsfördernde Wirkung vermutet.

Es ist jedoch auch möglich, dass eine biologische Selektion eine Rolle spielt. Auf kryokonservierte Embryonen wird häufig zurückgegriffen, wenn der erste Versuch mit einem frischen Embryo misslungen ist. Der Misserfolg könnte auf ungünstige genetische Voraussetzungen hindeuten, die dann auch für den in folgenden Versuchen verwendeten kryokonservierten Embryo gelten.

Zu berücksichtigen ist ferner, dass sich die Technik der Kryokonservierung im Verlauf der Jahre verändert hat. Ob das Verfahren im Jahr 2019 mit den gleichen Risiken verbunden ist wie im Untersuchungszeitraum, werden erst zukünftige Analysen zeigen. © rme/aerzteblatt.de

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