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Medizin

Männliche Wissenschaftler präsentieren Forschungsergebnisse positiver als Frauen

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Gruppe von Wissenschfatlern im Labor. /micromonkey, stock.adobe.com
Die Bedeutung ihrer Forschung stellen männliche Wissenschaftler meist größer dar als ihre weiblichen Kolleginnen. /micromonkey, stock.adobe.com

Mannheim/New Haven – Wie bedeutend oder innovativ Forschungsergebnisse erschei­nen, hängt auch von der Darstellung und Formulierungen ab. Dabei sollte man vor allem bei männlichen Wissenschaftlern genauer hinschauen. Denn sie neigen laut einer Be­obachtungsstudie im BMJ dazu, ihre Resultate positiver darzustellen als weibliche Wissen­schaftlerinnen (2019; doi: 10.1136/bmj.l6573).

Die Forscher um Marc Lerchenmüller von der Universität Mannheim analysierten die Ver­wendung von Wörtern wie „neuartig“, „einzigartig“ oder „beispiellos“ in Titeln und Ab­stracts von mehr als 100.000 Artikeln aus der klinischen Forschung und 6 Millionen all­gemeinen Lifescience-Artikeln, die zwischen 2002 und 2017 veröffentlicht wurden.

Diese positiven Begriffe wurden dann mit dem Geschlecht des Erstautors und des letzt­genannten Autors für jeden Artikel verglichen. Sie bewerteten auch, ob dabei der Impact­faktor des Fachjournals eine Rolle spielte.

17 % der Artikel aus der klinischen Forschung waren Erst und Letztautorinnen, während 83 % der Artikel Erstautorinnen und Letztautoren waren. Artikel, in denen sowohl der erste als auch der letzte Autor Frauen waren, verwendeten mindestens einen der 25 po­sitiven Begriffe in 10,9 % im Titel oder im Abstract.

Hingegen lag die Rate bei männlicher Beteiligung (Erst- oder Letztautor) höher bei 12,2 %. Daraus ergibt sich eine absolute Differenz von 1,3 % – was einer relativen Differenz von 12,3 % entspricht (95-%- Konfidenzintervall 5,7% bis 18,9%).

Relevante Unterschiede zeigen sich nur in High-Impact-Fachzeitschriften

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der positiven Präsentation waren am größten in klinischen Fachzeitschriften mit einem Impactfaktor >10.

Hier stellten Forscherinnen ihre Ergebnisse 21,4 % weniger wahrscheinlich positiv dar, als wenn ein Mann als Erst- oder Letztautor beteiligt war (absolute Differenz 10,7% ver­sus 12,9%, relative Differenz 21,4%, 95-%-KI 12,3% bis 30,5%). Bei Fachzeitschriften mit kleineren Impactfaktoren waren die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Autorenschaften nicht signifikant.

Ähnliches galt für allgemeine Lifescience-Fachzeitschriften. Erst ab einem Impactfactor größer 10 ergab sich eine absolute Differenz von 14,4 % versus 12,8 %. Die relative Differenz lag bei 12,8 % (KI 8,2% bis 17,4%).

Positive Wortwendungen führen zu mehr Zitationen

Wer seine Forschung positiv darstellte, hatte auch bessere Chancen zitiert zu werden. In klinischen High-Impact-Fachzeitschriften waren positivere Formulierungen und männli­che Erst- bzw Letztautorenbeteiligung mit einem relativen Zitationsanstieg von 13 % (9,5% bis 16,5%) verknüpft.

Bei den Highimpact-Lifescience-Fachzeitschriften fiel der relative Anstieg etwas geringer aus: 12,0% (10,2% bis 13,8%). Für Fachzeitschriften mit einem Impactfaktor unter 10 konnten die Mannheimer Forscher keine signifikanten Einflüsse auf die nachfolgenden Zitationen feststellen.

An der Häufigkeit von Zitaten wird oft der Einfluss eines Forschers gemessen, was sich auf die Karriere auswirken könne, sagen die Forscher. Die Ergebnisse iherer Studie erklä­ren sie sich auch damit, dass Frauen im Peer Review an höhere akademische Standards gebunden sein könnten.

Die Studie bestätigt, dass sich in der akademischen Medizin und den Biowissenschaften das gleiche Bild, wie in vielen anderen Berufsfeldern zeigt: Frauen sind nach wie vor un­terrepräsentiert und werden seltener zitiert als ihre männlichen Kollegen. Zudem verdie­nen sie niedrigere Gehälter und erhalten weniger Forschungsstipendien.

„Fix the women“ ist der falsche Ansatz

Deshalb sollten Forscherinnen sich aber nicht ihre männlichen Kollegen als Vorbild neh­men, heißt es sinngemäß im Editorial zur Studie. Denn der Ansatz „fix the women“ miss­achte aktuelle Erkenntnisse zur Geschlechtergerechtigkeit.

Stattdessen müsste das System repariert werden, schreibt Julie Silver von der Harvard Medical School und Kollegen im Leitartikel. „Zeitschriftenredakteure müssen sich mit der Geschlechtergerechtigkeit innerhalb ihrer eigenen Organisation befassen.“

Zukünftige Forschungen sollte untersuchen, ob Frauen, die zunächst positivere Darstell­un­gen wählten, einer stärkeren Prüfung unterzogen wurden und dazu aufgefordert wur­den, dies im Rahmen des Peer Review zu ändern.

Denn bei der Studie aus Mannheim handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die zwar mögliche Zusammenhänge aufzeigen, aber keine sicheren Kausalitäten nachweisen kann.

Gehen wir davon aus, dass Ärzte Frauen sind, bis wir etwas anderes wissen. Elizabeth Loder, Head of Research am BMJ

Elizabeth Loder, Head of Research am BMJ, geht noch einen Schritt weiter. Anstatt Frauen zu ermutigen, ihre Forschungsergebnisse positiver zu gestalten, sollten Maßnahmen Männern dazu verhelfen, mehr Zurückhaltung zu üben. Loder plädiert zudem dafür, weib­liche Pronomen als Standard für Ärzte zu verwenden.

Das Vokabular, mit dem Ärzte beschrieben würden, bliebe hartnäckig männlich, kritisiert sie. Bald werden die meisten Ärzte in den USA, Großbritannien und Europa Frauen sein; dies sei bereits in vielen Ländern der Fall, so Loder. „Gehen wir davon aus, dass Ärzte Frauen sind, bis wir etwas anderes wissen. Ich mache den Anfang.“ © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #672734
isnydoc
am Freitag, 20. Dezember 2019, 15:12

Nicht wort- aber fast sprachlos ...

Wörter wie „neuartig“, „einzigartig“ oder „beispiellos“ in Titeln und Ab­stracts zählen ... subjektiv Adjektive summieren - schon summt es!
LNS

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