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Abschalten von Kohlekraftwerken wirkt sich auf Mortalitätsraten und Ernteerträge aus

Dienstag, 7. Januar 2020

Kohlekraftwerk am Ohio River in Kentucky /picture alliance
Kohlekraftwerk am Ohio River in Kentucky /picture alliance

San Diego – Die Umstellung von Kohle auf Erdgas könnte in den USA zwischen 2005 und 2016 geschätzt mehr als 26.000 frühzeitige Todesfälle verhindert haben. Zudem reduzierte das Abschalten von alten Kohlekraftwerken den Verlust bei Mais, Sojabohnen und Weizen um etwa 15 Millionen Tonnen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Umweltwissenschaftlerin Jennifer A. Burney in Nature Sustainability (2019; doi: 10.1038/s41893-019-0453-5). Schweizer und deutsche Wissenschaftler äußern jedoch Zweifel.

Für ihre Studie hat Burney die Auswirkungen sogenannter „short-lived climate pollutants“ betrachtet. Dazu zählen unter anderem Veränderungen bei Aerosol- und Ozonwerten, in der Nähe von neuen Gas- und Kohlekraftwerken und alten Kohlekraftwerken sowie Auswirkungen auf Mortalitätsraten und Ernteerträge. Dazu zog sie der Studie zufolge unter anderem Satellitendaten zur Luftverschmutzung, Informationen zu den meisten Kraftwerken der USA, Angaben zu Ernteerträgen und Daten zu Todesfällen auf Kreis- und Landkreisebene (county) heran.

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Insgesamt rettete die Abschaltung von Kohlekraftwerken im Zeitraum zwischen 2005 und 2016 demnach schätzungsweise 26.610 (5%-95% Konfidenzintervall 2.725-49.680) Leben und 570 Millionen (249-878 Millionen) „Bushels“ Mais, Sojabohnen und Weizen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Diese Schätzungen würden sich noch erhöhen, wenn man die durch den Transport verursachten Verschmutzungen mit einbezöge, schlussfolgert die Autorin. Durch die veränderten Aerosolwerte kam es auch zu leichten lokalen Erwärmungen.

Studiendesign lässt Raum für viele Störfaktoren

Die große Unsicherheitsspanne von 2.725 bis 49.680 Todesfälle „sei lediglich ein sehr grober Schätzwert“, sagt Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt (UBA) in Berlin. Zudem liege keine bevölkerungsbezogene Schätzung vor. Denn mit dem ökologischen Studiendesign habe die Umweltwissenschaftlerin der University of California ausschließlich Analysen anhand durchschnittlicher Werte für Bevölkerungsgruppen durchgeführt, erläutert der wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Umwelthygiene.

Auch Nino Künzli, Vizedirektor des Schweizerischen Tropen und Public Health Institut Basel (Swiss TPH) räumt ein: „Für die Berechnung der Zusammenhänge zwischen der Abnahme der Luftverschmutzung und der Gesundheit sollte man sich niemals auf solche Makro-Rechnungsmodelle abstützen; mit diesen können all die anderen für die Gesundheit sehr wichtigen individuellen Ko-Faktoren, wie etwa das Rauchen, nie berücksichtigt werden.“ Deshalb könnten sich auch völlig verzerrte, sinnlose Zusammenhänge ergeben, so Künzli. Diese Unsicherheiten habe die Autorin in ihrer Studie allerdings klar dokumentiert.

Eine direkte Übertragung der Resultate ohne Berücksichtigung der lokalen Daten scheint dem schweizer Wissenschaftler „heikel“ – auch wenn die generellen Trends, welche die Studie für die USA aufzeichnet, wohl auch in Europa zutreffen dürften. „In Europa wäre es allenfalls sinnvoll, solche Hochrechnungen nicht nur für Kohlekraftwerke, sondern auch für die Folgen der verfehlten Dieselstrategien der letzten 30 Jahre aufzuzeigen“, sagt Künzli, der auch Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene (EKL) des Bundesrats der Schweiz ist.

Andererseits wurden zum Beispiel Folgen der Schwermetallbelastung, aber auch anderer Schadstoffe, durch Kohlekraftwerke nicht in die Analysen inkludiert, was eher zu einer Unterschätzung der Gesundheitsrisiken führt. Hans-Peter Hutter, Medizinische Universität Wien

Weniger kritisch kommentiert Hans-Peter Hutter, stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien, das Studiendesign: „Es ist angesichts der Schwierigkeiten sicherlich gelungen, grobe und starke Störvariablen zu erfassen, die das Ergebnis beeinflussen könnten.“ Bei einer so umfassenden Analyse seien gewisse Unsicherheiten beziehungsweise weitere Einflüsse nicht im vollen Umfang einzuschließen. „Andererseits wurden zum Beispiel Folgen der Schwermetallbelastung, aber auch anderer Schadstoffe, durch Kohlekraftwerke nicht in die Analysen inkludiert, was eher zu einer Unterschätzung der Gesundheitsrisiken führt“, ist Hutter überzeugt.

Die Umstellung von Kohle auf Erdgas für die Stromerzeugung in den Vereinigten Staaten hat die Kohlendioxidemissionen zwar verringert. Dennoch lag der CO2-Ausstoß in den USA 2018 noch bei 5.275 Millionen Tonnen und 16,1 Tonnen pro Kopf. Der Pro-Kopf-Ausstoß wird nur von 12 Ländern getoppt, beispielsweise Saudi-Arabien (18,6 Tonnen) und Australien (16,8 Tonnen). Deutschland lag 2018 bei 9,1 Tonnen/Kopf CO2-Ausstoß. © gie/aerzteblatt.de

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